Tag Archive for Hot Country Reading

Rezension Afrika-Reisebericht: Show Me the Magic: Travels Round Benin, von Annie Caulfield (2002) – 8 Sterne

Annie Caulfield hat ein Talent für humorige, kurzweilige Reisebeschreibung (immerhin verfasst Caulfield auch Ratgeber für Reise- und Radioautoren). Caulfield beweist einen genauen, liebevollen Blick für eigenwillige Typen und wunderliche Sprache, und Benins erstaunliche Bräuche (Voodoo, Vielweiberei, krakeelende Lokalmonarchen) beschreibt sie ohne mit der Wimper zu zucken. Auch ihre eigenen Bräuche verschweigt Caulfield nicht: mit Trinkgeldern…

Rezension Filmbuch: Kinda‘ Hot: The Making of „Saint Jack“ in Singapore, von Ben Slater (2006) – 8 Sterne

Erstmals entstand eine Hollywoodfilm komplett in Asien: Regisseur Peter Bogdanovich, Filmstar Ben Gazzara und ein großes amerikanisch-europäisch-asiatisches Team verfilmten Paul Therouxs Roman Saint Jack 1978 in Singapur (der Roman, der Film im HansBlog). Sogar die zahlreichen Innenaufnahmen entstanden in Singapur und nicht im Studio. Sehr farbig, lebendig, und kinda hot erzählt Ben Slater in diesem…

Rezension Andalusien-Berichte: A Parrot in the Pepper Tree, von Chris Stewart (2002, Teil 2 von „Driving over Lemons“) – 7 Sterne

In Andalusien war ich auch mal.

Lebhaft, warmherzig, unterhaltsam, dazu sehr spannend und überaus lustig – ich habe selten so oft bei einem Buch gelacht, und so laut, sogar bei den kurzen Abschnitten über England und Schweden, von denen ich mir wenig erhofft hatte. Ich habe mich bald wie ein Teil der Familie gefühlt, weil Chris Stewart auch recht ehrlich schreibt…

Buchkritik: Spätzle al Dente, von Luigi Brogna (über Italiener in Deutschland, 2007) – 7 Sterne

Also das sind interessante Einblicke: eine italienische Familie zieht 1971 von Sizilien ins Schwabenland und bleibt dort viele Jahre. Wir lernen einiges über Anpassungsschwierigkeiten bei Italienern und Schwaben, über unterschiedliche und wandelnde Formen von Heimweh – und über grauenhafte Ausländerfeindlichkeit. Interessant auch die Italienurlaube der Gastarbeiter, die ihre Heimatstadt Messina bald mit halb deutschen Augen…

Rezension Indien-Roman: Ernste Männer bzw. Genie ist relativ, von Manu Joseph (2010, engl. Serious Men) – 7 Sterne

Mir gefiel: witziger, teils zynischer Erzählton (ich hatte die englische Ausgabe, Serious Men) Handlung teils skurril und unterhaltsam zeitweise spannend Mir gefiel weniger: die zwei Geschichten des Institutsleiters und seines Sekretärs sind über weite Strecken zu lose verbunden, man liest fast zwei getrennte Handlungen das Institut im Mittelpunkt des Romans wirkt sehr unrealistisch, wie auch…

Rezension Multikultur-Afrika-Roman: Fong and the Indians, von Paul Theroux (1968) – 7 Sterne

Kramladeninhaber Fong und seine Frau stammen aus China und sind Christen; Fongs Vermieter und Lieferant Fakhru stammt aus Indien und ist Moslem; dann gibt es noch ein paar lautmaulige Amerikaner. Und sie alle agieren in Ostafrika, in der Fremde. Schwarzafrikaner spielen in diesem Roman dennoch nur eine geringe Rolle; sie kaufen schonmal eine einzelne Zigarette…

Witziger Indien-Roman: 2 States: The Story of my Marriage, von Chetan Bhagat (2009) – mit Video – 7 Sterne

Wieviel davon stammt direkt aus dem Leben des Autors? Das ist die Frage, wenn Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin deutliche Züge des Verfassers und seiner Angetrauten zeigen. Chetan und Anusha Bhagat betonen den fiktionalen Charakter von 2 States. Die Dialoge sind sicherlich nicht 1:1 mitstenographiert: Sie klingen über weite Teile zu clever, zu scharf und pointiert. Spannend…

Rezension Trinidad-Roman: Fireflies, von Shiva Naipaul (1970) – 7 Sterne

Eine arme, indischstämmige Familie im Trinidad der 40er und 50er Jahre. Sie wurschteln sich so durch. Das Ganze beschrieben mit leisem Humor, Einfühlung und viel Lokalkolorit. Familienerinnerungen des kleinen Bruders: Shiva Naipaul, kleiner Bruder des Nobelpreisträgers V.S. Naipaul, schildert hier etwas verfremdet seine eigene Sippe. Mitunter hängt er scheinbar auf gut Glück Erinnerungen aneinander, auch…

Buchkritik Italien-Auswanderer: Die Oliven von San Pietro, ein italienisches Abenteuer, von Annie Hawes (2003, 1. Teil der Trilogie, engl. Extra Virgin) – 7 Sterne

Bücher, die auf Englisch erschienen, lese ich im Original.

Ich habe oft und laut gelacht. Und ich habe einiges gelernt: Italienisch, Ligurisch, Mentalität, Küche, Landwirtschaft. Ich konnte das Buch zeitweise kaum weglegen. Fragwürdiger Ton: Annie Hawes schreibt mit hochtouriger, deftiger und übertrieben wortreicher Ironie. Das ist unterhaltsam; man hat aber auch das Gefühl, dass sie dabei ihre italienischen Nachbarn verrät. So sah Hawes es…

Satirischer Diplomaten-Roman rezensiert: Unser Mann in Afrika, von William Boyd (1981) – 7 Sterne

Zeitweise war ich mir nicht sicher: Ist der Autor so pubertär, oder nur seine Hauptfigur? Die niederen Gelüste des Morgan Leafy bekommen viele Zeilen in diesem Westafrika-Roman, unangenehm viele, und gelegentlich geht es sogar saftig ins Urologische – kein guter Lesestoff beim Frühstück, aber ein Anlass, bestimmte venerische Komplikationen einmal nachzuschlagen. Dann noch derbe, schnell…

Rezension Trinidad-Roman: Wahlkampf auf karibisch – Oder: Eine Hand wäscht die andere, von V.S. Naipaul (1958, engl. The Suffrage of Elvira) – 7 Sterne

Das groteske Wahlkampfspektakel im hinterwäldlerischen Inland von Trinidad bringt Geldgier, Aberglaube, Standesdünkel und Machtpoker zum Vorschein. Das übliche Demokratieverständnis wird parodiert; so erklärt Harichand, der örtliche Druckunternehmer, ganz ernst: Demokratie ist, wenn ich an den Druckaufträgen der Parteien verdiene (ein ähnliches Motiv kehrt wieder in einem Indonesien-Roman von Ratih KumalaIndonesien-Roman von Ratih Kumala). Fast wie…

Rezension Italien-Auswanderer: Picknick im Olivenhain: Ein italienisches Abenteuer, von Annie Hawes (2004; Teil 2 der Trilogie) – 7 Sterne

Bücher, die auf Englisch erschienen, lese ich im Original.

Unterhaltsame, leicht konsumierbare Geschichten vom Leben in einem ligurischen Dorf (engl. Originaltitel Ripe for the Picking). Es geht viel ums Kochen, aber auch um Wein- und Olivenanbau, Hühnerzucht, Renovierung – und ums Eintauchen ins dörfliche italienische Familienleben: Denn Ripe for the Picking (ich hatte die englische Ausgabe) ist eine Art „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ mit…

Rezension Italien-Bericht: Der Himmel über Kalabrien. Ein italienisches Familientreffen, von Annie Hawes (2006, Teil 3 der Trilogie) – 7 Sterne

Bücher, die auf Englisch erschienen, lese ich im Original.

Ingesamt erinnert das Buch (engl. Journey to the South: A Calabrian Homecoming) deutlich an Annie Hawes‘ zwei vorhergehende Italienbände (s.u.); man liest sie am besten vorher, muss es aber nicht unbedingt. Vorzüge: Hawes versucht, Sitten, Speisen und Personen sehr genau zu beschreiben. Sie lernt alles gut kennen, weil sie offensichtlich gut Italienisch und teils auch…

Kindheitserinnerung Sizilien: Das Kind unterm Salatblatt, von Luigi Brogna (2006) – 6 Sterne

Brogna liefert eine Kette liebenswerter Kinderanekdoten aus der Zeit, als er ungefähr fünf bis zehn war und in Messina, Sizilien, aufwuchs. Er erzählt mit einer naiven Kinderstimme, und das Ergebnis klingt wie das Buch eines Kindes über Kinder und geschrieben *für* Kinder. Ich habe ein paarmal gelacht und gelegentlich gelächelt; allerdings wirkt der Text zwar…

Rezension Chile-Roman: Mit brennender Geduld, von Antonio Skármeta (1985) – 6 Sterne

In dieser mild heiteren, erfundenen Geschichte hilft der Dichterfürst Pablo Neruda seinem einfältigen Dorfbriefträger, die Tochter der Dorfwirtin mit Versen und Metaphern zu betören und an den Altar zu führen. Die Geschichte wurde zweimal verfilmt – zuerst 1984 in der Regie des Romanautors; weit bekannter ist die spätere, fünffach Oscar-nominierte Version mit Philippe Noiret unter…

Rezension Karachi-Roman: Alice Bhattis Himmelfahrt, von Mohammed Hanif (2011, engl. Our Lady of Alice Bhatti) – 5 Sterne – mit int. Presselinks

Szenen aus Alice Bhattis Schwesternalltag in einem verkommenen staatlichen Krankenhaus in Karachi und über ihre seltsame Ehe mit einem Bodybuilder und Polizeischergen. Dazwischen Einschübe über Bhattis Zeit im Frauengefängnis, über Vater und Wunderheiler Bhatti und über Polizei-Misshandlungen. Fazit: Schnelle, dreckige, zynische und betont gern vulgär-obszöne, manchmal salopp brutale Satire aus einer verkommenen Dritte-Welt-Großstadt. Leicht zu…

Afrika-Roman: Devil of a State, von Anthony Burgess (1961) – 4 Sterne

Naja, manchmal lustigEin paar langweilige, unsympathische Weiße arbeiten in einem kleinen afrikanischen Staat in den 50er Jahren. Einheimische kommen nur am Rand vor, als Taxifahrer, Prostituierte, Sultan oder Menschenfresser. Burgess schreibt hier über seine persönlichen Brunei-Erfahrungen, verlegte die Handlung aber aus Angst vor Verleumdungsklagen nach Ost-Afrika. In seiner Autobiographie Little Wilson and Big God sagt…

Rezension Sierra Leone-Bericht: Green Oranges on Lion Mountain, von Emily Joy, fast identisch mit What for Chop Today: Her Mission was to Save Lives, von Gail Haddock bzw. (2001) – 8 Sterne

Himmelschreiend komisch, tragisch, tragikomischDieser Sierra Leone-Bericht erschien fast identisch zweimal mit zwei verschiedenen Titeln und Autorennamen: Zuerst: What for Chop Today: Her Mission Was to Save Lives, von Gail Haddock (das ist ihr richtiger Name) Und dann: Green Oranges on Lion Mountain, von Emily Joy (später erschienen unter Pseudonym, Sierra Leone wird in Lion Mountain…

Rezension Afrikabericht: French Lessons in Africa: Travels with My Briefcase Through French Africa, von Peter Biddlecombe (1992) – 7 Sterne

Korruption und Kamelmetzger – unterhaltsamDer unterhaltsame Band endet etwa 1993, als Mobutu Sese Seko noch für Schlagzeilen sorgte. Biddlecombe berichtet rund 50 Seiten lang aus jedem Land Französisch-Afrikas. Viele Begegnungen: Dabei sind die Kapitel sehr unterschiedlich aufgebaut, folgen keinem festen Schema. Mitunter beginnt Biddlecombe mitten in einem Länderkapitel mit ausgedehnten Schwenks und Vergleichen zu anderen…

Rezension Trinidad-Inder-Kurzgeschichten: Miguel Street, von V.S. Naipaul (1959) – 9 Sterne

Träge fließt das Leben dahin in der Miguel Street, einem ärmlichen Wohnquartier in Port of Spain, Trinidad. Auf der Straße trifft man immer ein paar Leute, und wenn sie nicht grade schmollen, plauscht man gern: wir treffen Hat, Eddoes, Man-Man, Boyee, Herrn und Frau Bhakcu, das Ehepaar Morgan – regelmäßig begegnen sie in diesen gut…