Rezension historischer Spanien-Bericht 1935: As I Walked Out One Midsummer Morning, dt. An einem hellen Morgen ging ich fort, von Laurie Lee (1969) – 7 Sterne – mit Kritikerstimmen & 2 Videos

Laurie Lee (1914 – 1997) beschreibt eine lange Wanderung Mitte der 30er: ein Kapitel über englische Dörfer, dann ein Jahr Geldverdienen in London, dann zu Fuß ein halbes Jahr durch Spanien, von Vigo über Valladolid und Madrid bis Sevilla, Cadíz und Málaga, zuletzt ein weiteres halbes Jahr in einem spanischen Küstendorf – mit einem abrupten, überraschenden Ende.


Lees Projekt As I Walked Out One Midsummer Morning (dt. An einem hellen Morgen ging ich fort) erinnert deutlich an Patrick Leigh Fermor, der ab 1933 von England nach Istanbul wanderte und seine erfolgreichen Bücher darüber auch erst Jahrzehnte später schrieb; allerdings nahm Lee von England nach Spanien ein Schiff. Natürlich war ich auch an Michael Jacobs‘ epische Spanienreise in Between Hopes and Memories erinnert, doch Jacobs ist ein völlig anderes Kaliber. P.D. Murphy wanderte später Laurie Lees Spanienroute gezielt nach, beschrieben im Buch As I Walked out through Spain in Search of Laurie Lee (aber Murphy war wohl eher auf der Suche nach P.D.).

Skurrile Typen:

Zwischen Lees Reise und der Niederschrift lagen über 40 Jahre; ob er Tagebuch führte, erwähnt der Autor nicht, ich würde es jedoch vermuten. Lee beobachtet genau, portraitiert und zitiert skurrile Käuze mit Humor, zeigt Sinn für Aufbau und Übergänge. Dabei verspottet sich Lee zunächst gutmütig auch selbst und produziert wenig von der Menschenverachtung späterer professioneller Reiseschreiber wie Paul Theroux (der wie Lee einst von London in die Welt aufbrach, um darüber zu schreiben).

Lee verdient sich unterwegs Geld mit Geigenspiel auf der Straße und liefert dabei ein Beispiel für Selbstironie:

It became my greedy pleasure to go out into the street… and start sawing away at some moony melody…

Später trifft sein Spott eher die Spanier.

Und er mag überraschende Brüche. Einen Monat lang ist er vom Dorf auf London zugewandert, immer zu Fuß, immer ländlich. Nun sieht er die Silhouette der Großstadt und schreibt:

I had been a month on the road, and the suburbs were long and empty. In the end i took a tube.

(Seine Biografin Valerie Grove meint, er sei ohnehin nur zum Sammeln literarisch Verwertbarens losgezogen, sonst hätte er schlicht den Zug genommen.)

Schöne Frauen:

Lee, der als Dichter anfing, aber als Memoirist berühmt wurde, beschreibt schöne Frauen schön. Über seine 16jährige Londoner Flamme Cleo:

Her beauty had knocked me silly… huge brown eyes flecked like crumbled honey, a smooth leggy figure, lithe as an Indian pony; and we’d pretended to be in love… her body packed beautifully into her shirt and shorts, and her skin the colour of rosewood.

Der Guardian fühlte sich da in säuerlicher Eifersucht schon unrühmlich an Humbert Humbert erinnert. Immerhin war Lee jedoch zum Zeitpunkt des Erlebnisses erst 19, wenn er es auch erst Jahrzehnte später niederschrieb.

Über die junge, immer schweigsame Frau seines Londoner Vermieters:

I saw her standing in her half-open doorway, a tantalizing strip of voluptuous boredom… her eyes burning like landing lights.

Später bekreuzigt sich eine junge Spanierin, bevor sie in sein Vagabundenbett sinkt. Das Wort „voluptuous“ erscheint weitaus zu oft, und nicht immer nur auf Frauen gemünzt.

Transit:

Lee vagabundiert in Spanien immer weiter, lässt sich kaum nieder, höchstens mal ein paar Wochen (vor der Endstation Almuñécar). Tiefgehende Portraits von Menschen oder Regionen entstehen so nicht. Lee produziert viele unterhaltsame Momente, Aussprüche und manchmal Adjektiv-überfrachtete Naturerlebnisse – doch er lässt sich nirgends ein, und meist beschreibt er seine Begegnungen mit etwas Spott. Sein knappes Budget erlaubt ihm auch keine Pausen zum Beobachten und Recherchieren.

Das längste Portrait in Spanien gilt dem südafrikanischen Dichter Roy Campbell (Wikipedia), bei dem Lee eine Woche bleibt; und nebenbei erfahren wir dann über Toledo auch mehr als etwa über Madrid oder Sevilla; über Spanier und spanische Kultur sonst jedoch kaum etwas – außer dass sie (implizit) doch erstaunlich rückständig und dreckig sind.

Almuñécar:

Im damals unentwickelten Küstendorf Almuñécar bleibt Lee ein halbes Jahr, dort steht sogar eine Lee-Statue. Hier bekommt die Erzählung einen anderen Charakter: Anekdoten und holde Señoritas erscheinen nur noch zu Beginn des Almuñécar-Teils. Wir lernen ein bisschen über die Dorf-Soziologie und hätten gern mehr erfahren.

Dann trägt der aufbrechende Bürgerkrieg Gewalt ins Dorf, auch Lee spielt eine kleine Rolle – das Ende von As I Walked Out… leitet bereits über zu Lees drittem autobiografischem Band, A Moment of War, der nahtlos anschließt (jedoch offenbar keine Rückkehr nach Almuñécar bietet).

Lee interessiert sich nicht wirklich für seine Umgebung. Nur für sich selbst, das zeigt schon der Buchtitel. Darum interessiert mich Lees Buch über die spätere Reise auf seinen eigenen Spuren auch nicht.

Einige weitere Bücher Laurie Lees in diesem Zusammenhang:

  • Cider with Rosie (1959, dt. Des Sommers ganze Fülle): über Lees Jugend in englischer Dorfidylle, vor der spanischen Aus-Wanderung, sein bekanntestes Werk in England
  • A Moment of War (1991): Lee beteiligt sich 1936 am spanischen Bürgerkrieg, unmittelbar nach den Geschehnissen von As I Walked Out…
  • Der Sammelband Red Sky at Sunrise vereint Lees autobiografische Trilogie, also Cider with Rosie, As I Walked Out one Midsummer Morning und A Moment of War (in einer Penguin-Ausgabe von Red Sky at Sunrise habe ich As i Walked Out… gelesen; eine Landkarte gab es nicht, nur ein paar schlecht reproduzierte Grafiken)
  • A Rose for Winter (1955): Rückkehr nach Spanien 15 Jahre nach dem ersten Besuch (teils auch in Sammelbänden enthalten, während Cider with Rosie in manchen Sammelbänden nicht erscheint)

Die Kritiker:

Frankfurter Allgemeine (PDF):

Da wird, aus der Perspektive eines Nomaden auf Zeit, die versunkene Atmosphäre der Vorkriegszeit noch einmal lebendig. Zuerst das Provinz- und Großstadt-England der verkehrsleeren Landstraßen und der Arbeitslosigkeit, dann Spanien, ein paar Monate vor dem Bürgerkrieg und bei dessen Ausbruch, ein fast noch mittelalterliches, von Armut und harter sozialer Ungleichheit geplagtes Land… wunderbar poetische, einfühlsame und konkrete Evozierung des Lokalklimas und der sozialen Verhältnisse

Der Spiegel:

Zweites Stück der poetischen, doch sprachlich durchaus präzisen Autobiographie des Lyrikers, der seinen Erlebnisstoff klischeelos und mit kluger erzählerischer Ökonomie übermittelt, eine Art disziplinierter Durrell. Kerouac, der so viel später „on the road“ war, wirkt an Lee gemessen wie eine kaputte Plaudertasche, die die Wörter nicht halten kann.

The Guardian:

The writing here is „voluptuous“ yet precise, and as such it is characteristic of Lee’s style, in which elaborate metaphors serve not as ornaments, but rather as the means of most closely evoking complex experience. Lee does not walk so much as levitate or hover, borne aloft by supernatural stamina, and, in mimicry of this sensation, his clauses, suspended by their commas, also bear the reader along „the way“ and onwards into the unknown… There are brilliant evocations of intense heat („the brass-taloned lion that licks the afternoon ground ready to consume anyone not wise enough to take cover“) and sunlight (it „struck upwards, sideways and down, while the wheat went buckling across the fields like a solid sheet of copper“), while Lee’s attempt to cross the open country north of Valladolid causes his parched brain to irrigate itself with „fantasies of water“ that „rose up and wrapped me in cool wet leaves“ …

Die BBC auf den Spuren Laurie Lees in Spanien:

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.