Kritik frühe Kurzgeschichten: Geschichten der Unrast, von Joseph Conrad (1898, engl. Tales of Unrest) – 7 Sterne

Fazit:

Joseph Conrad (1857 – 1924) präsentiert in fünf frühen Kurzgeeschichten äußerst gemischte Themen, Kulissen, Stile und Wortzahlen – vielleicht nicht ideal für einen Kurzgeschichtenband, aber zu ähnlich sollen die Geschichten ja auch nicht klingen.

Zu den Themen gehören: Rasend Verliebter bringt unschuldige Nahestehende zu Tod und ist darob unhappy ever after (2x). Weiße Handelstreibende in Malaiia oder den südlichen Philippinen pflegen respektvolle Freundschaft mit Einheimischen (2x). Asiatische Frauen werden von Männern gegriffen und nicht gefragt (2x). Geistig behinderte Jungs. Einsame unerfahrene Handelsvertreter in Afrika. Gediegener Bürgersmann wird von Ehefrau verlassen.

Schauplätze: Südostasiatisches Inselreich (2x). Ländliche Bretagne. Kongoufer. Gehobenes London.

Stilmittel: ausführliche Beschreibungen von Natur und Nacht (in Asien). Gewissenswürmer. Geschichte in der Geschichte (2x). Satire (2x).

Zu den einzelnen Stories:

Karain: A Memory (1897):

Eine lange Geschichte in der Geschichte, in der Joseph Conrad zunächst viel atmosphärisches, ermüdendes Kleinklein kredenzt, bevor er doch noch mit Schwung die Plotmaschine anwirft. In der Rahmengeschichte kauft Karain, ein selbstgewisser Dorfherrscher auf Mindanao (PH), gegen die spanischen Bestimmungen Waffen vom Schoner des weißen Ich-Erzählers. In der Binnenhandlung – viele Jahre zuvor – jagt Karain mit seinem Freund Matara einen Weißen, der frech mit Mataras schöner Schwester zusammenlebt und sie nicht wieder herausrücken will. Wieder einmal zeigt Joseph Conrad einen vernunftentleerten Liebesgockel, den’s ins Verderben treibt.

Her beauty was extreme, silencing the reason ((…)) of the beholders.

The white man ((…)) left all – for her! She had ravished his heart!

Assoziation: Die Binnenhandlung erinnert deutlich an eine andere Story aus dem selben Band; das meinte auch der Autor im Vorwort:

The motif of the story is almost identical with the motif of ‚The Lagoon‘

The Lagoon (1897):

Eine Geschichte in der Geschichte, insgesamt kurz: Ein weißer Mann übernachtet auf einer Bootsreise bei einem malaiischen Freund. Der erzählt, wie er einst eine hübsche Hofdienerin mit Eheabsicht raubte – doch das Lebensglück ist endlich. Sehr bewegend, etwas schwülstig.

Assoziation: The Lagoon erinnert deutlich an die Kurzgeschichte Karain: A Memory aus demselben Band. Außerdem denkt man an Conrads Roman Der Verdammte der Inseln, beide Geschichten entstanden zur selben Zeit im selben Geist. Das sagt auch Conrad selbst:

there has been no change of pen, figuratively speaking

Beide Geschichten spielen im südostasiatischen Inselreich mit dräuender nächtlicher Natur, sie zeigen Bootsfahrten und das Verderben, das die rasende Liebe zur holden asiatischen Weiblichkeit über uns Männer bringt.

The Lagoon erinnert entfernt an W. Somerset Maughams asiatische Kurzgeschichten, die auch oft per Geschichte in der Geschichte kleine Miniromane abrollen – aber in größerem Stil und detailreicher als Conrad hier.

An Outpost of Progress (1897):

Zwei unerfahrene Weiße und ein Farbiger auf einer einsamen Handelsstation am Kongo-Fluss. Conrad schreibt ungewohnt ironisch, satirisch – „the two men got on well together in the fellowship of their stupidity and laziness“ – und verzichtet diesmal auf Grübelei und Naturgedröhne. Darum wirkt die Geschichte ungewohnt zügig. Die Handlung reicht von Slapstick bis Tragik, die man hier nicht ganz ernst nehmen kann. Laut Wikipedia hielt Conrad diese Geschichte für seine beste, ich finde sie auch gut lesbar.

Assoziation: Das Szenario erinnert deutlich an Conrads Herz der Finsternis, etwas auch an Graham Greenes Afrika-Roman Ein ausgebrannter Fall und an Mary Kingsley. Für einige Seiten dachte ich an Dick und Doof oder Buster Keaton (sic).

The Return:

Distinguierter Londoner Herr macht alles comme il faut und wird aus heiterem Himmel von seiner Frau verlassen – für einen anderen. Joseph Conrad schildert das bornierte, hohle Leben der höheren Stände betont satirisch:

this face that resembled the face of a fat and fiendishly knowing baby… Rather an ass

Der distinguierte Herr grübelt seitenlang, wie er sein unziemliches Ehemaleur vor der Gesellschaft präsentieren kann. Dann geschieht das Unerwartete. Trotz besagter Grübelei und eines gedehnten, ausmalenden Einstiegs hat diese besonders lange Geschichte auch markante Dialoge. Insgesamt trotz Längen unterhaltsam, spannend und zumindest für mich ein unerwarteter Stoff von diesem Autor.

Assoziation: Der robust selbstgewisse, distanziert satirische und grübelfreie Ton erinnert an die Geschichte An Outpost of Progress aus demselben Band

The Idiots (1896):

Handelt von geistig Behinderten in der ländlichen Bretagne, später ein Mord. Nicht gelesen. Laut Wikipedia hielt Conrad nicht viel von der Geschichte.

Ich hätte gern The Lagoon and other Stories aus der Serie Oxford World’s Classics gehabt – the Outcast of the Islands aus dieser Reihe ist hervorragend kommentiert und produziert. Doch The Lagoon and other Stories (mit offenbar 12 Geschichten) scheint im September 2020 nicht mehr (unter 30 Euro) lieferbar, nicht mal direkt beim Verlag. Je nach Verkäufer erhält man womöglich noch eine falsche Ausgabe.

Joseph Conrad auf HansBlog.de:

 

 

 

spielt ca.*

Hans­Blog-Wertung (x von 10)

Goodreads Wertung (x von 5) (Stimmen)**

Stil

Verfilmung

 

Lingard-Trilogie

 

 

 

 

 

 

(1898/) 1920

Die Rettung (Lingard 1/3)

The Rescue

1850er

3

3,7 (269)

Liebe: völlig unglaubwürdig, blitzartig, Frauenfigur undefiniert

Schauplätze: Segelschiff, Meer, Küste

Stil: schwülstig

Handlung: langsam, unübersichtlich

--- The Rescue (1929). R Herbert Brenon, mit Ronald Colman, Lili Damita (Wiki)

1896

Der Verdammte der Inseln  (Lingard 2/3)

An Outcast of the Islands

1872

 

3,71 (57)

Liebe: Beginn glaubwürdig, spätere Besessenheit albern

Schauplätze: Dorf und Handelsposten am Flussufer, Fluss

Stil: teils pathetisch, teils geschriftstellert, teils ironisch

Handlung: teils zügig, teils künstlich verlangsamt

--- Der Verdammte der Inseln (1951). R Carol Reed, mit Trevor Howard

1895

Almayers Luftschloss bzw. Almayers Wahn  (Lingard 3/3)

Almayer's Folly

1887

7

3,56 (119)

Liebe: unglaubwürdig, blitzartig, Frauenfigur undefiniert

Schauplätze: Dorf und Handelsposten am Flussufer, Fluss (identisch mit Teil 2)

Stil: überwiegend trocken, letztes Viertel pathetisch

Handlung: zügig (pathetischer und langsamer im letzten Viertel)

--- La Follia di Almayer | La folie Almayer (1972 o. 1973). R Vittorio Cottafavi, mit Giorgio Albertazzi, Rosemary Dexter

--- La folie Almayer (2011). R Chantal Akerman, mit Stanislas Merhar, Aurora Marion

--- Hanyut | Almayer's Folly | Gunung Emas Almayer | Almayer's Golden Mountain (2014). R U-Wei Haji Saari,  mit Peter O'Brien, Diana Danielle (malays. Produktion)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erzählungen

 

 

 

 

 

 

1898

Geschichten der Unrast (5 Gesch.)

Tales of Unrest

 

7

3,75 (362)

Liebe: teils blitzartig und mit fatalen Folgen, Frauen unspezifisch

Schauplätze: 2x Südostasien, London, Kongo, Bretagne

Stil: teils ironisch, teils pathetisch

Handlung: überwiegend zügig

 

1912

Freya von den sieben Inseln

Freya of the Seven Isles

 

7

3,52 (46)

Liebe: nicht blitzartig

Schauplatz: südostasiatische Insel-Kolonialwelt

Stil: gediegen erzählerisch, teils unheilvoll andeutend

Handlung: nicht zu langatmig

 

* Info aus Kommentar zu An Outcast of the Islands, Ausgabe Oxford World’s Classics, 2002, S. 284

**Stand Herbst 2020

Verbindungen innerhalb der Lingard-Trilogie:

Im schwülstigen Teil 1 (Die Rettung, zuletzt fertiggestellt) ist Tom Lingard die Hauptfigur und ein heldenhafter Kapitän; das ganze Buch ist schwer pathetisch. In Teil 2 (Verdammter der Inseln) und vor allem Teil 3 (Almayers Luftschloss) erzählt Conrad nüchterner, und Lingard ist nur eine Nebenfigur, die nicht an den Lingard aus der Rettung erinnert.

Die Teile 2 und 3 haben teils identische Schauplätze, Figuren, Handlungen, man sollte sie hintereinander lesen. Die Hauptfigur ist einmal Willems, einmal Almayer, doch sie zeigen viele Gemeinsamkeiten, u.a. die Ehe mit einer ungeliebten, inkompatiblen Nichtweißen ("A dismal woman!", Der Verdammte S. 11), die auf Druck eines reichen Geschäftsfreunds und Gönners geheiratet wurde. Auch die Erzählweise mit Rückblenden, vielen Teilen und Kapiteln, unterscheidet sich in den Teilen 2 und 3 nicht. Dazu kommen spannende interkulturelle Begegnungen mit Malaiien, Europäern, Arabern, Chinesen.

Alle drei Romane zeigen eine unrealistisch rasend verliebte Hauptfigur – so schwer nachvollziehbar wie in einem verklärten Bollywood-Schinken.

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