Filmbuch: The Essential Guide to Bollywood, von Subhash K. Jha (2005) – 6 Sterne

Den Hauptteil bilden die Filmbesprechungen aus vielen Jahrzehnten, sortiert nach Genres, innerhalb eines Genres nach Jahr. Jeder Film bekommt nur ein bis zwei Absätze; Jha geht oft nur auf Handlung, filmhistorische Bedeutung und Botschaft ein, aber es gibt selten eine eindeutige Wertung oder Einstufung.

Zwar packt der Autor die Essenz eines Films oft gelungen in ein, zwei treffende Sätze. Die Formulierungen schätzt man aber eventuell erst richtig, wenn man den Film schon kennt; sie taugen weniger als Orientierung beim DVD-Kauf. Allerdings warnt Jha stets vor harter Gewalt.

So ist der Essential Guide aufgebaut:

Pro Film gibt es meist ein Bild, entweder ein Szenenfoto oder das Plakat. Danach folgen ein paar Seiten mit den besten und schlechtesten Filmen pro Jahrzehnt – ich kann nicht erkennen, nach welchen Kriterien er hier sortiert.

Das englischsprachige Buch endet 2005, doch aus dem Jahr wird nur „Black“ vorgestellt. Insgesamt hat man den Eindruck, dass Jha sich in den 60er bis 80er Jahren am wohlsten fühlt und Streifen mit ernster Aussage mag. Wer sich in diesen vergangenen Zeiten orientieren will, bekommt viele gute Anregungen.

Das Buch enthält keine allgemeinen Aufsätze über Schauspieler, Regisseure, Stile, Epochen, Techniken (übersichtliche Kurzartikel zu den bekanntesten Regisseuren und Schauspieleren aller Jahrzehnte bekommt man bei Bollywood: A Guidebook to Popular Hindi Cinema, opulent allgemeine Übersichten bis zum Jahr 2000 liefert Bollywood: Popular Indian Cinema und einen tollen Streifzug durchs Bollywood nach der Jahrtausendwende findet man in Lights, Camera, Masala: Making Movies in Mumbai).

Geht alles mit rechten Dingen zu?

Den Autor des „Essential Guide to Bollywood“, Starkritiker Subash K. Jha, findet man auch heute noch mit aktuellen Besprechungen und Interviews auf führenden englischsprachigen Internetseiten aus Indien. Jha ist jedoch umstritten. Angeblich protegiert er die Bachchans, mag Shah Rukh Khan nicht und schreibt Akteure nieder, die nicht auf seine Avancen reagieren, zum Beispiel Topsänger Sonu Nigam (offener Brief von Nigam).

In Jhas Best-of-Listen sehe ich keine offensichtlich falsche Parteinahme. Oder doch? Mein Bollywood-Favorit schlechthin, „Kal Ho Naa Ho“, erscheint in der Zeitleiste, wird aber nicht besprochen, ebenso ergeht es „Main Hoon Na“. Das wundert schon.

Aufwändige Gestaltung:

Das Layout ist over the top: Die Szenenfotos erscheinen manchmal als Freiform-Ausschnitt mit weichem Übergang zum Seitenweiß oder ein einzelner Schauspieler wird freigestellt ausgeschnitten; das wirkt schick Magazin-artig, erschwert aber Vergleich und Beurteilung.

Außerdem wechseln sich Schwarzweiß- und Farbbilder ab, auch wenn zum Beispiel die besprochenen Filme der 80er Jahre sämtlich in Farbe entstanden; das verhindert wiederum einen realistischeren Eindruck. Ein Textkasten auf jeder rechten Seite liefert ein Hintergrunddetail zu einem besprochenen Film – der sich vielleicht auf der Doppelseite links befindet.

Mein Gesamteindruck:

Um neue, einem unbekannte Filme zu entdecken, eignet sich der „Essential Guide“ gut – Filme eines Genres und einer Epoche stehen nebeneinander. Umgekehrt findet man aber nur schwer einen bestimmten Film, den man schon kennt: Das Inhaltsverzeichnis vorne nennt nur die Kategorien, keine Filmtitel, und ich bin mir nicht immer sicher, ob ein Streifen nun zu „Drama“, „Family Drama“ oder vielleicht zu „Romance“ gehört; das Stichwortverzeichnis hat oft zehn Einträge zu einem einzigen Film – aber die Seite mit der Hauptbesprechung zum Film ist nicht hervorgehoben.

Die Top-Ten-Listen am Buchende nennen die besten Filme pro Jahrzehnt, verschweigen aber die Seitenzahl. Bleibt nur die Zeitleiste unten auf jeder Seite: weiß man halbwegs das Erscheinungsjahr des Films, lässt sich auf der Zeitleiste schnell erkennen, ob und auf welcher Seite er besprochen wird; daneben sieht man dann automatisch – sehr angenehm – Filme desselben Genres aus der selben Zeit.

Mir taugt die Unterteilung in Genres, selbst wenn sie mitunter fragwürdig ist. Aber so finde ich schnell Komödien aus unterschiedlichen Jahrzehnten und kann weniger interessante Kategorien wie „Thriller&Mystery“ und „War Drama“ zügig übergehen.

Jha liefert einen willkommenen ersten Überblick für Einsteiger, die ihnen unbekannte Streifen entdecken wollen – dank Unterteilung in Genres, Best-of-Listen und Sortierung nach Jahreszahl übersichtlich, wenn auch sehr knapp pro Film und gewiss nicht „essentiell“. Ich möchte das Buch gleichwohl nicht missen. Ich vermisse aber Mut zur Wertung, so subjektiv sie auch naturgemäß ist. Für die Entscheidung, ob eine DVD bestellt werden sollte, brauche ich noch weiteren Input.



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