Rezension Trinidad-Roman: Wahlkampf auf karibisch – Oder: Eine Hand wäscht die andere, von V.S. Naipaul (1958, engl. The Suffrage of Elvira) – 7 Sterne

Das groteske Wahlkampfspektakel im hinterwäldlerischen Inland von Trinidad bringt Geldgier, Aberglaube, Standesdünkel und Machtpoker zum Vorschein. Das übliche Demokratieverständnis wird parodiert; so erklärt Harichand, der örtliche Druckunternehmer, ganz ernst: Demokratie ist, wenn ich an den Druckaufträgen der Parteien verdiene.

Fast wie im richtigen Leben?

Vermutlich hat Naipaul (1932 – 2018) das alles wirklich so erlebt, wie er es als Roman schildert: Er kannte das Ränkespiel der Politik aus der eigenen Familie mütterlicherseits, und der Vater war ein kleiner Journalist.

Und so wirken die Figuren alle aus dem prallen Leben gegriffen mitsamt ihrem ständigen Bestreben, sich dünkelhaft von anderen Religionen, Rassen und Einkommensklassen abzusetzen. Man ist hautnah dabei in diesem heißen, feuchten, schlammigen Landstrich, wenn sich blasierte Handwerker und Kaufleute aufspielen und Wahlhelfer krampfhaft Kranke suchen, die der Kandidat mildtätig unterstützen (oder gern auch beerdigen) könnte. Das kaputte lokale Pidgin-Englisch der arrivierten Lokalgrößen wirkt noch eigentümlicher als bei den Handlangern und Tagelöhnern, die Naipaul in seinen anderen Trinidad-Büchern beschreibt.

Zur Vorgeschichte des Buchs:

Es ist das dritte Buch seiner Karriere; doch als V.S. Naipaul mit dem Schreiben begann, waren die ersten beiden noch nicht erschienen – „Miguel Street“ und „Der groteske Masseur“. Auf den ersten Blick passt „Wahlkampf auf karibisch“ (engl. „The Suffrage of Elvira“) gut in den Reigen der vier frühen Naipaul-Bücher – geschrieben in England, doch noch zehrend von der Jugend und einem späteren Heimatbesuch in Trinidad: kauzige, humorige Tropen-Bücher voller Slapstick, Melankomie, krudem Pidgin-Englisch und subtil genauer Beobachtung. Insgesamt unterhaltsames Hot Country Entertainment nach meinem Geschmack.

„Wahlkampf auf karibisch“ ist jedoch einen Tick dunkler und grimmiger als „Miguel Street“, „Der mystische Masseur“ oder auch als „Ein Haus für Mr. Biswas“ (ebenfalls auf Trinidad angesiedelt). In „Wahlkampf auf karibisch“ zeigt Naipaul etwas weniger fein lächelnde Menschenliebe und mehr sarkastische, offene Satire als bei anderen frühen Büchern. Offenbar befeuerte ihn auch die Wut auf seinen Verleger André Deutsch, der die fertigen Manuskripte „Miguel Street“ und „Mystic Masseur“ nicht herausbrachte.

  • V.S. Naipauls vier frühe Trinidad-Romane sind alle amüsant und sehr empfehlenswert – eine Übersicht

Lesenswert, unterhaltsam und spannend ist „Wahlkampf auf karibisch“ allemal:

Auch die Konstruktion überzeugt, wie immer in Naipauls früher Phase mit viel Dialog und wechselnden Perspektiven. Ich kenne jedoch nur das englische Original und nicht die deutsche Übersetzung. Das Pidgin-Englisch der Dialoge ist eine Herausforderung, in voller Qualität lässt es sich nicht eindeutschen.

Fragt sich, warum die Süddeutsche Zeitung diesen frühen Naipaul für ihre Humor-Reihe gewählt hat und nichts Besseres. Rechtliche Gründe? Naipauls anderen Frühwerke sind nämlich lustiger, oder zumindest subtiler und gleich lustig.

Das gilt besonders für „Mr. Biswas“, der zudem gut übersetzt wurde – gut meint hier, das amüsante Pidgin-Englisch wurde in Normaldeutsch übertragen. Lustig ist auch der „Mystische Masseur“, doch dessen Eindeutschung leidet schwer unter dem Versuch, das Pidgin-Englisch der Dialoge in ein fantasiertes Pidgin-Deutsch umzusetzen.

Diese Bücher aus der Naipaul-Familie passen dazu:

Wer Englisch liest und Spaß an Naipauls karibischen, kauzigen Pidgin-Dialogen hat, sollte unbedingt „Miguel Street“ bestellen, ein zu Unrecht vergessenes Juwel. Empfehlenswert, wenn auch nicht auf dem selben Niveau, ist in diesem Kontext außerdem Fireflies von V.S. Naipauls kleinem Bruder Shiva Naipaul. Sogar die Gurudeva-Episoden des Vaters Seepersad Naipaul sind keine vergeudete Zeit.

Der wahre Meister ist jedoch V.S. Naipaul, und er hat mit Mr. Stone and the Knights Companion noch eine gelungene, feinsinnige London-Satire geschrieben, die kurz nach den Trinidad-Romanen und vor den späteren, ernsten Meisterwerken wie „A Bend in the River“ oder den Indien-Berichten entstandt. „Mr. Stone“ gibt es auch als Teil des Sammelbands The Nightwatchman’s Occurrence Book; der enthält zudem „Suffrage of Elvira“ (also das Original von „Wahlkampf auf karibisch“) und einige exzellente, ebenfalls subtil humorvolle Kurzgeschichten, so das Titelstück.

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