Romankritik: Die Rettung, von Joseph Conrad (1920, engl. The Rescue, Lingard-Trilogie Teil 1 von 3) – 3 Sterne

Fazit:

Der Ton ist teils märchenonkelhaft und voll überflüssiger Adjektive und Verallgemeinerungen. Teils konnte ich der Geschichte nicht folgen – weder den Gefühlen und Entscheidungen der Protagonisten noch den Inter-Island-Streithändeln – und musste in der englischen Zumbuchwiki die Handlung nachlesen; selbst dort verstand ich nicht alles.

Die Figuren erscheinen zu diffus, zu holzschnittartig lieb oder böse; die Hauptfigur, Kapitän Lingard, wirkt zu heroisch, solitär und überlegen („very lonely, dangerous and romantic“, S. 181). Die Erzählstimme ist weitaus zu pathetisch. Der Roman schreitet (segelt) sehr gemächlich voran.

Oh Pathos:

Die Liebesgeschichte und das ganze Seelengewuhre textet Joseph Conrad  (1857 – 1924) haarsträubend pathetisch:

S. 142: This man had presented his innermost self unclothed by any subterfuge. ((…)) of all the men in the world this unquestionably was the one she knew best

Wieder und wieder raunt Joseph Conrad zudem seebärmäßig von Wolkentürmen und Meeresweiten – zu aufdringlich:

S. 56: ((the boat)) floated quietly with folded wings upon the transparent sheet of water, under the radiant silence of the sky.

S. 168: The ebbing of the sea athwart the lonely sheen of flames resembled the eternal ebb-tide of time.

Die Zumbuchwiki erwähnt die starke Untergliederung und Zwischentitel als Schwäche des Romans. Irritiert haben mich auch seltsame Zeitsprünge. Mehrfach erwartet man ein dramatisches Erlebnis – dann ist es plötzlich vorbei, und die zuvor so gefährdeten Akteure reminiszieren an der Reling das Geschehen.

Adjektive und Adverbien:

Die Adjektivkaskaden betonen die emotionale Sprache:

S. 197: her face within the dark cloth had turned an intense and unearthly white, in which the violet of her eyes appeared unfathomably mysterious.

S: 201: Their glances plunged infinitely deep into a lightless void ((…)) the piteous whine of the dog, mingled with the angry rattling of the chain, reached their ears, evoking obscure images of distress and fury. A sharp bark ending in a plaintive howl…

S. 206: a pair of deep-sunk, expressionless eyes with an almost unearthly detachment ((…)) that strange and pregnant abstraction

Aber auch bei Adverbien greift Conrad mit Musik in die Saiten:

S. 244: a gorgeously got-up play on the brilliantly lighted stage of an exotic opera

S. 249: ((…)) consciously or unconsciously he took her spiritually for granted. It was materially that she was ((…))

Sprache:

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, in der 1978er Ausgabe der Penguin Modern Classics. Das Englisch klingt dezidiert altmodisch mit wunderlichen Postpositionen. Der Ausdruck „to hornify his hearers“ ist wohl ein Tippfehler (S. 67), schade eigentlich.

Immer wieder verwendet Conrad kolonial-ethnische Stereotypen, die DLF-Moderatoren oder Edward Said garantiert zu Twitterstürmen provozieren, u.a.

S. 23: a man nearly black, not much bigger than a large ape ((…)) with spidery movements of their lean arms

S. 29: Chinamen, or niggers, or such people as must be kept in order and won’t listen to reason

S. 66: a mop-headed, sooty crowd

S. 67: miserable huts built of rotten mats and bits of decayed canoes ((…)) the miserable dwelling

S. 68: the savages

S. 255: More of a European than of a Spaniard

Es gibt aber auch das Narrativ vom edlen Wilden.

Zweimaster mon amour:

Nautisches beschreibt Conrad fortwährend zu ausführlich, so etwa auf Seite 74:

With one hand upon the lead-line which would give him instant warning of the brig beginning to drag, he stood by the rail

Dazu kommt viel nautisches Englisch, u.a. „cuddy“. Darunter auch Ausdrücke, die man heute eher aus anderem Zusammenhang kennt, etwa „conned“ oder sehr häufig (sic) „poop“, ganz zu schweigen von „ejaculate“ und „passed out“ (S. 200).

Kein Wunder, dass die Hauptfigur und ihr Erzähler das Schiff wohl mehr lieben als jeden Menschen:

S. 84: a very smart brig ((…)) almost too pretty

She ((the boat)) was beautifully precious. His loving eyes saw her floating at rest in a wavering halo, between an invisible sky and an invisible sea, like a miraculous craft suspended in the air.

S. 190: The brig and I are one.

S. 191: ‚There’s nothing in the world I love so much as this brig‘, he went on.

Und das Schiff erwidert diese Liebe:

S. 84: the brig, answering in her movements to the state of the man’s mind

Wie eine Frau.

Persönliche Erklärung:

Normal lege ich so etwas nach zehn Seiten weg. Ich habe den Schmalz nur weitergelesen, weil ich einen gewaltigen Joseph-Conrad-Bonus anrechnete und in der Hoffnung, dass die weiteren Teile der Lingard-Trilogie besser werden; außerdem faszinieren mich halt Geschichten aus dem globalen Süden. Es ist aber wirklich ein Schmarrn.

Auf Seite 300 von 380 konnte ich dann wirklich nicht mehr. Ende. Das gab’s noch nie, einen Roman nach drei Vierteln wegzulegen – nach so viel Zeitinvestition. Immerhin wusste ich um die ausführliche Inhaltsangabe der englischen Wikipedia; und habe noch mal die letzten drei Romanseiten gelesen. Und selbst danach war mir noch unklar, was aus der Nebenfigur Mr. Travers wurde.

Geschrieben mit Unterbrechung:

Joseph Conrad unterbrach die Arbeit am Rettung-Roman für gut 20 Jahre, weil ihm andere Bücher dringlicher erschienen, wie er im Vorwort sagt. Eine Schreibarbeit, die der Verfasser für Jahre unterbricht und dann doch selbst zu Ende bringt, das gibt’s im HansBlog-Kanon auch bei Thomas Manns Felix Krull und bei The East, the West, and Sex.

Bei Thomas Mann fallen Stil-Brüche auf, bei The East… fallen Brüche im Narrativ auf, doch bei Joseph Conrad bemerkte ich keine Bruchkante.

Freie Assoziation

  • Die fortwährend schwarz dräuenden Wolken über trügerisch spiegelglattem Meer erinnern an andere Conrad-Geschichten wie Taifun (engl. Typhoon) oder Der geheime Teilhaber (engl. The Secret Sharer)
  • Die Fast-Südseeatmosphäre hat Noten von Robert Louis Stevenson und W. Somerset Maugham
  • Die bedeutungsschwanger per Ring besiegelte Freundschaft zwischen dem Engländer Lingard und dem blaublütigen Malaien Hassim hat etwas von den interethnischen Blutsbrüderschaften zwischen Lederstrumpf und Häuptling Chingachgook sowie zwischen Old Shatterhand und Winnetou (und dann hat Hassim auch noch eine Schwester, die fast schon Nscho-tschi heißen könnte)
  • Ein Autor erinnert sich raunend genüsslich an die exotische Ferne, die er einst bewohnt, doch jetzt sitzt er in nassen kühlen Breiten – das gilt nicht nur für Joseph Conrads Die Rettung, sondern ähnlich auch für Tania Blixens Jenseits von Afrika, mehr noch für ihr Schatten im Gras
  • Kapitän Lingards Schiffverliebtheit zu seiner Zweimasterin kehrt wieder in Conrads Erzählung Freya von den sieben Inseln, wo die Heldin schwärmt, „it will be no man who will carry me off – it will be the brig, your brig – our brig… i love the beauty!“
  • Der schwülstig blasierte Ton erinnert an die unsäglichen Wandlungen einer Ehe von Sándor Marai

Joseph Conrad auf HansBlog.de:

 

 

 

spielt ca.*

Hans­Blog-Wertung (x von 10)

Goodreads Wertung (x von 5) (Stimmen)**

Stil

Verfilmung

 

Lingard-Trilogie

 

 

 

 

 

 

(1898/) 1920

Die Rettung (Lingard 1/3)

The Rescue

1850er

3

3,7 (269)

Liebe: völlig unglaubwürdig, blitzartig, Frauenfigur undefiniert

Schauplätze: Segelschiff, Meer, Küste

Stil: schwülstig

Handlung: langsam, unübersichtlich

--- The Rescue (1929). R Herbert Brenon, mit Ronald Colman, Lili Damita (Wiki)

1896

Der Verdammte der Inseln  (Lingard 2/3)

An Outcast of the Islands

1872

 

3,71 (57)

Liebe: Beginn glaubwürdig, spätere Besessenheit albern

Schauplätze: Dorf und Handelsposten am Flussufer, Fluss

Stil: teils pathetisch, teils geschriftstellert, teils ironisch

Handlung: teils zügig, teils künstlich verlangsamt

--- Der Verdammte der Inseln (1951). R Carol Reed, mit Trevor Howard

1895

Almayers Luftschloss bzw. Almayers Wahn  (Lingard 3/3)

Almayer's Folly

1887

7

3,56 (119)

Liebe: unglaubwürdig, blitzartig, Frauenfigur undefiniert

Schauplätze: Dorf und Handelsposten am Flussufer, Fluss (identisch mit Teil 2)

Stil: überwiegend trocken, letztes Viertel pathetisch

Handlung: zügig (pathetischer und langsamer im letzten Viertel)

--- La Follia di Almayer | La folie Almayer (1972 o. 1973). R Vittorio Cottafavi, mit Giorgio Albertazzi, Rosemary Dexter

--- La folie Almayer (2011). R Chantal Akerman, mit Stanislas Merhar, Aurora Marion

--- Hanyut | Almayer's Folly | Gunung Emas Almayer | Almayer's Golden Mountain (2014). R U-Wei Haji Saari,  mit Peter O'Brien, Diana Danielle (malays. Produktion)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erzählungen

 

 

 

 

 

 

1898

Geschichten der Unrast (5 Gesch.)

Tales of Unrest

 

7

3,75 (362)

Liebe: teils blitzartig und mit fatalen Folgen, Frauen unspezifisch

Schauplätze: 2x Südostasien, London, Kongo, Bretagne

Stil: teils ironisch, teils pathetisch

Handlung: überwiegend zügig

 

1912

Freya von den sieben Inseln

Freya of the Seven Isles

 

7

3,52 (46)

Liebe: nicht blitzartig

Schauplatz: südostasiatische Insel-Kolonialwelt

Stil: gediegen erzählerisch, teils unheilvoll andeutend

Handlung: nicht zu langatmig

 

* Info aus Kommentar zu An Outcast of the Islands, Ausgabe Oxford World’s Classics, 2002, S. 284

**Stand Herbst 2020

Verbindungen innerhalb der Lingard-Trilogie:

Im schwülstigen Teil 1 (Die Rettung, zuletzt fertiggestellt) ist Tom Lingard die Hauptfigur und ein heldenhafter Kapitän; das ganze Buch ist schwer pathetisch. In Teil 2 (Verdammter der Inseln) und vor allem Teil 3 (Almayers Luftschloss) erzählt Conrad nüchterner, und Lingard ist nur eine Nebenfigur, die nicht an den Lingard aus der Rettung erinnert.

Die Teile 2 und 3 haben teils identische Schauplätze, Figuren, Handlungen, man sollte sie hintereinander lesen. Die Hauptfigur ist einmal Willems, einmal Almayer, doch sie zeigen viele Gemeinsamkeiten, u.a. die Ehe mit einer ungeliebten, inkompatiblen Nichtweißen ("A dismal woman!", Der Verdammte S. 11), die auf Druck eines reichen Geschäftsfreunds und Gönners geheiratet wurde. Auch die Erzählweise mit Rückblenden, vielen Teilen und Kapiteln, unterscheidet sich in den Teilen 2 und 3 nicht. Dazu kommen spannende interkulturelle Begegnungen mit Malaiien, Europäern, Arabern, Chinesen.

Alle drei Romane zeigen eine unrealistisch rasend verliebte Hauptfigur – so schwer nachvollziehbar wie in einem verklärten Bollywood-Schinken.

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