Kritikerstimmen zur fiktionalisierten Richard-Francis-Burton-Biografie Der Weltensammler von Ilija Trojanow (2006)

Im Vorwort des 500-Seiten-Buchs heißt es:

Dieser Roman ist inspiriert vom Leben und Werk des Richard Francis Burton (1821 – 1890). Die Handlung folgt der Biografie seiner jungen Jahre manchmal bis ins Detail, manchmal entfernt sie sich weit von dem Überlieferten. Obwohl einige Äußerungen und Formulierungen von Burton in den Text eingeflochten wurden, sind die Romanfiguren sowie die Handlung überwiegend ein Produkt der Fantasie des Autors…


Als ich Der Weltensammler anfing, kannte ich schon drei englische Biografien zu Richard Francis Burton, außerdem den Burton-Film Mountains of the Moon/Land der schwarzen Sonne und Teile des fiktionalisierten Berichts Speke & Burton, der dem Film zugrunde liegt (Übersichten und Links unten). Mit dem Weltensammler wurde ich nicht warm. Die Sprache wirkt elegisch, Dialog wächsern, Dialogsätze beginnen mit Spiegelstrich und ohne Anführungszeichen, erscheinen gelegentlich aber auch wie ein Theaterstück gesetzt. Auch Stichproben im Buchinnern besserten den Eindruck nicht – kein Hot Country Entertainment weit und breit.

Der Weltensammler erschien als The Collector of the Worlds von Iliya Troyanov auch auf Englisch. Auf meiner dtv-Ausgabe des Weltensammlers steht „Bestseller“ – das bedeutet freilich oft, das mir ein Buch nicht gefällt. 2007 legte Trojanov noch den Burton-inspirierten Reisebericht Nomade auf vier Kontinenten vor.

Die Kritiker meinten zum Weltensammler:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Peter Körte:

…Raffinierte Porträttechnik. Er schlüpft nicht einfach in Burtons Haut. Er inszeniert die drei Teile des Romans, die den Stationen Indien, Mekka und Afrika entsprechen, jeweils als einen mittelbaren Dialog zweier Perspektiven… „Und dort, wo es mir besonders wichtig ist“, sagt Trojanow, „bin ich am weitesten weg von Burtons realer Biographie.“ Diese poetische Lizenz erlaubt es ihm, ständig die Tonlagen zu wechseln

Die Zeit, Tobias Gohlis:

Im Vergleich zu allen zeitgenössischen Autoren, die als Reisende Literaturgeschichte gemacht haben – von Chatwin bis Naipaul im anglofonen, von Hubert Fichte über Christoph Ransmayr bis zu Raoul Schrott im deutschsprachigen Raum –, ist er ((Trojanov)) derjenige, der am tiefsten in Sprachen, Religion und Kultur der von ihm beschriebenen Welten eingedrungen ist… Nur selten, dafür umso eindrucksvoller, versetzt sich Trojanow in seinen Helden. Weite Passagen sind aus der Perspektive von Zeugen und Beobachtern gestaltet…

Süddeutsche Zeitung, Karl-Markus Gauss (zitiert nach Buecher.de):

Der Biograf fand einen Mann, dessen ungezähmter, widersprüchlicher Charakter nur in einem Roman zu fassen ist… „Der Weltensammler” ist ein vielschichtiges Werk, in dem sich der 1965 in Sofia geborene Autor von seinem Helden merklich fasziniert zeigt, ohne ihm gänzlich zu verfallen… Er erzählt nicht einsinnig linear, sondern multiperspektivisch. Im ersten Kapitel wechselt er von den Erlebnissen des Reisenden immer wieder zu den Erinnerungen von dessen indischem Diener Naukaram, die dieser einem Schreiber diktiert. Wir sehen Indien also einmal aus der Perspektive des Engländers, dann aus dem Blickwinkel eines Inders, der sich über seinen Herren gar nicht genug wundern kann und ihm zugleich seine eigene Welt näher zu bringen versucht. Ehe die Abenteuer sich verselbständigen und wir uns in lauter exotischen Episoden über Opiumhändler und Kurtisanen verlieren, bricht Trojanow den Erzählfluss, indem er Burtons Sicht auf die indische Fremde die Sicht der Inder auf den britischen Fremden entgegenstellt…. Durch das Raffinement dieses perspektivischen Erzählens gelingt es Trojanow, sowohl ein schillerndes Bild Indiens, Arabiens, Ostafrikas zu geben, gesehen mit den Augen des getriebenen Europäers, als auch den Charakter, das Streben dieses exzentrischen Engländers aus der Perspektive von Indern, Arabern, Afrikanern zu deuten… Opus magnum

Im Deutschlandfunk behauptet Florian Felix Weyh:

Burtons italienische Witwe verbrannte alle Tage- und Notizbücher ihres Gatten aus 40 Jahren

Shakespeare and more schreibt Vergleichbares. Aber das stimmt nicht mit den Tatsachen überein und Trojanov stellt es auch nicht so dar (S. 13 – 17 der dtv-Ausgabe). Korrekt ist: Burtons englische Witwe verbrannte seine Aufzeichnungen in ihrem italienischen Heim.

Weiter beim DLF:

Trojanow verwendet einen raffinierten Trick: Um eine Vielzahl von Perspektiven zu bekommen, lässt er den Diener Naukaram berichten, wie sich der fremde Offizier durch die Widrigkeiten des Militärdienstes schlägt und welch bedeutende Rolle er, der Diener, dabei gespielt habe. Als Analphabet muss Naukaram dies alles einem gedungenen Schreiber diktieren, der seinerseits Stoff hinzufügt, anderes durch kritische Fragen ins Lot rückt… Ilija Trojanow hat über weite Strecken einen außerordentlich bezwingenden Roman geschrieben, der von Wissen, Erfahrung und Empathie lebt – ein seltener Dreiklang! – und sich dennoch nie anmaßt, den richtigen Weg vorzuzeichnen. Symptomatisch dafür ist die auffallende Bevorzugung des Wortes „Achtsamkeit“ vor der geläufigen westlichen „Aufmerksamkeit“ – hier drückt sich die Nähe zum indischen Kulturkreis aus. Achtsam zu sein, impliziert weit mehr, als etwas nur zur Kenntnis zu nehmen; sie enthält ein Geborgenheitsversprechen. Wenn man Welten sammelt – wie Burton, wie Trojanow – und sich dabei achtsam verhält, dann hat jede Welt ihren Eigenwert. In Zeiten eines kulturellen Zusammenpralls ist das schon eine außerordentliche Botschaft.

Neue Züricher Zeitung, Roman Bucheli:

Ilija Trojanow lässt sich nicht dazu verführen, die Lebensgeschichte nachdichten oder gar mit dem Lebensroman in einen erzählerischen Wettstreit treten zu wollen. Drei Episoden greift er vielmehr aus dem Leben heraus: die Jahre auf dem indischen Subkontinent, die Reise nach Mekka sowie die Expedition in Ostafrika… das grosse erzählerische Geschick Ilija Trojanows… Ilija Trojanows Roman ist daher manches: ein Fest für die Sinne zuallererst, ein Abenteuerroman sodann, eine Sehnsuchtsreise ins 19. Jahrhundert und also in eine Zeit, als das Fremde vielleicht für den Bruchteil eines historischen Augenblicks für einige wenige alles Bedrohliche abzustreifen vermocht hatte, und es ist – nicht zuletzt, aber vor allem – eine kluge, sensible, betörende, ja hinreissende Darstellung des ebenso beglückenden wie manchmal bestürzenden Zusammenpralls der Kulturen.

Literaturzeitschrift.de:

Ein Buch, das einen ambivalenten Blick auf den Protagonisten erlaubt, das in vielen Momenten komisch und zugleich nachdenklich ist, raffiniert aufgebaut und wunderschön erzählt.

The Guardian, Giles Foden (der auch andere Burton-Fiktionalisierungen nennt):

A long but consistently satisfying essay in biographical fiction… This novel was first published in Germany in 2006; its poetic prose has been elegantly translated by William Hobson… Throughout, the atmosphere of the scene is evoked with powerful physical detail and a constant parade of exotic characters, from opium dealers to choleric British generals… marshals its many voices in perfect pitch. Many readers desire the imperious simplicity of linear heroic narrative. But this form can’t get much leverage on a planet beset by globalisation, mass migration and environmental collapse. How can narrative deal with these cross-cultural waves, this tumbling down of limits, this collision of multiple worlds? With its radical code-switching, shifts of perspective and ahead-of-his-time hero who himself knew how to turn barriers into through-ways, The Collector of Worlds triumphantly shows us one method.

New York Times, Ben MacIntyre:

Iliya Troyanov has turned Burton’s unbelievable life into believable fiction, achieving a rounded and satisfying portrait that traditional biography could never match… Many conversations, events, thoughts and people are wholly imaginary; others are factual. Troyanov offers no clues as to where history ends and invention begins.

The Independent, Nicholas Murray:

This novel brings off a skilful and nuanced representation of the traveller Sir Richard Burton, which could so easily have been no more than a rambunctious portrait of a Great British Eccentric… Troyanov loves the art of storytelling, and has a real gift for evoking colours, sounds and stenches… vividly told… capacious, shrewd but non-judgemental narrative

The Berkshire Review for the Arts, Eugene Hill:

The book delights first of all with its marvelous array of voices… After relishing the verbal pranks, a reader comes to appreciate the persistent moral ambiguity of the characters major and minor… One apt way of characterizing Troyanov would be as an anti-Naipaul. A first-worlder from Bulgaria, he has written sympathetic books about his travels in India and in Africa… here is a book that merits reading both for profit and for delight. In striking measure, The Collector of Worlds makes its reader, as he jumps back again and again to the eight-page Glossary that explains unfamiliar terms, something of a Weltensammler himself

Publishers Weekly:

Troyanov recounts with gusto the three big adventures in Sir Richard Francis Burton’s oversized life… But the book’s most satisfying adventure is the African explorations; Troyanov captures the psychology of the two very different (and by the end of the trip, mutually hostile) explorers as well as he does the histories of the African peoples whose lands they pass through. Troyanov (Mumbai to Mecca) is intimately acquainted with the Indian Ocean world, and this book has the cool virtuosity of one explorer saluting another.

Los Angeles Times, Richard Zimler:

The author blurs the line — too much — between his prose and that of the renowned world explorer… It’s surprising that Bulgarian-born German writer Iliya Troyanov is the first author to try his hand at a biographical novel. Unfortunately, the results are unlikely to please either Burton enthusiasts or general readers. Though Troyanov proves himself an able researcher, „The Collector of Worlds“ fails to bring the reader anywhere close to his protagonist’s mind or heart — to give us any insights into his motivations, passions, astonishing linguistic talents or personal demons. And although Troyanov writes in an opening statement that he has included an „occasional direct quotation“ from his subject, he fails to give any indication when the words are Burton’s and not his own, giving readers the errant impression that many observations are his when they are, in fact, Burton’s… The best moments in the novel are provided by Burton’s Indian servant Naukaram, who proves himself an amusing, gloriously unreliable narrator. The banter between him and a letter-writer, whom he employs to produce a favorable account of his years with Burton, is entertaining and believable, and this offers us an intriguing glimpse into different Indian views of Westerners. Unfortunately, the narrative aimed at revealing Burton’s inner life is lifeless and distant… Troyanov doesn’t distinguish between his writing and Burton’s, making it impossible to know who is responsible for a particular observation or comment.

The Telegraph, Bharat Tandon:

Sprawling, densely imagined historical novel… a rich meditation on the many layers of a character

Christopher Ondaatje im Spectator:

Troyanov’s sympathetic novel is the product of immense research and understanding… Troyanov’s scholarship has given us a new understanding of Burton’s world. It is an intensely passionate journey, and a wonderful piece of storytelling.

Richard Francis Burton: Links, Bücher und DVDs

3 neuere Burton-Biografien im Vergleich:

Fawn Brodie Edward Rice Mary S. Lovell
The Devil Drives Sir Captain Richard Francis Burton A Rage to Live
1967 1990 1998
Seitenzahl Haupttext* 322 enge 620 804
Bildseiten** 16 16 16
SW-Landkarten 1 Seite, 1 Karte nur für Zentralafrika 2 Seiten, 2 Karten für Sindh, Zentralafrika; nicht Arabien 2 Seite, 2 Karten a) für alle Regionen einschl. Tansania, Arabien, Indien, b) Zentralafrika & 1 Handskizze Burtons
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Urteil bei sirrichard-francis-burton.org the first to use the controversial technique of “psychobiography” on Burton, with results that are still debated today considered flawed because of the great amount of supposition and questionable “fill-in” material because she struggles to take a balanced viewpoint and had access to several large collections of material overlooked by prior biographers, this stands as the best working biography yet
Urteil bei burtonia.org Psychobiography, based on extensive research combined with speculation. Very well written. See important corrections in Lovell, 1998. Highly imaginative but dubious.  Sold well, but seems to have used an interpolation technique to deduce 'facts' The best archival biography.  Considerable fresh material.  An attempt to rehabilitate Isabel (this part fails to convince)
Erzählstil erzählt teils mit grobem Strich, mitunter nicht chronologisch, analysiert dann; gut lesbar erzählt Fakten der Reihe nach detailliert; angenehm lesbar  ordentlich lesbar, aber weniger ansprechend als Brodie, Rice; teils wertende Adjektive und Angriffe auf frühere Biografen; verteidigt beide Burtons teils eifernd gegen Kritiker; bietet mitunter Spekulationen an
Schwerpunkte
  • ausführlicher über ernste Liebesbeziehungen, Persönlichkeit, deutet Homosexualität und Impotenz an
  • Lovell weist ihr Fehldeutungen nach
  • weniger Interesse an Geografie, Kolonialpolitik, Ethnologie, Reiselogistik, heißen Ländern
  • Krimkrieg detailliert
  • Mormonen in Salt Lake City detailliert, restliches Nord- und Südamerika dieser Reise minimal
  • zitiert ausführlich aus Büchern, Gedichten, Korrespondenz, Rezensionen
  • sehr genaue Quellenhinweise
  • ausführlicher über Leben in Indien, indische Kolonialpolitik
  • ausführlicher allg. über Reisedetails und -strapazen (evtl. erfunden, s.o.)
  • zeigt Burton als unternehmungslustigen Liebhaber der Frauen
  • ausführlicher über kurze Affären, Drogenerfahrungen
  • ausführlicher über Nord- und Südamerikareise
  • zitiert knapp, gibt keine Rezensionen der Burton-Bücher wieder, nur seine eigene Meinung
  • flüchtige Quellenhinweise
  • betont Burtons Religiosität stärker, v.a. Hinduismus
  • sieht L. Oliphant als Motivator hinter Spekes Absetzen von Burton
  • nur hier Zeittafel (3 Seiten)
  • teils ausführlich auch über Nebenfiguren und Isabel Burton
  • sichtete viele neue Quellen
  • die meisten Episoden detaillierter als andere Biografen, z.B. Korrespondenzen insgesamt, Annäherung Burton-Isabel vor Zentralafrika-Expedition, Überfall in Berbera, Zentralafrika-Expedition
  • erwähnt Burtons Bücher sehr knapp, ohne zeitgen. Rezensionen
  • weniger detailliert über Mekka-Reise einschl. Alexandria, Kairo, Medina
  • sieht L. Oliphant nicht als treibende Kraft hinter Spekes Absetzen von Burton
*ohne Anhänge, Fußnoten, Bibliografie, Fotos, **nur Lovell mit gestrichenem Papier

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