Rezension US-Roman: Zeiten des Aufruhrs, engl. Revolutionary Road, von Richard Yates (1961) – 8 Sterne

Vorort-Ehedrama in den 50ern in USA. Messerscharf, atemberaubend beobachtet. Fesselnd, mit überraschenden, aber nicht unverständlichen Entwicklungen. Obwohl die Handlung letztlich nahezu alltäglich ist, konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen, war beteiligt fast wie bei einer scharfen Auseinandersetzung im Freundeskreis.

Sehr schön konstruiert auch, sowohl im ganzen wie auch einzelne Absätze:

Erstaunlich, wie Richard Yates einzelne Zeitabschnitte einfach überspringt und andere um so genauer schildert, auch auf wechselnde Hauptpersonen fokussiert – es funktioniert praktisch immer, selbst wenn vielleicht der komplette Roman aus der Sicht nur einer Figur noch bündiger wirken könnte.

Einmal wird ein Kuss unterbrochen durch einen Kapitel- und Perspektivwechsel; und es wirkt ungemein elegant!

Veröffentlicht 1961, spielt der Roman in den Mittfünzigern in den USA. Er zeigt keinerlei Altersschwächen. Allerdings trinken und rauchen sämtliche Akteure in einer Tour, auch Schwangere, auch Autofahrer. Das ständige Nachölen mit Hochprozentigem erinnerte mich an Romane von Highsmith und Hemingway – und nicht zuletzt an Yates‘ eigenen, ebenfalls hervorragenden Roman Easter Parade (Besprechung & Kritikerstimmen).

Kleinere Nörgeleien:

  • Die Kinder des Ehepaars bleiben sehr blass.
  • Kultur- und Europabeflissenheit wirken etwas wenig nachvollziehbar.
  • Frank Wheeler sagt zu Beginn ein paar harte, wenig einfühlsame Dinge zu seiner Frau, die nicht ganz zu dieser Romanfigur passen.
  • Der etwas Geistesgestörte und seine „ehrlichen“, decouvrierenden Worte wirken wie eine Notlösung, fast wie ein deus ex machina.

Bedenken bei der deutschen Übersetzung:

Anders als die Profirezensenten war ich mit der deutschen Übersetzung schon nach wenigen Seiten unzufrieden. Also habe ich die deutsche Ausgabe beiseite gelegt und die englische Fassung gebraucht nachbestellt.

Ein Vergleich zeigte schnell, dass der renommierte deutsche Übersetzer Hans Wolf einzelne Nebensätze und Adjektive weggelassen und an anderen Stellen extrem wortgetreu, damit aber wenig abgerundet übersetzt hat.

Beispiele für die Übersetzung:

  • Im Deutschen gibt es sehr angestrengtes, allzu wörtlich Übersetztes wie „sie verfehlte nie zu bemerken“ oder „außerhalb des Haupterzählflusses seines Lebens“. Das könnte man viel gängiger, weniger verstörend übertragen .
  • Im englischen Original erläutert der etwas Geistesgestörte den Unterschied zwischen „female“ und „feminine“; auf Deutsch wird das zum Unterschied zwischen „Weibchen“ und „Weibsstück“ (sic).

Oder:

Auf Seite 280 der deutschen DVA-Taschenbuch-Ausgabe steht inhaltlich unpassend:

Und zudem war ein Motel die einzige Möglichkeit.

Das Englische in der Ausgabe von Vintage Books (dies die Grundlage der deutschen Übersetzung) lautet jedoch sinnvoll:

And besides, a motel wasn’t the only possibility.

Also inhaltlich das Gegenteil der deutschen „Übersetzung“.

Also auf Englisch lesen? Eigentlich ja, aber:

Es zeigte sich auch, dass die englische Lektüre für mich anstrengender war als andere englische Romane, und so habe ich aus Faulheit doch auf Deutsch weitergelesen und gelegentlich mit dem englischen Original (und einem Lesezeichen auch dort) verglichen. Der Roman ist von so hoher Qualität, dass er die vielgelobte Übersetzung übersteht.

Nochmal zur DVA-Taschenbuch-Ausgabe:

Die kleine Inhaltsangabe auf dem Rückumschlag verrät schon die Entwicklung der Geschichte. Darunter folgen zur Sicherheit Sätze aus einer „Brigitte“-Rezension; sie verraten abermals die Entwicklung der Geschichte.

Die Ausgabe zeigt ein Foto aus dem Film. Man nahm vielleicht an, dass das Buch wegen des Films gekauft wurde und der Inhalt bekannt sei. Ich jedoch kannte die Geschichte nicht und wollte die Richtung der Handlung nicht wissen. Vielleicht nahm man auch gar nichts an.

Kann die Verfilmung das hohe Niveau des Romans halten?

Stunden nach Abschluss des Buchs habe ich die Verfilmung mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet gesehen. Sie hat mir gefallen, erreicht aber nicht die Qualität des Buchs.

Der Film zieht die Handlung stark zusammen, manche Entwicklung geht viel zu schnell – und verändert einige Charaktere leicht, so etwa die verfügbare Sekretärin Grube. Das Drehbuch lässt auch ein entscheidendes Detail am Ende aus.

Viele andere Sätze und Momente aus dem Buch kehren dagegen im Film 1:1 wieder – bis hin zur allerletzten Szene, die schon im Buch nicht überzeugte, weil nur Nebendarsteller agieren. Kate Winslet wirkt herber, maskenhafter als die Buchfigur, DiCaprio milchbärtiger, andere Gestalten erscheinen weniger facettenreich, mehr wie Karikaturen.

Die Verfilmung ist üppig:

Die Schauplätze sind edel dekoriert, die Kamera schwelgt in edel abgetöntem Pastell. Im Buch schildert der allwissende Erzähler viele Hintergedanken vor allem von Frank Wheeler – dieser Einblick fehlt in der Verfilmung völlig, ebenso die Mehrzahl der Rückblenden, auch wenn die Handlung deswegen nicht unnachvollziehbar erscheint. Es gibt im Film wohl mehr Gebrüll als im Buch, die Kinder fallen noch weniger auf.

Wohlgemerkt: ich verlange nicht, dass der Film das Buch präzise nachbildet. Dennoch, selbst wenn ich das Buch nicht kennen würde, könnte ich die Verfilmung mit ihrer aufdringlichen Schöner-Wohnen-Oberfläche nicht in höchsten Sternen loben.

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