Rezension Abenteurer-Biografie: Captain Sir Richard Francis Burton (1821 – 1890), The Secret Agent Who Made the Pilgrimage to Mecca, Discovered the Kama Sutra, and Brought the Arabian Knights to the West, von Edward Rice (1990) – 7 Sterne – mit Kritikerstimmen & Video

Die Biografie umfasst etwa 620 Seiten Haupttext plus etwa 55 Seiten Anhänge, Fotos und Stichwortverzeichnis. Rice wahrt weitestgehend die Chronologie, reiht Episode an Episode. So wirkt der Text vielleicht etwas schematisch. Ihm wurde vor allem von der späteren Burton-Biografin Mary S. Lovell vorgeworfen, teils erfunden zu haben.

Biograf Rice, der zahlreiche andere Sachbücher veröffentlichte, schreibt flüssig, aber selten mitreißend. Die Zitate aus Burtons zahlreichen Büchern klingen kraftvoller als Biograf Rice selbst; sie wecken Interesse am Menschen Burton und seinen Wegen.

Hochinteressanter Mann:

Richard Francis Burton ist besonders bekannt für die ostafrikanische Suche nach den Nilquellen, für seine Mekka-Reise und für seine Übersetzungen von Kama Sutra, 1001 Nacht und anderen östlichen Erotika. Burton lohnt die Lektüre aber nicht nur als Entdecker und Literat, sondern weit darüber hinaus - er ist kein ruhm- und geltungssüchtig übertreibender Scoopjäger (wie Henry Morton Stanley) und kein verbissener Missionar (wie David Livingstone), kein Kolonialist und kein Entdecker aus Langeweile und zumindest weit amüsanter als Samuel Baker. Burton war so vielseitig und offen, dass ihm wohl mehr Biografien als T.E. Lawrence von Arabien gewidmet wurden (Übersichten und Links unten). Burtons Besonderheiten:
  • hochintelligent, ohne je Elfenbeinturm-Allüren zu zeigen, beherrschte Burton Dutzende Sprachen einschließlich Persisch, Hindi, Arabisch, Deutsch, Swahili, Italienisch, Griechisch, Latein, Punjabi, Telugu, Marathi und Gujarati
  • schlief laut Biograf Rice mit Hunderten oder Tausenden Frauen, während es ihm zehn Jahre lang nicht gelang, die angebetete Isabel zu heiraten (Biografin Brodie sieht Burton weniger viril)
  • redete nüchtern, sehr ehrlich und oft fortschrittlich, aber gut und oft unterhaltsam sarkastisch formulierend, immer an beschreibender Wahrheit interessiert, auch über Politik, Kolonialismus, Gesellschaft und Sex
  • beobachtete und beschrieb unentwegt Land und Leute um ihn herum
  • Burton war erst hochgelehrter geweihter Hindu und dann hochgelehrter geweihter Moslem
  • produzierte über 40 Bücher und hunderte Artikel in teils packendem Englisch und
  • hatte - je nach Biograf - Momente von Rassismus und Antisemitismus

Genaue Beschreibung:

Rice schildert historische und geistesgeschichtliche Hintergründe ausführlich, manchmal ein ganzes Kapitel lang, oder sogar zwei. So lernen wir vor allem in der ersten Hälfte viel über die englische Kolonialverwaltung, über den Graben zwischen Schiiten und Sunniten, über Sufismus, über Zeitgenossen Burtons. In solchen Kapiteln erscheint Burton praktisch nicht, und mitunter bleibt unklar, warum der Autor so ausführlich wird – will er Angelesenes vorführen?

Mir waren solche Ausführungen schon zu lang. Andererseits erklärt Rice nicht, warum der junge Burton abrupt vom Raufbold zum Gelehrten und Suchenden wurde oder warum seine lange Ehe kinderlos blieb. (Viel mehr Psychologie, aber weniger Politik und Geographie erscheint in Fawn Brodies Burton-Biografie von 1967.)

Die genauen Beschreibungen der historischen Lebensumstände vor allem in Gujarat rufen die Zeit sehr plastisch wach (besser als bei Lovell und Brodie). Ohne dies groß hervorzukehren, forschte Rice dem englischen Entdecker auf zehn Reisen u.a. in Indien, Pakistan und Somalia nach und geriet – wie Burton – in Lebensgefahr.

Rice schreibt: Burton zieht zufrieden durch unbekannteste Ecken Indiens und Afrikas (Video unten), lernt Regionalsprachen, verehrt, so Rice, „men who were wanderers, linguists, adventurers, scholars, men of both daring and intellect“; Burton schreibt besessen alles Neue auf und publiziert es; er beschenkt schöne Frauen wegen ihrer Schönheit; „he liked women in general, whatever the race or color“ und wird später (deswegen?) zum Zyniker.

Zweite Lebenshälfte:

Mit 40 hat Burton alle wesentlichen Abenteuer hinter sich: Sindh, Mekka, Zentralafrika. Er heiratet Isabel – endlich, nach zehn Jahren Anbetung. Biograf Rice widmet dem Burton vor dem 40. Lebensjahr mehr als zwei Drittel des Lauftexts (ähnlich teilt Biografin Brodie ihr Material auf, während Mary S. Lovell zu diesem Zeitpunkt in Burtons Leben erst knapp 400 von 800 Seiten Haupttext gefüllt hat).

Und danach könnte man das Buch fast weglegen, wäre Burton nicht so ein eigenwilliger Charakter. Seine späteren Aktivitäten rechtfertigen kaum noch eine Biografie, auch wenn er mehrere Mordanschläge überlebt:

Burton besetzt drittklassige Diplomatenposten in gottverlorenen Ecken Westafrikas und Brasiliens, dann folgt eine interessante Episode in Damaskus, schließlich verbringt er lange Jahre in Triest. Burton, ruhiger nun, publiziert einige seiner bekanntesten Bücher und Übersetzungen, darunter Tausendundeine Nacht, Kama Sutra und The Scented Garden.

Hochachtung:

Biograf Rice hat eindeutig Hochachtung vor Burton – vor seinem kalkulierten Wagemut, seiner Belesenheit, seiner Vielsprachigkeit, seiner undiplomatischen Sprache, seinem Einsatz für Gleichberechtigung und gegen Sklavenhandel. In der englischen Wikipedia erscheint Burton weniger bewunderswert als bei Rice, auch Burtons möglicher Rassismus und Antisemitismus scheinen hier weniger stark auf als bei Fawn Brodie.

Dagegen sieht der Amerikaner Rice Burtons England insgesamt eher spöttisch: die East India Company nennt er stets John Company – eine früher gängige Bezeichnung, die heute herablassend klingt. In Burtons Esszimmer entdeckt er „typical Victorian clutter“, die viktorianische Oberschicht sei eine „savage society“. Bewunderung für Burton wie auch Spott über England treten im zweiten Buchteil deutlicher hervor.

Aufbau:

Rice verwendet kaum Fußnoten, er gibt nur knappe zusammenfassende Quellenhinweise am Buchende sowie Anmerkungen zur Quellenlage überhaupt. 16 Seiten Schwarzweißfotos und -gemälde geben zusätzliche Einblicke. Dazu kommen lange Bibliographien zu Richard Burton und zu den Büchern über Burton und seine Zeit.

„So exotic and exciting“ – die Kritiker:

Sirrichardfrancisburton.org hier und hier:

Was a New York Times bestseller and did much to spark popular interest in Burton in the early 1990s… He pointedly dismisses Brodie’s psychohistorical approach and in general steers things back to a more traditional fact-based model… sparked some recent interest in Burton, but is considered flawed because of the great amount of supposition and questionable “fill-in” material

Burtonia.org:

Highly imaginative but dubious. Sold well, but seems to have used an interpolation technique to deduce ‚facts‘.

Anthony Burgess in der New York Times:

First-class

Los Angeles Times, Jonathan Kirsch:

So exotic and exciting that I read late into the night and started again at dawn… A man of deep passion and extraordinary sexual appetite, Burton was fascinated by women and sought them out under the most perilous circumstances… Rice shows us Burton’s struggles with alcoholism and drug addiction, his spells of „distressing melancholy“… Rice is an accomplished historian but, like Burton himself, is enthralled by „subterranean“ knowledge and the intimacies of body and soul… And Rice, like Burton, is a poet at heart… the adventurer is brought fully back to life in Rice’s masterpiece of history and biography. Burton’s ghost and this grateful reader owe Edward Rice a salute and a tribute.

Random Book and Movie Reviews:

Sometimes I felt like I was getting bombarded with information as I chugged my way through this book. Burton travels to so many places, and has so many interests, that sometimes I felt like I was swimming in information about Indian snake cults, Islamic mysticism, Afghanistan warlords, and others, when all I really wanted was for the story to get moving again

Rowena Hart (via Webarchiv):

Those are long pages. I don’t want to sound unkind, but Rice expended so much energy on factoids, details and analysis that I forgot, several times, that he was writing about Sir Richard Francis Burton… Rice took the time to research and write about the decline of Burton’s military career, and Burton’s life as an old man… Rice describes, in excruciating detail, the full span of Burton’s life. This is one reason why I recommend Rice’s book to rabid Burton fans.

Richard Francis Burton: Links, Bücher und DVDs

3 neuere Burton-Biografien im Vergleich:

Fawn Brodie Edward Rice Mary S. Lovell
The Devil Drives Sir Captain Richard Francis Burton A Rage to Live
1967 1990 1998
Seitenzahl Haupttext* 322 enge 620 804
Bildseiten** 16 16 16
SW-Landkarten 1 Seite, 1 Karte nur für Zentralafrika 2 Seiten, 2 Karten für Sindh, Zentralafrika; nicht Arabien 2 Seite, 2 Karten a) für alle Regionen einschl. Tansania, Arabien, Indien, b) Zentralafrika & 1 Handskizze Burtons
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Urteil bei sirrichard-francis-burton.org the first to use the controversial technique of “psychobiography” on Burton, with results that are still debated today considered flawed because of the great amount of supposition and questionable “fill-in” material because she struggles to take a balanced viewpoint and had access to several large collections of material overlooked by prior biographers, this stands as the best working biography yet
Urteil bei burtonia.org Psychobiography, based on extensive research combined with speculation. Very well written. See important corrections in Lovell, 1998. Highly imaginative but dubious.  Sold well, but seems to have used an interpolation technique to deduce 'facts' The best archival biography.  Considerable fresh material.  An attempt to rehabilitate Isabel (this part fails to convince)
Erzählstil erzählt teils mit grobem Strich, mitunter nicht chronologisch, analysiert dann; gut lesbar erzählt Fakten der Reihe nach detailliert; angenehm lesbar  ordentlich lesbar, aber weniger ansprechend als Brodie, Rice; teils wertende Adjektive und Angriffe auf frühere Biografen; verteidigt beide Burtons teils eifernd gegen Kritiker; bietet mitunter Spekulationen an
Schwerpunkte
  • ausführlicher über ernste Liebesbeziehungen, Persönlichkeit, deutet Homosexualität und Impotenz an
  • Lovell weist ihr Fehldeutungen nach
  • weniger Interesse an Geografie, Kolonialpolitik, Ethnologie, Reiselogistik, heißen Ländern
  • Krimkrieg detailliert
  • Mormonen in Salt Lake City detailliert, restliches Nord- und Südamerika dieser Reise minimal
  • zitiert ausführlich aus Büchern, Gedichten, Korrespondenz, Rezensionen
  • sehr genaue Quellenhinweise
  • ausführlicher über Leben in Indien, indische Kolonialpolitik
  • ausführlicher allg. über Reisedetails und -strapazen (evtl. erfunden, s.o.)
  • zeigt Burton als unternehmungslustigen Liebhaber der Frauen
  • ausführlicher über kurze Affären, Drogenerfahrungen
  • ausführlicher über Nord- und Südamerikareise
  • zitiert knapp, gibt keine Rezensionen der Burton-Bücher wieder, nur seine eigene Meinung
  • flüchtige Quellenhinweise
  • betont Burtons Religiosität stärker, v.a. Hinduismus
  • sieht L. Oliphant als Motivator hinter Spekes Absetzen von Burton
  • nur hier Zeittafel (3 Seiten)
  • teils ausführlich auch über Nebenfiguren und Isabel Burton
  • sichtete viele neue Quellen
  • die meisten Episoden detaillierter als andere Biografen, z.B. Korrespondenzen insgesamt, Annäherung Burton-Isabel vor Zentralafrika-Expedition, Überfall in Berbera, Zentralafrika-Expedition
  • erwähnt Burtons Bücher sehr knapp, ohne zeitgen. Rezensionen
  • weniger detailliert über Mekka-Reise einschl. Alexandria, Kairo, Medina
  • sieht L. Oliphant nicht als treibende Kraft hinter Spekes Absetzen von Burton
*ohne Anhänge, Fußnoten, Bibliografie, Fotos, **nur Lovell mit gestrichenem Papier

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