Belletristik

Romankritik: Almayers Luftschloss bzw. Almayers Wahn, von Joseph Conrad (1895, engl. Almayer’s Folly, Lingard-Trilogie Teil 3 von 3) – 7 Sterne – mit 2 Videos

Fazit: Es klingt, als hätte Joseph Conrad (1857 – 1924) seinen Erstlingsroman schnell rausgehauen, atemlos, seitenlang kein Absatz, kein Dialog, Zeitsprünge, Fokus- und Szenenbrüche, wichtige Aspekte aufgeregt wiederholend. Aber der Plot läuft meist zügig durch und wird im letzten Drittel sehr spannend. Es gibt kaum hohle Verallgemeinerungen, wenig mystisches Geraune, das Nature Writing ist nüchtern…

Romankritik: Emil und die Detektive, von Erich Kästner (1929) – 7 Sterne – mit Video

Erich Kästner (1899 – 1974) zeigt den betont gutherzigen – heute sagt man: achtsamen –, aber auch pfiffig-ironischen Emil Tischbein und seine betont gutherzige, aber auch pfiffig-ironische Mutter. Immer wieder baut Kästner kleine, fast unauffällige Witze ein wie Die Mutter pfiff sich eins, vermutlich um ihre Sorgen zu ärgern… Die kleinen Cleverle-Einsprengsel unterhalten, kommen aber…

Romankritik: Das Wetter vor 15 Jahren, von Wolf Haas (2006) – 8 Sterne

Zwei Kulturmenschen, der österreichische Romanautor „Wolf Haas“ und die deutsche Kritikerin „Literaturbeilage“, unterhalten sich in diesem Dialogroman gewitzt, aber realistisch umgangssprachlich über den Roman des Autors. Sie diskutieren den Romaninhalt, platzieren zwischendurch aber auch ein paar Seitenhiebe auf Christoph Ransmayr, den Zauberberg oder dies: Der Teufel der Plötzlichkeit. Das klingt wie ein Titel von Peter…

Romankritik: Altes Land, von Dörte Hansen (2015) – 7 Sterne

Fazit: Der leicht lesbare Roman schnurrt zunächst gut dahin, bringt eigenwillige, aber nicht zu unrealistische Figuren, interessante Einblicke aus vielen Jahrzehnten sowie unterhaltsame Dialoge oder Einzeiler auf Plattdeutsch. Dörte Hansen wechselt jedoch regelmäßig zwischen zwei und mehr Zeitebenen, vor allem in den ersten zwei Buchfünfteln, so dass mir die Übersicht abhanden kam. Dörte Hansens Spott…

Kritik Kurzgeschichten: Heiraten (Ehegeschichten), von August Strindberg (1884, 1886) – 7 Sterne

August Strindberg (1849 – 1912) schreibt schnarrig unwirsch sarkastisch über Ehe-Alltag. Der beginnt oft mit blumigen Illusionen und enttäuscht schon bald bitter. Entscheidungen und Wendungen bahnt Strindberg nicht einfühlsam an; er verkündet sie nassforsch im Kasernenton: „Es setzte eine heftige Reaktion ein“, so beginnt etwa der Umschwung in der Geschichte Zweikampf. Öfter wollen Gockelmänner mit…

Romankritik: Heile Welt, von Walter Kempowski (1998) – 7 Sterne

Walter Kempowski (1929 – 2007) liefert reizvolle, detailreiche Einblicke ins norddeutsche Dorfleben Anfang der 1960er Jahre – teils autobiografisch (auch wenn auf der Impressumseite „Alles frei erfunden!“ steht). Die Hauptfigur trifft als Junglehrer ein und lernt alle Bauern, ihre Beziehungen und Tics kennen, natürlich auch Bürgermeister, Krämer, Pfarrer und viele Kollegen und Oberlehrer. Schatten der…

Romankritik: Uns geht’s ja noch gold, von Walter Kempowski (1972) – 7 Sterne

Walter Kempowski (1929 – 2007) erzählt tagebuchartig von seiner Zeit als Jugendlicher ab Kriegsende 1945 in Rostock. Die Russen übernehmen die Stadt, Kempowski bekommt einen Job bei der Verwaltung, plündert und wird geplündert, muss sich mit russischen und US-Besatzern arrangieren, auf dem Schwarzmarkt jonglieren, übersteht eiskalte Winter ohne Heiz- oder Beißmaterial. Er haust mit Mutter…

Romankritik: Tadellöser & Wolff, von Walter Kempowski (1971) – 8 Sterne – mit Video

Walter Kempowski schreibt ein sehr sinnliches, eigenwilliges und altmodisches Deutsch, das jedoch stets kraftvoll und in der direkten Rede teils verspielt und/oder falsch tönt: „Entpörend… konfortabel… Immerhinque… vom Stamme Nimm… allerhandlei… Verstahne vous?… zu und zu schön“ Manche Sprüche erklingen wieder und wieder, wie altvertraute Möbelstücke. All die sprachliche Finesse bringt meine btb-Ausgabe 3. Auflage…

Romankritik: Katz und Maus, von Günter Grass (1961) – 7 Sterne – mit 1 Video

Günter Grass schreibt teils enorm lange, unübersichtliche Sätze. Auf die Hauptfigur Mahlke bezieht er sich mal in der dritten, mal in der zweiten Person. Gelegentlich fand ich die Grammatik anfechtbar, auch einzelne Textstellen (so grübelt der Ich-Erzähler, ob Mahlke in der Oster- oder Westerzeile wohnte, doch der Ich-Erzähler wohnte selbst in der Westerzeile, besuchte das…

Romankritik: Kings of Cool, von Don Winslow (2012, Teil 1 der Reihe) – 6 Sterne

Don Winslow schreibt einen ultra-coolen Mackerton, in dem Zeilen und sogar Kapitel oft nach zwei, drei Wörtern enden. Er erzählt von Drogenhändlern, Fahndern und Hippies in Südkalifornien, mit vielen kurzen, vulgären  Gewaltausbrüchen (oft Kopfschüsse) und interessanten Einblicken in den regionalen Wohnungs-, Dating- und BTM-Markt. Winslow springt zwischen verschiedenen Personengruppen und Zeitebenen, nicht immer hatte ich…

Romankritik: Tiefe Wasser, von Patricia Highsmith (1957, engl. Deep Water) – 9 Sterne – mit 2 Videos

Highsmith macht alles richtig: Die Sprache ist jederzeit uneitel im Dienst der Geschichte. Sie verzichtet auf Dramatisierung, düstere Andeutung, Zeitsprünge, schreibt strikt chronologisch und ohne bizarre Zufälle. Sie erzählt bruchlos aus Perspektive der Hauptfigur. Das Ende bleibt fast bis zur letzten Seite völlig offen. Im Zentrum steht ein scheinbar freundlicher, aber innerlich zynischer Familienvater. Er…

Romankritik: Von der Schönheit, von Zadie Smith (2005, engl. On Beauty) – 7 Sterne

Zadie Smith schreibt witzige, intelligente Dialoge, und sie spießt Uni-Politik und die Tics der US-Uni-Koryphäen boshaft auf. Gewiss erkannten sich einige Wissenschaftler in diesem Roman erzürnt wieder. Zu den Highlights zählen auch ein paar erstaunliche Sexszenen. Doch die Dialoge und Szenen laufen teils zu lang, und sie konzentrieren sich ermüdend auf die immer gleichen Themen:…

Kritik: Die Dame mit dem Hündchen, Erzählungen 1897 – 1903, von Anton Čechov – 7 Sterne

In diesem vierten und letzten Band seiner gesammelten Erzählungen schreibt Anton Tschechow (Anton Čechov, 1860 – 1904) kenntnisreich und einfühlsam über das Leben geschundener Bauern und Tagelöhner – mit Intrigen und Gaunereien wollen sie das Überleben sichern. Nicht besser sind aber auch die Krämer, die Beamten und die Fabrikanten. Positiv ist wenig. Tier- und Pflanzenwelt,…

Romankritik: Szenen einer Ehe, von Ingmar Bergmann (1973) – 7 Sterne – mit Video

Der Dialogroman gibt intime Einblicke in das seelische Geflecht einer bürgerlich-liberalen Ehe, man fühlt sich wie ein Lauscher hinter der Wand. Verhalten sich die Figuren realistisch oder eher so, wie es ein mondäner Theaterregisseur lässig imaginiert? Auch wenn manche Plotwendungen und Formulierungen sehr verwundern, liest sich das Buch flüssig, und es passt gut zur Verfilmung.…

Kritik Kurzgeschichten: Eine letzte Liebschaft, von Richard Yates – 7 Sterne

Dieser Band enthält Yates-Stories, die in den USA nie oder zumindest nicht zwischen Buchdeckeln erschienen, die jetzt aber auch auf Englisch in Yates‘ Collected Stories herauskamen. Offenbar basieren die meisten Geschichten auf Yates‘ eigenem Leben: biografische Skizzen zum Autor lesen sich wie die Zusammenfassung einer Yatesschen Kurzgeschichte, und die Themen kehren auch in Yates‘ Romanen…

Kritik Kurzgeschichten: Verliebte Lügner, von Richard Yates (1982, engl. Liars in Love) – 7 Sterne

Diese Kurzgeschichtensammlung gibt es auch auf Englisch als Teil der Collected Short Stories von Richard Yates. Weitere deutsche Kurzgeschichten – mit etwas anderem Charakter – stehen in den Bänden Elf Arten der Einsamkeit und Eine letzte Liebschaft. Häufig geht es um Geschiedene, um deren Kinder, um ambitionierte Künstler in demütigenden Kommerzjobs, meist in und um…

Kritik Kurzgeschichten: Elf Arten der Einsamkeit, von Richard Yates (1962, engl. Eleven Kinds of Loneliness) – 9 Sterne

Yates schreibt lakonisch über kleine Leute in New York und den Vororten, mit hochrealistischen Dialogen – ohne Effekthaschen, aber als ob er sie genau so selbst vernommen hätte. Oft geht es um Unangenehmes – Hintergedanken, Sorgen. Männer blähen sich auf und sind schnell gekränkt. Teilweise ist das besser als in Yates‘ besten Romanen. Amazon-Werbelinks: Richard…

Romankritik: Cold Spring Harbor, von Richard Yates (1986) – 7 Sterne

Überwiegend schildert Yates Teens und Young-Twens in und um New York. Aber auch einige ältere Herrschaften rücken zeitweise in den Vordergrund, teilweise benehmen sie sich schmerzhaft peinlich, vor allem wenn sie die Alkoholzufuhr nicht bremsen können – Fremdschämalarm. Yates ist etwas unfokussiert, nicht immer weiß man, wer die Hauptfigur ist, und zur Buchmitte scheint der…

Romankritik: Eine strahlende Zukunft, von Richard Yates (1984, engl. Young Hearts Crying) – 7 Sterne

Richard Yates schreibt flüssig, zupackend – eine famose Erzählstimme (ich kenne nur das englische Original in der Methuen-TB-Ausgabe). Dabei beobachtet er fein, bringt präzise Wortwechsel (nicht gepfeffert, aber hochrealistisch), meist stimmige Entwicklungen über Jahrzehnte. Amazon-Werbelinks: Richard Yates | Ernest Hemingway | John Cheever | John Updike Bei soviel Qualität gibt es auch Störungen – weniger…

Kritik Kurzgeschichten: Ernest Hemingway: The Collected Stories – 7 Sterne

Der Sammelband enthält die Hemingway-Kurzgeschichten der ursprünglichen Bände in our time (kleingeschrieben), In Our Time (großgeschrieben, und in our time mit enthaltend), Men Without Women und Winner Take Nothing sowie danach veröffentlichte Geschichten wie Snow on the Kilimanjaro und The Short Happy Life of Francis Macomber. Die Einleitung schrieb James Fenton, der die Geschichten auswählte.…

Kritik Kurzgeschichten: Männer ohne Frauen, von Ernest Hemingway (1927, engl. Men without Women) – 7 Sterne – mit Video

Der kurze Band bringt nicht weniger als 14 Kurzgeschichten auf knapp 130 Seiten (ich hatte die engl. TB-Ausgabe von Triad Grafton und kann Eindeutschungen nicht beurteilen). Einige dieser short stories gelten als Meisterwerke des Kurzgeschichtenhandwerks überhaupt. Die Geschichten spielen u.a. in Spanien, Italien, Schweiz, USA und Chicago vor allem unter harten Männern – Jäger, Boxer,…

Kritik Roman: Ein Spiel und ein Zeitvertreib, von James Salter (1967, eng. A Sport and a Pastime) – 7 Sterne

Junger Ami und schlichte blutjunge Französin ziehen in den 1960ern in einem schicken Auto durch die französische Provinz und lieben sich in allen Variationen. Er spielt seinen Reichtum nur vor und muss sich in demütigenden Szenen immer wieder Geld leihen; sie ist eine Verkäuferin, „eyes of a knowing child… Dean knows he’s not the first……

Kritik Theaterstück: Der Totentanz, von August Strindberg (1901) – 7 Sterne

Zwei resignierte, zynische alte Eheleute beharken sich mit Bosheiten erster Klasse. Die Frau betreibt sogar den Tod des Göttergatten, dieser bescheidet sich zunächst mit einer überfallartigen Scheidung – oder ist die nur vorgetäuscht? Beide ziehen wechselseitig noch einen Freund des Hauses und ihre Kinder ins böse Spiel. „Algen, Schlinggras, Tintenfische, Quallen, Nesseltiere“ wuchern nicht nur…

Kritik Theaterstück: Der Vater, von August Strindberg (1887) – 7 Sterne

Ehefrau will ihren Mann entmündigen lassen, um die Herrschaft über die Tochter und wohl auch das Vermögen zu erlangen. Entfaltet Psychoterror und Lügengespinst. Das hat August Strindberg (1849–1912) sehr hübsch und boshaft konstruiert. In dem kurzen Stück zeigt er die Ehefrau in schlimmstem Licht, ein skrupelloses Subjekt, Femanze, machtbewusst, intrigant, ostentativ empowert und schämt sich…

Kritik Theaterstück: Fräulein Julie, von August Strindberg (1888) – 7 Sterne

Leicht vulgäre Jung-Adelige (feministisch erzogen) flirtet mit etwas älterem, weltgewandtem Bedienstetem. Die erotische Spannung zwischen Fröken Julie und Dienstbote Jean erhellt aus den Dialogen unmittelbar und unexplizit. August Strindberg (1849 – 1912) textet realistisch und verführerisch, führt seine Figuren am Grat entlang, heizt die eigentlich etwas steife Atmosphäre am Adelshof mit imaginierter Sinnlichkeit auf. Und…

Kritik Theaterstück: Play Strindberg, von Friedrich Dürrenmatt (1969) – 7 Sterne

Friedrich Dürrenmatt sagt, er habe August Strindbergs „Totentanz“ verknappt. Der Titel „Play Strindberg“, angelehnt an Jacques Loussiers luftig-jazzigen „Play Bach“-Stil, legt nahe, Dürrenmatt habe Strindberg verjazzt, verswingt oder verbacht. Doch das passt alles nicht. Stattdessen: Dürrenmatt hat Strindberg vermarschmusikt. Die Dürrenmattsche Version mit ihren militärisch knappen, durchrhythmisierten Dialogzeilen und Beleidigungtrommelfeuer schnarrt durch wie ein pixeliges…

Romankritik: Justizpalast, von Petra Morsbach (2017) – 7 Sterne

Hauptfigur Thirza Zorniger arbeitet jahrzehntelang in der Münchener Justiz, überwiegend als Richterin. Aber Autorin Petra Morsbach (*1956) hospitierte in München und Münster, redete mit „etwa 50 Jurist*innen… aus fünf Bundesländern“ – und überfrachtet ihren Roman mit immer neuen Justizfällen. Die sind für sich interessant, erhellend und voll kniffliger Konflikte; in ihrer Massierung ermüden sie. Eine…

Romankritik: Dreigroschenroman, von Bertolt Brecht (1934) – 7 Sterne

Bertolt Brecht schreibt aus dem Geschlechts- und Geschäftsleben von Händlern und Kriminellen in London um 1904 – bei Brecht ist das alles kein Unterschied, und mit vielen scheinbar absurden, zynischen, widersprüchlichen und menschenverachtenden Sätzen und Manövern verkörpern die Figuren vermutlich Brechts soziale, wirtschaftliche und  politische Ansichten (S. 244 in der Suhrkamp-TB-Einzelausgabe): Was ist ein Dietrich…