Romankritik: Maigret und der Verrückte von Bergerac, von Georges Simenon (1932) – 7 Sterne

Warum können Deutsche nicht so schreiben? Bei Georges Simenon (1903 – 1989) ist man sofort mitten im Geschehen, wir treffen Durchschnittstypen in der Provinz, es gibt Handlung, Dialog und lebensnahen Alltag. Nach ein paar Seiten stehen wir vor verblüffenden Rätseln, mögen das Buch nicht mehr weglegen, und ist es ja auch dünn.

Zudem entwirft Simenon ein interessantes Szenario: Kommissar Maigret rekonvalesziert mit einer Schussverletzung in einem Hotelzimmer der frz. Kleinstadt Bergerac. Allein vom Hotelbett aus untersucht er Mordfälle der Umgebung und macht die honorigen Gemeindebürger nervös. Versorgt wird Maigret von einem Arzt, der ihn womöglich auch ermorden will.

Aufdringliche Lichtgestalt:

Allerdings: Maigret erscheint zu einseitig als tonangebende Lichtgestalt, und seine Frau ist ihm viel zu ergeben. Da wirken die Figuren in Simenons Nicht-Maigret-Romanen meist vielschichtiger. Und Simenon, der so viel Wert auf wenige, aber stimmige Details legt, vergisst hier: Maigret trennt sich überraschend von seinem Zugreisegepäck, und später kommt nie mehr die Rede auf dieses Gepäck (es ist nicht spielentscheidend).

Der Kriminalfall, den Maigret im Hotelbett zu Bergerac aufdröselt, klingt zunehmend verwickelt und erstreckt sich zum Schluss auf drei Kontinente. Ich verstand nicht alle Wendungen und Überlegungen. Aufgedeckt wird letztlich alles in langen Monologen und Dialogen – nicht ideal.

Zudem stutzte ich manchmal bei der diogenes-Übersetzung von Hainer Kober („für die Neuausgabe 1998 überarbeitet“ – die 2021er-Neuübersetzung bei Kampa/Red Eye gab’s noch nicht): Einige Sätze schienen mir einfach nicht zu passen. Ich habe jedoch nicht mit dem Original Le fou de Bergerac verglichen. Die Geschichte wurde offenbar viermal fürs französische Fernsehen verfilmt (frz. Wiki).

Freie Assoziation:

Frauen werden an der Landstraße ermordet, die Geschichte spielt zum guten Teil in einem Provinzhotelzimmer, das erinnert deutlich an Simenons Roman Das blaue Zimmer (ebenso wie die vielen assoziativen Zeitsprünge zu Beginn des Bergerac-Krimis)

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