Rezension Indien-Spielfilm: Trishna (2011, mit Freida Pinto) – mit Trailer – 7 Sterne

Die Dorffamilie der schönen Trishna (Freida Pinto) ist in finanzieller Not. Da verliebt sich das reiche Söhnchen Jay (Riz Ahmed) in Trishna. Sie begleitet ihn nach Mumbai, wo sich niemand an der unehelichen Beziehung stören wird. Doch es gibt Misstöne.

Gut gespielt:

Freida Pinto (bekannt aus Slumdog Millionär) zeigt das schüchterne, ergebene Dorfmädchen überzeugend. Riz Ahmed gibt den arroganten Millionärssohn angemessen. Einige Bollywood-Akteure spielen sich im Mumbai-Teil selbst als Schauspieler oder Regisseur, so Kalki Koechlin (bekannt aus Dev.D) und ihr Mann im richtigen Leben, Anurag Kashyap. Weiße treten nach den ersten fünf Minuten nicht mehr auf  (sieht man von Kalki Koechlin ab, Tochter zweier Franzosen, aber immer in Indien lebend).

Regisseur Michael Winterbottom zeigt viel echtes Indien, unglamourös ohne Hindustan-Romantik: ärmliche Kammern, eine stickige kleine Fabrik, verstopfte Straßen, Felder, überhaupt viele Außenaufnahmen. Es gibt zahlreiche kurze, schnelle Blicke auf Details; sie tragen nicht zur Handlung bei, sollen wohl Stimmung erzeugen.

Dazu erklingt wiederholt melancholisch-indische Musik. Die Darsteller unterspielen eher und betonen die Dramatik der Entwicklung kaum. Erst gegen Ende wird es deutlich melodramatisch.

Enttäuschung auf gehobenem Niveau:

Gute Bilder, gute Schauspieler – warum hat mich dieser Indien-Film trotzdem nicht hingerissen? Vielleicht lag es daran, dass die Akteure improvisieren mussten und dass sich die Filmgeschichte an der Handlung eines englischen Romans aus dem 19. Jahrhundert orientiert: Grundlage fürs Drehbuch war Thomas Hardys Tess von den d’Urbervilles.

Regisseur Winterbottom sagt im Interview auf der Bluray, dass der Roman die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spannungen und Normen enthalte, die man heute in Indien finde. Hauptdarsteller Ahmed muss jedoch Eigenschaften von zwei sehr unterschiedlichen Figuren aus dem Tess-Roman in einer Figur vereinen – vielleicht wurde hier insgesamt zu viel Thomas Hardy nach Indien getragen. (Tess wurde bereits mehrfach verfilmt, u.a. 1979 von Roman Polanski mit Nastassja Kinski.)

Diese Regisseurinnen hätten es vielleicht besser gemacht:

Deepa Mehta hätte vielleicht mehr aus dem Stoff gemacht, und Mira Nair sowieso, weil sie mit gut geschriebenen Drehbüchern arbeitet und vielleicht bewusst etwas mehr Indien-Romantik erzeugt. Regisseur Winterbottom wollte dagegen nur vorhandene Kulissen einfangen und keine Erwartungen überstülpen. Der Trishna-Film erinnerte mich auch an den indischen Film Dor (2006), der ebenfalls einfache Frauen in Wüstenlandschaft zeigt.

Die Trishna-Handlung hat mich jedoch interessiert: Die Frau aus dem Dorf steigt auf, findet neue Bekannte, ein neues Leben, könnte glücklich sein, doch tatsächlich verstrickt sie sich immer mehr. Es braucht einen Befreiungsschlag, was wird passieren?

Trishna erhielt nur lauwarmen Applaus:

Das Bild meiner Bluray war schlechter als auf mancher DVD. Ich habe den englisch-indischen Originalton gehört und dazu deutsche Untertitel gesehen, denn englische Untertitel bietet die Bluray nicht – schlecht. Die deutschen Untertitel übersetzen zeitweise, aber nicht immer auch die Lieder.

Der O-Ton ist zum größeren Teil Englisch, einige Szenen werden aber auch in Hindi und Marwari gesprochen. Die deutsche Synchronisation lässt sich in zwei Varianten einschalten:

  • nur für englische Sprache, indische Sprachen klingen weiter indisch (man blickt dann auf die Untertitel)
  • für englische als auch indische Sprachen

Die Extras:

  • 11 Minuten Interview Regisseur Michael Winterbottom
  • 5 Minuten Interview Hauptdarsteller Riz Ahmed
  • 0,0 Minuten Interview Hauptdarstellerin Freida Pinto
  • 7 Minuten nicht verwendete Szenen
  • deutscher Trailer, englischer Trailer, sehr unterschiedlich

Die Interviews sind interessant (in vernuscheltem britischem Englisch mit deutschen Untertiteln). So erfahren wir, dass Pinto viel Kontakt mit den dörflichen Laiendarstellern hatte, von ihnen notgedrungen auch Marwari lernte und ihre Anregungen aus der Beobachtung des Dorflebens zog.

Kein festes Drehbuch:

Michael Winterbottoms Drehbuch lag nur als Grundstruktur vor, die Dialoge wurden improvisiert. Nur für die Genehmigung der indischen Filmbehörde musste ein Drehbuch präsentiert werden, es wurde aber für den Film nicht genutzt.

Die nicht verwendeten Szenen erscheinen in voller Filmqualität (Ton und Bild) mit Untertiteln. Sie bringen mit zwei kurzen Ausnahmen keine neuen Aspekte.

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