Bollywood: Jab we met – Als ich Dich traf (2007, mit Shahid Kapoor, Kareena Kapoor; mit Trailer & 5 Songs) – 4 Sterne

…oder sollte ich sagen, „Jab We Met“ ist schlechter als nett? Der Film hat liebenswerte Hauptdarsteller, leidet aber unter krassen Unglaubwürdigkeiten. Auch wenn wir in Bollywood brav und gern das Hirn ausschalten, hier geht’s zu weit.

Nicht plausibel:

  • Shahid Kapoor ist eine komplette Fehlbesetzung. Er passt in eine Werbung für Milchschnitten oder Kaschmirpullunder und weckt als niedlicher Milchbubi vielleicht milde Sympathien. Doch als Unternehmerspross Aditya Kashyap scheitert er komplett; man kann noch nicht mal von Scheitern sprechen, denn Shahid Kapur probiert’s gar nicht erst. Das gilt ausdrücklich auch für den Anfang, als seine Liebste einen anderen heiratet und er wie in Trance – nein, wie unter Drogen – durch Bombay und zum Bahnhof wandelt (Shahid heißt passend auch Märtyrer). Seine Blicke für Geeta (Kareena Kapoor) sind immer nur wolkig und sonst nichts. So spielt ein ergriffener Oberstüfler in der Theater-AG. Gut, Kritiker loben, dass Shahid Kapur nicht so übertreibt wie Shah Rukh Khan in vergleichbaren Rollen; aber Shahid Kapur tut einfach gar nichts außer silbrig lächeln. Auch seine Reden als Junior-Industriekapitän sind komplett Pappmaché, Mercedesse und Designer-Kleidung unpassende Staffage. (Es ist mir bei der Beurteilung egal, ob die tatsächliche Beziehung zwischen den beiden Hauptdarstellern während der Dreharbeiten endete.) Wer einen schläfrigen Milchbart-Beau zum Anschmachten sucht, könnte mal Tamil-Star Dhanush probieren, der viel mehr Ausstrahlung hat, zum Beispiel in „Yaaradi Nee Mohini“, 2008.
  • Laut Drehbuch steigt Aditya Kashyap gefrustet aus dem Arbeitsleben aus, anschließend aber führt er die Firma wieder zum Erfolg – und so ein fähiger Chef und Entscheider lässt sich dann von ein paar euphorischen Punjabis aus, hm, Bathinda, in seiner eigenen Firmenzentrale erst überfallen und später in eine ungeplante Hochzeit drängen?
  • Geet hat Anshuman ihren Eltern nicht vorgestellt: als Nicht-Punjabi werde Anshuman ohnehin nicht als Ehemann akzeptiert, darum müsse sie ihn heimlich heiraten. Doch Aditya Kashyap wird von Geetas Eltern sofort begeistert zur Hochzeit gedrängt – obwohl er auch keinen Turban trägt und sogar als Lügner und Geet-Entführer wahrgenommen wurde.
  • Geet verpasst ihren Zug, weil sie mit dem Snackverkäufer um zwei Rupien zankt?
  • Hotelier Anshuman ist so ein Ekelpaket, dass man nicht versteht, wie Geet ihm nachfolgt und dann quasi klösterlich neun Monate lang nachtrauert.
  • Die Special Effects bei der Autojagd im ersten Teil sind so schlecht, dass ich erst an einen Witz glaubte, zumal man mühelos darauf verzichten könnte. In 70er-Jahre-Bollys akzeptiert man grobe Technikmängel (und Logiklöcher) als amüsanten Trash. Aber im Jahr 2007 haben Taare Zameen Par – Ein Stern auf Erden und Om Shanti Om gezeigt, wie man Spezialeffekte weit gekonnter einsetzt.

Diesen Film (Regie: Imtiaz Ali) werde ich – anders als viele Bollywoodproduktionen – nicht noch einmal sehen, und darum werden es hier nur vier Sterne (während Jab we met auf IMDB tolle 8,0 Sterne von 15.370 Nutzern einsammelt, Stand August 2014).

Es gibt aber tatsächlich auch Stärken:

  • Kareena Kapoor, Kareena Kapoor, Kareena Kapoor. Mit Lebensfreude und Schnellfeuermundwerk pumpt Kareena Kapoor als Geet fast als einzige noch Leben in den Film, vor allem in der ersten Hälfte. Die quirlige, spielfreudige Kareena Kapoor ist der Lichtblick in „Jab We Met“. Geets kernige und tanzfreudige Punjabi-Klischeefamilie macht natürlich auch Spaß.
  • Die erste Filmhälfte geht als passable Komödie und Road Movie durch. Es gibt lustige Ideen und Dialoge, schöne Landschaften, die ansehnliche Schnattertante Geet egalisiert den Ausfall des dauer-benebelten Aditya. (Unglaubwürdig freilich, dass sie ihr Temperament im zweiten Teil so herunterfährt.)
  • Der Film zeigt unterhaltsame Tänze mit passabler Musik, wenn auch langweilig gefilmt. Bei den Tänzen wacht Shahid Kapoor plötzlich auf, gewinnt Statur, wirkt präsenter, schließlich hat er das gelernt. Und, ja, millisekundenweise, nur bei den Tänzen, wenn er Kareena Kapoor in Zeitlupe umstreicht, dann erinnert Shahid Kapur vage an Shah Rukh Khan.

Parallelen zu anderen Bollywood-Filmen:

  • „Jab We Met“ erinnerte viele Kritiker an Dilwale Dulhania Le Jayenge – Wer zuerst kommt, kriegt die Braut, die Erfolgskomödie um junge Liebe von 1995. Die Parallelen sind wirklich nicht zu übersehen: Da gibt es die Hochzeitsvorbereitungen im Punjabi-Palazzo, wichtige Besprechungen in den Feldern, Road-Movie-Szenen des jungen Paares, die aufgedrehte und selbstsichere Kareena Kapoor von 2007 erinnert teils an die quietschige und ebenfalls zukunftsgewisse Kajol von 1995. Die Ehemänner in spe, die letztlich unverheiratet bleiben, ähneln sich äußerlich und in ihren Sympathiewerten; die männliche Hauptfigur in „Jab We Met“ trägt den Vornamen des „Dilwale“-Regisseurs. Beide Filme zeigen auch handwerkliche Schwächen, doch die wirken bei „Dilwale“ charmant, nicht peinlich – „Dilwale“ ist klar der bessere Film.
  • Haben die letztlich Vereinten nicht am Ende Zwillingstöchter? Das erinnerte mich an Mani Ratnams Film Guru, der Anfang 2007 rund neun Monate vor „Jab We Met“ erschien. Auch dort kommen Zwillingsmädchen zur Welt und in vergleichbarem Alter vor die Kamera.
  • Geets Kleidung erinnert an Kajols Look in Fanaa (2006) und 50 weitere Streifen? Ja, Kareena Kapoors Hemden stammen wieder vom Schneider Manish Malhotra – wie fast alle Gewänder fast aller Bollywooddiven in fast allen neueren Filmen. Gibt es denn im großen weiten Indien keine anderen Modemacher? Oder hat Herr Malhotra keine neuen Ideen mehr?



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