Wer Backups macht, ist feige [Story auf Deutsch]

Hannes ist einer der nettesten Pizzafahrer in meiner Stadt. Irgendwie versteht er auch was von Computern und von Computer-Grafik. Nicht selten bin ich abends seine letzte Tour (warum wohl?). Am Mittwoch stand er mal wieder vor der Tür. Ich hatte gegen elf eine Vegetariana und ein Magnum bestellt; dann hatte ich Photoshop und Quark heruntergefahren und noch einen Blick in die E-Mail geworfen. Als der letzte Rechner mit einem »Knonk« vom Netz ging, klingelte es auch schon an der Tür: Mein Abendessen.

Ich glaube, ich hatte noch einen Ausdruck in der Hand, als ich öffnete. Jedenfalls kam Hannes diesmal ins Erzählen:

»Du, ich war auch mal erfolgreicher Computergrafiker, die Agenturen haben mir die Tür eingerannt. Einmal hatte ich Entwürfe auf der Platte, die 50.000 Mark bringen sollten, Produkt von drei Monaten harter Arbeit, kurz vor der Deadline. Dann kam der Morgen, als meine Start-Festplatte abrauchte… klack-klack-klack hörte ich nur noch… der Schirm blieb schwarz…, klack-klack-klack…“

Du hattest bestimmt eine ordentliche Sicherheitskopie, vermutete ich.

»Nein! Für ein Backup hatte ich nie den Nerv gehabt, und wo sollte ich die ganzen Megabytes auch hinschreiben. Zuviel Aufträge, zuviel Hektik! Ich dachte allerdings, ich habe Glück im Unglück: Meine Daten waren auf zwei interne Platten verteilt, etwas würde also bleiben. Mein Systemberater stellte dann fest: Beide Platten sind im Eimer…“

Mein Hunger war futsch. Ich schob die Pizzabox ins Schuhregal. — Und dann?

»Erst dachte ich, ich bau‘ alle Entwürfe neu auf, ich hatte sie ja schließlich jetzt im Kopf. Aber ich sah, daß die Zeit nicht reicht. Außerdem — alles, was du im Kopf längst abgehakt hattest, ein zweites Mal zu produzieren, das ertrage ich nicht.«

»Zum Glück«, sagte Hannes, »zum Glück hatte ich die Anzeige von diesem ‚Datenrettungsdienst‘ gesehen. Da habe ich angerufen. Die freundliche Dame bei der Databack GmbH ist offensichtlich therapeutisch geschult. Dabei hatte ich erst gebrüllt, geweint, geflucht und gebetet und dann die Nummer eingetippt. Sie sagte: Sie müssen die Platten nach London schicken. Die Diagnose kostet zunächst 700 Mark; die Reparatur, sofern möglich, kostet 3000 Mark pro Datenträger — durchschnittlich …“

Und hast du’s gemacht, fragte ich schaudernd.

Hannes schnaubte: »Was blieb mir übrig? Der Kurierdienst transportierte meine zwei Kilo Hardwareschrott für nur 125 Mark nach London — soviel wie ein Touristenflug. Mein Systemberater rief zurück: Jaja, der Hersteller hatte ein Problem mit der Firmware; die Austausch-Platten werden besser. Wollte er mich damit etwa trösten?

Databack sagte: In einer Woche sind die Daten repariert, kostet nur 8000 Mark. Ich sagte meinen scharrenden Auftraggebern: In einer Woche sind die Grafiken fertig, ich feile noch an den Details, sie werden ganz edel. Inzwischen klickte ich mit einer neuen, leeren Festplatte vor mich hin. Nach zwei Wochen sagte Databack: Wir haben da ein Problem…“

Au Mann — Hannes! Ich legte das Eis zur Pizza ins Schuhfach.

„Schließlich schickte Databack die Grafiken auf DAT-Kassetten und lieferte ein Bandgerät gleich mit. Ich hatte um CDs, um ein E-Mail mit den wichtigsten Grafiken gebeten, aber das gehörte nicht zum Service. Daß nur ein englisches Stromkabel beilag, konnte ich ja noch verkraften. Dann aber stellte ich die SCSI-Nummer ein und schloß das Bandgerät am Rechner an.“

Ja — und — alle Dateien an Bord?

„Sobald das Bandgerät dranhing, wollte der Scheiß PC nicht mehr starten! Data — weg.“

Die Pizza war kalt, das Eis warm und die Nacht schwärzer als eine  abgerauchte SCSI-Festplatte. Hannes drehte sich grußlos um. Dann richtete er seinen Autoschlüssel nochmal anklagend auf mich:

„Weißt Du, was mir endgültig das Genick gebrochen hat, moralisch, meine ich? Vier Wochen nach dem ganzen Theater schickt mir Databack doch so einen Brief: Sehr geehrter Herr Hannes, leider haben Sie die Frontblende unseres Mietgerätes beschädigt, und das kostet Sie nur 250 Mark plus Mehrwertsteuer.“

Danach tauchte Hannes endgültig ab. Ich schob die Vegetariana in den Ofen und das Magnum ins Gefrierfach. Frösteln. Ein letzter Blick auf meine Rechner im Arbeitszimmer: Stumm. Aber — tot? Morgen früh, würden sie wohl –

Ach was: Wer Backups macht, ist feige.

 

 

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