Rezension Abenteurer-Biografie: The Devil Drives, A Life of Sir Richard Burton (1821 – 1890), von Fawn Brodie (1967) – 6 Sterne – mit Video, Kritikerstimmen und Links

Die Biographie des englischen Abenteurers Burton umfasst etwa 322 eng bedruckte Seiten Haupttext, dazu Anmerkungen, Index und Bilder. Im Vergleich zu den Burton-Biografen Edwin Rice und Mary S. Lovell legt Brodie mehr Wert auf Psychologie:

In den einführenden Kapiteln erwähnt Fawn Brodie Burtons bahnbrechende Reisen und Übersetzungen kaum, erklärt aber ausführlich die Beziehung zu Mutter, Vater und Blut. Zwar geht es hier auch um die Kindheit allgemein, aber Brodie möchte eher psychologisieren und den Menschen ausleuchten; seine Entdeckungen liefern ihr dafür das Anschauungsmaterial.

Hochinteressanter Mann:

Richard Francis Burton ist besonders bekannt für die ostafrikanische Suche nach den Nilquellen, für seine Mekka-Reise und für seine Übersetzungen von Kama Sutra, 1001 Nacht und anderen östlichen Erotika. Burton lohnt die Lektüre aber nicht nur als Entdecker und Literat, sondern weit darüber hinaus - er ist kein ruhm- und geltungssüchtig übertreibender Scoopjäger (wie Henry Morton Stanley) und kein verbissener Missionar (wie David Livingstone), kein Kolonialist und kein Entdecker aus Langeweile und zumindest weit amüsanter als Samuel Baker. Burton war so vielseitig und offen, dass ihm wohl mehr Biografien als T.E. Lawrence von Arabien gewidmet wurden (Übersichten und Links unten). Burtons Besonderheiten:
  • hochintelligent, ohne je Elfenbeinturm-Allüren zu zeigen, beherrschte Burton Dutzende Sprachen einschließlich Persisch, Hindi, Arabisch, Deutsch, Swahili, Italienisch, Griechisch, Latein, Punjabi, Telugu, Marathi und Gujarati
  • schlief laut Biograf Rice mit Hunderten oder Tausenden Frauen, während es ihm zehn Jahre lang nicht gelang, die angebetete Isabel zu heiraten (Biografin Brodie sieht Burton weniger viril)
  • redete nüchtern, sehr ehrlich und oft fortschrittlich, aber gut und oft unterhaltsam sarkastisch formulierend, immer an beschreibender Wahrheit interessiert, auch über Politik, Kolonialismus, Gesellschaft und Sex
  • beobachtete und beschrieb unentwegt Land und Leute um ihn herum
  • Burton war erst hochgelehrter geweihter Hindu und dann hochgelehrter geweihter Moslem
  • produzierte über 40 Bücher und hunderte Artikel in teils packendem Englisch und
  • hatte - je nach Biograf - Momente von Rassismus und Antisemitismus

Psycho:

Eine mögliche Burtonsche Geisteshaltung erklärt Biografin Fawn Brodie mit einem Sigmund-Freud-Zitat über Leonardo da Vinci. Einmal erzählt sie einen religiösen Traum Isabel Burtons über mehrere Absatze nach. In den USA hat Brodie hat einen Ruf für Psychohistory und Psychobiography, sie schrieb auch Biografien über Mormonen-Gründer Joseph Smith und Richard Nixon.

Einmal verbringt Burton vier Jahre mit Mutter, Schwester und Nichten, und Brodie kommentiert vieldeutig:

„Burton lived as the only male with two adoring adult women and two adoring adult small girls“,

ohne sonst viel von der Zeit zu berichten, außer dass sich Burton nicht verheiraten ließ. Später schreibt Brodie ausführlich über seine Liebesbeziehungen. Besonders ausführlich diskutiert sie Burtons erotische Übersetzungen, u.a. das Kama Sutra, und seine Haltung dazu in späten Jahren.

Libidinöser Linguist:

Brodie analysiert Burtons Schreibstil („interposed barriers between him and his readers“). Sie erklärt auch, wie Burton 29 Sprachen lernen konnte – sie will sogar sagen warum: es habe vielleicht libidinöse Gründe. In einer Fußnote am Buchende notiert die Biografin dann noch nebenher, dass ein anderer Sprachbegabter wegen Impotenz so viel gelernt habe.

Während Burton-Biograf Edwin Rice den viktorianischen Abenteuer als unermüdlichen Frauenentdecker darstellt, deutet Brodie mehrfach Impotenz und homosexuelle Neigungen an, findet aber keine eindeutigen Belege. Anders als Rice thematisiert Brodie zwar die Kinderlosigkeit der Burtons, liefert aber auch hier keine klare Erklärung.

Brodie bringt ausführliche Zitate auch aus entlegensten Archiven, erzählt anderes nach, sucht aber immer nach markanten Einzelerlebnissen, nicht nach der großen Linie oder wissenschaftlicher Standhaltigkeit. Sie schreibt jederzeit angenehm lesbar, mitunter vielleicht etwas altmodisch.

Spekulationen:

Sie spekuliert zart über homosexuelle Neigungen bei Burtons Expeditionspartner Speke (die Verfilmung Land der schwarzen Sonne macht daraus eine Knutscherei im Fieberwahn). Brodie zitiert Frau Burton mit einem Aufruf, geschundene Nutztiere liebevoller zu behandeln; Brodie deutet an, hier schildere Isabel Burton auch die Beziehung zu ihrem Mann. Die spätere Biografin Lovell weist Brodie Fehlinterpretationen und mangelnden Zeitaufwand nach.

Biografin Brodie, Ex-Mormonin, beschreibt Burtons Aufenthalt in der Mormonen-Hauptstadt Salt Lake City sehr genau, aber scheinbar nüchtern (sie entdeckte Burton, als sie ein Vorwort zu einer Neuausgabe seines Mormonen-Buchs The City of the Saints… schreiben sollte). Zwar war Utah offenbar Burtons Hauptziel und er produzierte ein Buch über die Mormonen. Dass Burton auf dieser Reise jedoch Zeit auch im US-Osten und in Panama verbrachte, verschweigt Brodie weitgehend; hier erzählen die Biografen Burton und Lovell mehr.

Unpolitisch:

Für Geografie heißer Länder, Kolonialpolitik, Ethnologie und Reiselogistik interessiert sich Brodie weniger. Burton tauchte intensiv ins Indien der 1840er Jahre ein, doch das wird bei Brodie nie lebendig (anders als bei Burton-Biograf Edward Rice).

Das publizistische Nachspiel einer Aktion behandelt Brodie manchmal fast ausführlicher als die vorausgegangenen Handlungen. So interessieren sie die Details der Zentralafrika-Expedition weniger als die anschließenden Wortgefechte in der Londoner Royal Geographic Society.

Auch die Umstände des turbulenten Damaskus-Konsulats interessieren Brodie eventuell weniger als der Nachtarock in London. Anders als Rice und Lovell zitiert Brodie auch ausführlich aus Rezensionen zu Burtons Büchern.

Kartografie:

Geografische Ausdrücke klingen bei Brodie mitunter falsch. Nur einige Beispiele: Sie schreibt mehrfach Gujarti statt Gujarati, nennt die Region einmal Gujerat statt Gujarat (ähnlich auch bei Lovell) und schreibt von Maskat statt Muscat. Den Afrikaner Sidi Bombay nennt sie Seedy (heruntergekommen), die gängige  islamische/arabische Anrede Siddi oder Sidi (Wikipedia) kennt sie wohl nicht.

Brodies Buch zeigt auch nur eine Karte, nur für Zentralafrika. Den Viktoriasee nennt sie einmal, aber nicht durchgehend Ukerewesee; doch auf der Landkarte erscheint dieser veraltete Name nicht.

Mary S. Lovell schreibt in ihrer 1998er-Burton-Biografie über Brodie:

I wish to stress that I’m not depracating Ms. Brodie’s fine biography of Burton… It is not the purpose of this book to draw attention to specific inaccuracies contained in previous biographies…

Dann weist Lovell Brodie jedoch eine schwere Fehlinterpretation nach – Brodie habe einen satirisch gemeinten Burton-Text für bare Münze genommen: „Her reasoning was flawed“. Die US-Amerikanerin Brodie habe auch nicht genug Zeit in das Quellenstudium in England investiert (S. 344 bei Lovell; Links unten):

Ms Brodie clearly did not have time to transcribe the document properly in the British Library; she spent only a few weeks in England and time was not on her side.

Brodie starb schon 1981, lange vor Lovells veröffentlichter Kritik. Brodies Buchtitel stammt von einem Burton-Zitat: Er wisse auch nicht, warum er sich laufend in eine Lebensgefahr nach der anderen quäle – der Teufel treibe ihn wohl an.

Aufbau:

Der reine Haupttext hat etwa 322 eng bedruckte Seiten. Dazu kommen etwa 55 Seiten Anmerkungen und Index sowie 16 Seiten Schwarzabbildungen auf dem normalen Buchpapier.

Die meisten Fußnoten erscheinen erst am Ende des Buchs – meist sind es reine Quellenhinweise, in einzelnen Fällen aber auch ein oder zwei Sätze Hintergrund, die man gern im Haupttext hätte. Einige wenige Fußnoten mit wichtigeren Hinweisen stehen direkt unter der betreffenden Seite (Lovell hält es ganz ähnlich, während Rice viel weniger Anmerkungen bringt).

Meine Eland-Ausgabe von 1990 liefert hinten zahlreiche Seiten Buchwerbung – pro Buch eine volle Seite, das sieht man selten. Und weil Niger-Sucher Mungo Park besonders gut zu Nil-Sucher Richard Burton passt, erscheint die Werbung für Mungo Parks Erinnerungen gleich doppelt.

“ Buy it, steal it, read it“ – die Kritiker:

Burtonia.org:

Based on extensive research combined with speculation.  Very well written. See important corrections in Lovell, 1998.

Graham Greene im Observer:

The latest, far the best, and surely the final biography of Sir Richard Burton

New York Times:

Brillant… Her scholarship is wide and searching, and her understanding of Burton and his wife both deep and wide. She writes with clarity and zest. The result is a first class biography of an exceptional man…Buy it, steal it, read it.

Departures Magazine, Caroline Moorehead:

There have been at least ten different lives of Richard Burton, but possibly none are as enjoyable as this one, for Fawn Brodie manages to be both scholarly and accessible, so that, as in only the very best biographies, the man takes shape within the contours of his time and the settings through which he passes. The result is a most vivid portrait

The New York Society Library:

It is true that it might be difficult for anyone to write a boring biography of Richard Burton… But Fawn Brodie goes above-and-beyond, scrutinizing her subject with insights and tireless curiosity that Burton himself would have admired, placing this biography in the “must-read” category… Brodie may occasionally overreach in attempts to posthumously psychoanalyze her subject, but this never detracts from a fascinating read.

Asian Affairs:

With clarity, style and enthusiasm the author traces her way through Burton’s life, giving the impression that no stone has been left unturned to get to the essential truth… Like Burton himself, Brodie supplies us with detailed footnotes to each chapter of her book… Particularly good are her description and analysis of the relations between Burton and Speke, and Isabel and her “Dear Richard”.

Bryce Blilie:

Brodie is magnificent in her inspirational quotes from Burton. She does not condone the inflammatory racist remarks in his journals, but she does defend a contrary position stating Burton was not racist in his own right, but simply regarded all of humanity as scientific and empirical data, fit to be analyzed and documented.

Richard Francis Burton: Links, Bücher und DVDs

3 neuere Burton-Biografien im Vergleich:

Fawn Brodie Edward Rice Mary S. Lovell
The Devil Drives Sir Captain Richard Francis Burton A Rage to Live
1967 1990 1998
Seitenzahl Haupttext* 322 enge 620 804
Bildseiten** 16 16 16
SW-Landkarten 1 Seite, 1 Karte nur für Zentralafrika 2 Seiten, 2 Karten für Sindh, Zentralafrika; nicht Arabien 2 Seite, 2 Karten a) für alle Regionen einschl. Tansania, Arabien, Indien, b) Zentralafrika & 1 Handskizze Burtons
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Urteil bei sirrichard-francis-burton.org the first to use the controversial technique of “psychobiography” on Burton, with results that are still debated today considered flawed because of the great amount of supposition and questionable “fill-in” material because she struggles to take a balanced viewpoint and had access to several large collections of material overlooked by prior biographers, this stands as the best working biography yet
Urteil bei burtonia.org Psychobiography, based on extensive research combined with speculation. Very well written. See important corrections in Lovell, 1998. Highly imaginative but dubious.  Sold well, but seems to have used an interpolation technique to deduce 'facts' The best archival biography.  Considerable fresh material.  An attempt to rehabilitate Isabel (this part fails to convince)
Erzählstil erzählt teils mit grobem Strich, mitunter nicht chronologisch, analysiert dann; gut lesbar erzählt Fakten der Reihe nach detailliert; angenehm lesbar  ordentlich lesbar, aber weniger ansprechend als Brodie, Rice; teils wertende Adjektive und Angriffe auf frühere Biografen; verteidigt beide Burtons teils eifernd gegen Kritiker; bietet mitunter Spekulationen an
Schwerpunkte
  • ausführlicher über ernste Liebesbeziehungen, Persönlichkeit, deutet Homosexualität und Impotenz an
  • Lovell weist ihr Fehldeutungen nach
  • weniger Interesse an Geografie, Kolonialpolitik, Ethnologie, Reiselogistik, heißen Ländern
  • Krimkrieg detailliert
  • Mormonen in Salt Lake City detailliert, restliches Nord- und Südamerika dieser Reise minimal
  • zitiert ausführlich aus Büchern, Gedichten, Korrespondenz, Rezensionen
  • sehr genaue Quellenhinweise
  • ausführlicher über Leben in Indien, indische Kolonialpolitik
  • ausführlicher allg. über Reisedetails und -strapazen (evtl. erfunden, s.o.)
  • zeigt Burton als unternehmungslustigen Liebhaber der Frauen
  • ausführlicher über kurze Affären, Drogenerfahrungen
  • ausführlicher über Nord- und Südamerikareise
  • zitiert knapp, gibt keine Rezensionen der Burton-Bücher wieder, nur seine eigene Meinung
  • flüchtige Quellenhinweise
  • betont Burtons Religiosität stärker, v.a. Hinduismus
  • sieht L. Oliphant als Motivator hinter Spekes Absetzen von Burton
  • nur hier Zeittafel (3 Seiten)
  • teils ausführlich auch über Nebenfiguren und Isabel Burton
  • sichtete viele neue Quellen
  • die meisten Episoden detaillierter als andere Biografen, z.B. Korrespondenzen insgesamt, Annäherung Burton-Isabel vor Zentralafrika-Expedition, Überfall in Berbera, Zentralafrika-Expedition
  • erwähnt Burtons Bücher sehr knapp, ohne zeitgen. Rezensionen
  • weniger detailliert über Mekka-Reise einschl. Alexandria, Kairo, Medina
  • sieht L. Oliphant nicht als treibende Kraft hinter Spekes Absetzen von Burton
*ohne Anhänge, Fußnoten, Bibliografie, Fotos, **nur Lovell mit gestrichenem Papier

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