Kritikerstimmen zum Richard-Francis-Burton-inspirierten Reisebericht Nomade auf vier Kontinenten, von Ilija Trojanow (2007)

Auf etwa 430 luftig gesetzten Seiten präsentiert Ilija Trojanov lange Zitate aus den Reiseberichten Richard Francis Burtons (1821 – 1890), eigene Reiseeindrücke u.a. aus dem Jahr 2000 und einige große historische Abbildungen. Als ich Nomade auf vier Kontinenten anfing, kannte ich schon drei englische Burton-Biografien, den Burton-Film Mountains of the Moon und Teile des fiktionalisierten Berichts Speke & Burton, der dem Film zugrunde liegt (Übersichten und Links unten).

Mit dem Nomaden auf vier Kontinenten wurde ich nicht warm, die Sprache hielt mich fern. Das gilt nicht nur für Trojanovs eigene Berichte, sondern auch für die Burton-Eindeutschungen. So lautet ein übersetzter Burton-Satz auf Seite 14:

Er wird… gebuttert…

Dazu erläutert Trojanov in einer Fußnote:

Richard Burton fühlte sich ((kursiv)) buttered ((kursiv Ende)); was sich mit ‚geölt‘ auch nicht besser übersetzen ließe.

Ja, und to butter oder to butter up übersetzt man mit bauchpinseln oder Honig um den Bart schmieren. Gewiss nicht mit buttern oder ölen.

Und so sank meine Begeisterung schon früh, obwohl ich das Buch hatte mögen wollen. Ohnehin schreibt Burton oft ein schönes, kraftvolles viktorianisches Englisch (wenn er nicht zu gelehrt wird) und kann bei einer Übersetzung in heutiges Deutsch nur deutlich verlieren – erst recht bei Unaufmerksamkeit des Übersetzers.

Kritiker:

Die Zeit, Tobias Gohlis:

Sieben Jahre lang hat Ilija Trojanow seinem Lebenshelden Richard Francis Burton nachgespürt, der ihn bereits in der Schule in Kenia faszinierte… Trojanow und sein Reisegefährte sind an die 2000 Kilometer zu Fuß der großen Ostafrikaexpedition Burtons und Spekes gefolgt, sind halb verdurstet, beinahe ersoffen in Uvinza, kurz vor ihrem Ziel, dem Tanganjikasee, völlig erschöpft angekommen…. dieses seltsame, wunderschöne Buch… Es ist ein Zauberbuch der Druckkunst ((gemeint ist die Eichborn-Ausgabe))

Frankfurter Allgemeine, Friedmar Apel:

Berichte seiner Reisen nach Indien, Arabien, Ostafrika, Nordamerika und Triest… In Grün erscheinen Auszüge aus Burtons Berichten, die Trojanow in das flüssige und lebhafte Deutsch gebracht hat, das er selbst schreibt; daran oft erstaunlich organisch anschließend im gewohnten Schwarz seine Erfahrungen auf den Routen seines Idols; dazu Anmerkungen in dessen oft kauziger Manier und allerlei nützliche Zugaben von Karten, Fotos, kalligraphischen Schriftproben und kommentierten Bibliographien… Wer Trojanow schon schätzt, wird auch dieses Buch (trotz einiger Zweit- und Drittverwertungen des Materials) unbedingt lesen und besitzen wollen; es eignet sich aber auch als doppelte Einführung in Leben und Werk Burtons wie ins Reisen, Denken und Schreiben Ilija Trojanows.

Literaturkritik.de, Georg Patzer:

Die Wahrheit ist, dass nicht nur „Der Weltensammler“ ein wunderbares Buch ist, sondern auch der Vorläufernachfolgeband „Nomade auf vier Kontinenten“, in dem Trojanow von der Suche nach Burton, von der allmählichen Zusammenfassung seiner Erkenntnisse über ihn erzählt. Mit allem, womit sich Burton befasst, beschäftigt sich auch Trojanow: Kartografie, indische Tempelprostituierte, heilige Tänzerinnen, Opium, Malaria, Hexerei, afrikanische Sklaven in Indien. Viele sinnliche Details regen ihn an, machen ihn den Mann zu einem persönlichen Erlebnis: gestrandete Quallen, der Geruch reifer Papayas, die Reise auf dem Kamelrücken durch die Thar-Wüste, die Rucksackwanderung durch Tansania… Aber „Nomade auf vier Kontinenten“ ist kein trockener Bericht. Es ist ein prallvoller, sinnlicher Roman, auch er zusammengesetzt aus mehreren Perspektiven…. Ohne Trennung, ohne Übergang lesen wir Sätze von heute und von damals, und oft ist da kaum noch ein Unterschied… Trojanow ist auch ein glänzender Stilist. Mit innerem Abstand und großer Emphase gleichzeitig erzählt er von seinen Reisen, begeistert und zweifelnd, und immer auf der Suche nach dem treffenden Wort, das die Schranken durchbricht.

Richard Francis Burton: Links, Bücher und DVDs

3 neuere Burton-Biografien im Vergleich:

Fawn Brodie Edward Rice Mary S. Lovell
The Devil Drives Sir Captain Richard Francis Burton A Rage to Live
1967 1990 1998
Seitenzahl Haupttext* 322 enge 620 804
Bildseiten** 16 16 16
SW-Landkarten 1 Seite, 1 Karte nur für Zentralafrika 2 Seiten, 2 Karten für Sindh, Zentralafrika; nicht Arabien 2 Seite, 2 Karten a) für alle Regionen einschl. Tansania, Arabien, Indien, b) Zentralafrika & 1 Handskizze Burtons
bei HansBlog.de  6 Sterne, klick 7 Sterne, klick  7 Sterne, klick
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Urteil bei sirrichard-francis-burton.org the first to use the controversial technique of “psychobiography” on Burton, with results that are still debated today considered flawed because of the great amount of supposition and questionable “fill-in” material because she struggles to take a balanced viewpoint and had access to several large collections of material overlooked by prior biographers, this stands as the best working biography yet
Urteil bei burtonia.org Psychobiography, based on extensive research combined with speculation. Very well written. See important corrections in Lovell, 1998. Highly imaginative but dubious.  Sold well, but seems to have used an interpolation technique to deduce 'facts' The best archival biography.  Considerable fresh material.  An attempt to rehabilitate Isabel (this part fails to convince)
Erzählstil erzählt teils mit grobem Strich, mitunter nicht chronologisch, analysiert dann; gut lesbar erzählt Fakten der Reihe nach detailliert; angenehm lesbar  ordentlich lesbar, aber weniger ansprechend als Brodie, Rice; teils wertende Adjektive und Angriffe auf frühere Biografen; verteidigt beide Burtons teils eifernd gegen Kritiker; bietet mitunter Spekulationen an
Schwerpunkte
  • ausführlicher über ernste Liebesbeziehungen, Persönlichkeit, deutet Homosexualität und Impotenz an
  • Lovell weist ihr Fehldeutungen nach
  • weniger Interesse an Geografie, Kolonialpolitik, Ethnologie, Reiselogistik, heißen Ländern
  • Krimkrieg detailliert
  • Mormonen in Salt Lake City detailliert, restliches Nord- und Südamerika dieser Reise minimal
  • zitiert ausführlich aus Büchern, Gedichten, Korrespondenz, Rezensionen
  • sehr genaue Quellenhinweise
  • ausführlicher über Leben in Indien, indische Kolonialpolitik
  • ausführlicher allg. über Reisedetails und -strapazen (evtl. erfunden, s.o.)
  • zeigt Burton als unternehmungslustigen Liebhaber der Frauen
  • ausführlicher über kurze Affären, Drogenerfahrungen
  • ausführlicher über Nord- und Südamerikareise
  • zitiert knapp, gibt keine Rezensionen der Burton-Bücher wieder, nur seine eigene Meinung
  • flüchtige Quellenhinweise
  • betont Burtons Religiosität stärker, v.a. Hinduismus
  • sieht L. Oliphant als Motivator hinter Spekes Absetzen von Burton
  • nur hier Zeittafel (3 Seiten)
  • teils ausführlich auch über Nebenfiguren und Isabel Burton
  • sichtete viele neue Quellen
  • die meisten Episoden detaillierter als andere Biografen, z.B. Korrespondenzen insgesamt, Annäherung Burton-Isabel vor Zentralafrika-Expedition, Überfall in Berbera, Zentralafrika-Expedition
  • erwähnt Burtons Bücher sehr knapp, ohne zeitgen. Rezensionen
  • weniger detailliert über Mekka-Reise einschl. Alexandria, Kairo, Medina
  • sieht L. Oliphant nicht als treibende Kraft hinter Spekes Absetzen von Burton
*ohne Anhänge, Fußnoten, Bibliografie, Fotos, **nur Lovell mit gestrichenem Papier

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