Kritik Erzählung: Freya von den Sieben Inseln, von Joseph Conrad (1912, engl. Freya of the Seven Isles) – 7 Sterne

Dieser Ich-Erzähler berichtet sehr sicher und gefällig, wie ein Seebär beim Cognac, man folgt der Geschichte gern. Die beginnt freilich auch zu malerisch: Die schöne Freya im Haus überm Meer spielt auf dem Klavier, und ihr Galan Jasper reist per Zweimaster an. Freyas wohlmeinender Kapitänvater retiriert derweil verständnisvoll auf die hintere Veranda.

Der Ton ist runder als in frühen Romanen etwa aus Joseph Conrads Lingard-Trilogie. Es gibt keine quälenden Längen, auch keine Hektik oder deftige Ironie (wie in einigen frühen Kurzgeschichten aus Tales of Unrest). Es gibt allerdings auch keine interkulturellen Begegnungen, keine Diplomatie der Kulturen – auf dieser exotischen Bühne agieren nur Dänen, Engländer und Niederländer; die Geschichte handelt von verhängnisvoller Schicklichkeit, bösartiger Eifersucht und Machtmissbrauch.

Zu aufdringlich deutet Joseph Conrad (1857 – 1924) schon früh Unheil an: er führt zwei sinistre Figuren ein und macht bedrohliche Andeutungen. Wie in anderen Büchern hält Conrad die Erzählperspektive nicht sauber durch; hier berichtet der Ich-Erzähler gelegentlich Dinge, die er nicht wissen kann. Obwohl ich sonst gern meckere, hat mich das nicht sehr gestört (weil ich dem Ausgang der Geschichte entgegensabberte).

Freie Assoziation:

  • Der Vater lagert eine Tochter nach Singapur aus, später kehrt sie ins entlegene Nest zurück – das gibt’s auch in Joseph Conrads Erzählung Almayers Luftschloss/Almayers Wahn.
  • Die Story spielt wie so oft bei Joseph Conrad im südostasiatischen Inselreich; doch anders als in Joseph Conrads frühen Romanen und Geschichten wie Der Verdammte der Inseln oder The Lagoon agieren in der später geschriebenen Freya-Erzählung kaum Asiaten
  • Freya schwärmt, „it will be no man who will carry me off – it will be the brig, your brig – our brig… i love the beauty!“ Diese Schiffverliebtheit zeigt auch Kapitän Lingard in Die Rettung
  • Eine Geschichte spielt in fernen Gestaden, doch alle Hauptfiguren sind Engländer oder Holländer, Einheimische kellnern allenfalls – das gibt’s zu Genüge auch bei Graham Greene

Joseph Conrad auf HansBlog.de:

 

 

 

spielt ca.*

Hans­Blog-Wertung (x von 10)

Goodreads Wertung (x von 5) (Stimmen)**

Stil

Verfilmung

 

Lingard-Trilogie

 

 

 

 

 

 

(1898/) 1920

Die Rettung (Lingard 1/3)

The Rescue

1850er

3

3,7 (269)

Liebe: völlig unglaubwürdig, blitzartig, Frauenfigur undefiniert

Schauplätze: Segelschiff, Meer, Küste

Stil: schwülstig

Handlung: langsam, unübersichtlich

--- The Rescue (1929). R Herbert Brenon, mit Ronald Colman, Lili Damita (Wiki)

1896

Der Verdammte der Inseln  (Lingard 2/3)

An Outcast of the Islands

1872

 

3,71 (57)

Liebe: Beginn glaubwürdig, spätere Besessenheit albern

Schauplätze: Dorf und Handelsposten am Flussufer, Fluss

Stil: teils pathetisch, teils geschriftstellert, teils ironisch

Handlung: teils zügig, teils künstlich verlangsamt

--- Der Verdammte der Inseln (1951). R Carol Reed, mit Trevor Howard

1895

Almayers Luftschloss bzw. Almayers Wahn  (Lingard 3/3)

Almayer's Folly

1887

7

3,56 (119)

Liebe: unglaubwürdig, blitzartig, Frauenfigur undefiniert

Schauplätze: Dorf und Handelsposten am Flussufer, Fluss (identisch mit Teil 2)

Stil: überwiegend trocken, letztes Viertel pathetisch

Handlung: zügig (pathetischer und langsamer im letzten Viertel)

--- La Follia di Almayer | La folie Almayer (1972 o. 1973). R Vittorio Cottafavi, mit Giorgio Albertazzi, Rosemary Dexter

--- La folie Almayer (2011). R Chantal Akerman, mit Stanislas Merhar, Aurora Marion

--- Hanyut | Almayer's Folly | Gunung Emas Almayer | Almayer's Golden Mountain (2014). R U-Wei Haji Saari,  mit Peter O'Brien, Diana Danielle (malays. Produktion)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erzählungen

 

 

 

 

 

 

1898

Geschichten der Unrast (5 Gesch.)

Tales of Unrest

 

7

3,75 (362)

Liebe: teils blitzartig und mit fatalen Folgen, Frauen unspezifisch

Schauplätze: 2x Südostasien, London, Kongo, Bretagne

Stil: teils ironisch, teils pathetisch

Handlung: überwiegend zügig

 

1912

Freya von den sieben Inseln

Freya of the Seven Isles

 

7

3,52 (46)

Liebe: nicht blitzartig

Schauplatz: südostasiatische Insel-Kolonialwelt

Stil: gediegen erzählerisch, teils unheilvoll andeutend

Handlung: nicht zu langatmig

 

* Info aus Kommentar zu An Outcast of the Islands, Ausgabe Oxford World’s Classics, 2002, S. 284

**Stand Herbst 2020

Verbindungen innerhalb der Lingard-Trilogie:

Im schwülstigen Teil 1 (Die Rettung, zuletzt fertiggestellt) ist Tom Lingard die Hauptfigur und ein heldenhafter Kapitän; das ganze Buch ist schwer pathetisch. In Teil 2 (Verdammter der Inseln) und vor allem Teil 3 (Almayers Luftschloss) erzählt Conrad nüchterner, und Lingard ist nur eine Nebenfigur, die nicht an den Lingard aus der Rettung erinnert.

Die Teile 2 und 3 haben teils identische Schauplätze, Figuren, Handlungen, man sollte sie hintereinander lesen. Die Hauptfigur ist einmal Willems, einmal Almayer, doch sie zeigen viele Gemeinsamkeiten, u.a. die Ehe mit einer ungeliebten, inkompatiblen Nichtweißen ("A dismal woman!", Der Verdammte S. 11), die auf Druck eines reichen Geschäftsfreunds und Gönners geheiratet wurde. Auch die Erzählweise mit Rückblenden, vielen Teilen und Kapiteln, unterscheidet sich in den Teilen 2 und 3 nicht. Dazu kommen spannende interkulturelle Begegnungen mit Malaiien, Europäern, Arabern, Chinesen.

Alle drei Romane zeigen eine unrealistisch rasend verliebte Hauptfigur – so schwer nachvollziehbar wie in einem verklärten Bollywood-Schinken.

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