Biografiekritik: Hubert Burda. Der Medienfürst, von Gisela Freisinger (2005) – 6/10

Offenbar hatte die Autorin Zugang zu allen Hauptfiguren und 100 weiteren Akteuren samt Friede Springer, Mark Wössner, Günter Prinz, Reinhold Messner und Schulte-Hillen, auch wenn sie im Dankwort nicht alle Namen nennen will. Der Briefwechsel zwischen Axel Springer und Franz Burda senior blieb indes unter Verschluss, Rupert Murdoch stumm; doch sie konnte Tagebücher von Hubert Burda einsehen. Interessant: sie liefere

keine autorisierte Biografie. Hubert Burda hatte aber die Möglichkeit, seine wörtlichen Zitate einzusehen und zurückzuziehen.

Provinzielle Bagage:

Gisela Freisinger schreibt trotz aller Vertrautheit nicht gefällig, der Burda-Clan erscheint bei ihr jahrzehntelang als provinzielle, bizarr verkrachte Bagage, Hubert Burda als eitel vergrübelter Geck:

„Kaum einer hat in seinem Leben so viel Verachtung genossen wie Dr. Burda“,

zitiert Freisinger Burdas Anwalt Schweizer auf Seite 220, und ihr Buch  wird daran nichts ändern. Über Burdas Mutter, die despotische Schwiegertochterverächterin und Porzellanzweckentfremderin Aenne Burda hätte ich gern mehr gelesen (dabei nicht zu vergessen ihr „einstiger Liebhaber, der Sizilianer Giovanni“ und „sein Offenburger Nachfolger“).

Natürlich berichtet Freisinger ausführlich über Super-Illu und Focus. Beim Focus interessiert sie sich für Personal, Anzeigenseiten und Gewinne, aber nicht für den Themenmix oder die peinlichen Falschmeldungen der ersten Jahre deutlich vor Erscheinen ihrer Biografie.

Franzerei:

Gisela Freisinger textet zu hochtourig, ein Beispiel: in der Familie Burda erscheint der Vorname Franz in jeder Generation, dazu die Autorin:

Eine einzige Franzerei herrscht in diesem Schwarzwald-Clan.

Und so schrillt die Autorin nervös durch rund 400 Seiten Biografie, ohne Angst vor Verbalhistrionik, Widersprüchen, Kalauern, Ausrufezeichen, Doppelausrufezeichen, Binnen-Ausrufezeichen, Dreifachausrufezeichen, Epochen- und Generationenhopping mit aberwitzigen Zeit- und Tempiwechseln – oft schien mir nicht klar, wen sie mit „er „oder „ihr“ referenziert und in welchem Jahr. Sie verhackstückt den Fortgang der Zeit und jahrzehntelange Beziehungen zu seriellen Pop-up-Gags, es entsteht keine Kontinuität.

Da hilft es auch nichts, dass der Burdastammbaum gleich doppelt auf der vorderen und hinteren Innenumschlagdoppelseite erscheint, dazu eine genaue Zeittafel. Wäre das Sujet nicht so interessant und scheinbar gut recherchiert, ich hätte schnell aufgegeben.

Eine Stilprobe von Seite 219:

In der Branche geht das Gerücht um, die Brüder hätten Boenisch „dem Hubert vor die Nase gesetzt“. Gleichzeitig hat der aber Boenisch ins Haus geholt. Auf Druck des Vaters. Weshalb er wiederum behauptet, er habe Boenisch nicht geholt. Burda-Antagonismen. Gepaart mit einem Lächeln. Aber Vorsicht. Hinter der Maske des Lächelns steckt…

Stakkato. Ermüdend. Und frauenfeindlich:

Natürlich sind da auch die kleinen, süßen Früchte, die ein Mann im Vorübergehen kostet. Gesine B. und Barbara F. aus der Bunte-Redaktion sind durchaus mehr als nur Gespielinnen nach Redaktionsschluss. „Er hatte manchmal Frauen, wo ich mich wunderte, wie er es mit denen aushält“, sagt Christa Maar ((Exfrau))…

So darf nur eine Frau schreiben. Auch über alte Männer, ihre Nasenhaarfarbe (Seite 306) und  Augenfarben:

Sofort offenbart sich, dass der Haifischblick seiner blauen Augen wie ein Diamant durch Jürgen Todenhöfers undurchdringlichen Panzerblick schneidet. Aber irgendwann, irgendwie offenbart jeder seine Achillesferse.

Bilddarmdurchbruch:

Immer wieder fragte ich mich nicht nur bei waghalsigen Formulierungen, wo bleibt das Lektorat. Auf Seite 17 endet ein Absatz, „noch pflastert nur Not ihren Weg“; der nächste Absatz endet „noch aber ahnt das niemand“. Wer mag solche Formulierungen, solche Wiederholungen? Wer mag dieses atemlos hechelnde historische Präsens?

Auf Seite 65 kommt der „Bilddarmdurchbruch“ (sic); dem berühmten US-Blattmacher Arnold Gingrich fehlt auf Seite 93 ein “g”, doch die Galionsfiguren auf Seite 104 ziert ein “l” zu viel – hallo Lektorat, Korrektorat? Auf welchem Campus habt ihr studiert?

Freisinger zitiert auf Seite 173 den Spruch „When the going gets tough the tough gets going“ genau so, mit einem „s“ zuviel.

Jedes vielleicht anfechtbare Zitat endet mit Punkt und Anführungszeichen, dem folgt als kompletter Satz:

Sagt er/sie.

Die Repetition ermüdet, im übrigen verraten schon die Anführungszeichen das Nötige.

Assoziation:

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