Balkoniada [Story auf Deutsch]

Helmut saß auf dem Balkon eines Billighotels in Delphi, Griechenland, und schälte sich eine Kreta-Orange. Dabei dachte er über seinen bisherigen Round-the-World-Trip nach: Frankfurt, New York, Los Angeles, Honolulu, Sidney, Jakarta, Delhi (mit Abstecher nach Katmandu), Athen.

Packende Städte. Wunderschöne Landschaften. Sechs Monate. Immer allein.

Die Sonne sank hinter die mächtigen Gipfel des Parnassos-Gebirges. Helmuts Blick ging über die Dächer von Delphi hinweg ins Tal, 600 Meter tief, über ein Meer von Olivenbäumen, dahinter die Hafenstand Itea und die stillen Wasser des Golfs von Korinth. Zu viele Touristen hatten sich mit Helmut auf dem Ausgrabungsgelände gedrängelt, und heiß war der Tag auch gewesen. Helmut glühte regelrecht nach. Er fühlte sich inzwischen mehr als nur körperlich erschöpft: Seit sechs Monaten – immer allein.

Gewiß: Viel Palaver mit Einheimischen hatte er gehabt. Mit reizend oberflächlichen Amerikanern, jovialen Aussies, neugierigen Indonesiern, hektischen Indern, redseligen Griechen. Doch nur zu oft mündete die lockere interethnische Kommunikation in ein fades Verkaufsgespräch. Je nach Kontinent sollte Helmut von seinen neuen Kumpels plötzlich Hasch, handgefertigte Marionetten, Seide oder alte Steine kaufen. Und dazu der repetitive Touri-Sprech in den Absteigen: Woher, wohin, wielange, which Airline?

Helmut hatte es so satt.

Wie gern würde er zur Abwechslung eine nette, gelassene Mitteleuropäerin kennenlernen. Obwohl er doch um die Welt gejettet war, er fühlte sich wie in einem Käfig. Gefangen in der Einsamkeit.

Der Himmel über Delphi erstrahlte in postatomarem Rot, ein Kätzchen spazierte über den Gehweg. Weiter unten flackerte jetzt das Neonschild für „Ianni’s Taverna“, und die Lichter der Hafenstadt Itea blinkten heimelig. Immer allein. Wohlige Wellen des Selbstmitleids rieselten Helmut den Rücken herunter.

Nur eine nette, gelassene Mitteleuropäerin.

Wohlgemerkt: Kein Sex. Helmut dachte nicht an Sex, er wußte kaum noch, was das war. Bringt unterwegs nur Verwicklungen. Nein, er wollte schlicht ruhig von Mensch zu Mensch plaudern, ohne Kaufanbahnung, Geprotze mit Airlines oder Destinationen. Ein netter Abend mit einer netten Mitteleuropäerin, vielleicht blond.

Kreta-Orangen gibt es auch auf dem griechischen Festland, hier im touristischen Delphi hatte Helmut sie allerdings nur mit Preisaufschlag bekommen. Es sind die saftigsten und süßesten Früchte überhaupt. Helmut löste das letzte Stück Schale ab, da tropfte der Saft schon auf seine Hose: Seine letzte saubere Hose. Welch ein Schub für die Wehleidigkeit! Und keine nette Mitteleuropäerin weit und breit.

Da erschien eine nette Mitteleuropäerin auf seinem Balkon!

Das Wesen hatte sich offenbar im Nachbarzimmer eingemietet.

Mit Zugang zu Helmuts Balkon!

Ein nettes, westliches Gespräch hob an. Nach den vielen Yanks, die mit ihrem ordinär breiten, amerikanischen Akzent die antike Ausgrabungsstätte heute regelrecht entweiht hatten, fand Helmut das distinguierte, apart britische Englisch seiner Gesprächspartnerin besonders sympatisch. Angenehm abendländisch kultiviert. „You must be from Great Britain“, analysierte er.

Sie kam aus Australien.

Ihre Story: Soeben hatte sie sich mit ihrer Reisepartnerin verkracht, der ganze Round-the-World-Trip schien gefährdet. Eine gute Freundin sei die andere gewesen, das schon, aber auf Reisen nicht zu gebrauchen. Jetzt stand die Australierin allein da…

Etwas rührte sich in Helmut bei diesen Worten. „Yeah“, brummte er bedächtig. Während Fledermäuse durch den Luftraum vor seinem Balkon schossen, sog er an einer imaginären Pfeife, blickte sinnierend ins Abendrot und gab den erfahrenen Weltenbummler: „Yeah. I travelled a lot with friends. It can be difficult.“

Die Australierin faßte Vertrauen und schüttete ihr Herz aus. Berichtete von den Reise-Vorbereitungen down under, rekapitulierte die Wochen in Jakarta und Delhi, kommentierte ihren Abstecher nach Kathmandu und den Inflight-Service der Airline, schilderte den ersten Krach mit der anderen in Goa, dann den endgültigen Bruch in Athen am Busbahnhof.

Helmut hörte verständnisvoll zu, denn das ist meist erwünscht. Er nickte einfühlsam an den richtigen Stellen. Er dachte insgeheim: Vielleicht könnte man das Gespräch in „Ianni’s Taverna“ fortsetzen; bei einer Karaffe roten Makedoniers schaut er ihr dann tief in die Augen und… Hoffentlich hielt sie die frischen Saft-Flecken auf seiner Hose nicht für Inkontinenz.

Helmut holte Luft. Er mußte ihren Bericht taktvoll unterbrechen, um den Wechsel in „Ianni’s Taverna“ anzudiskutieren. Da tönte vom Gehweg ein markiger Pfiff herauf. Die zwei Globetrotter blickten irritiert über das rostige Geländer. Unten stand, im Schein der Leuchtschrift „Room to let“, ein junger Grieche – ein Prachtexemplar, ein Latin Lover mit borstigem Dreitagebart und frischem weißem Hemd, dazu eine blitzsaubere, enge Jeans mit Bügelfalten, die seine griechisch-klassischen Proportionen attraktiv herausarbeitete. Erwartungsvoll und tatendurstig blickte Adonis hoch. Die Australierin schreckte auf: „Oh, I have to go. I’ve been invited to that taverna nearby, Ianni’s.“ Und verschwand in ihrem Zimmer.

Helmut war jetzt einsamer denn je. Hätte er – wie einst die Örtlichen – eine Kanne glühenden Pechs gehabt, er hätte sie dem Hellenen auf den naß gekämmten Schädel gekippt. Wofür hatte er sich ihr wehleidiges Gequassel eigentlich angehört? Stundenlang!

In einem sexy Minikleid zeigte sich die Tussi noch einmal: „So byebye – and sorry for all this.“

Der Mond stand überm Golf von Korinth, die Himmelskörper rotierten, Sternschnuppen verglühten beim Eintritt in die Atmosphäre. Irgendwo in der Galaxis saß ein einsamer Reiter in der Nacht; einer, der hormonell einen Neuanfang suchte und grübeltegrübeltegrübelte… bis er zu einem Ergebnis kam.

Rei in der Tube.

 

 

 

.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.