Rezension US-Roman: Die Verrückungen der Benna Carpenter, von Lorrie Moore (1986, engl. Anagrams bzw. Anagrammes) – 7 Sterne

Drei moderne Mittdreißiger sind fast die einzigen Akteure in diesem Buch: Benna Carpenter, ihr Mehr-oder-weniger-Partner Gerard und Bennas Freundin Eleonor. Sie parlieren pointenreich, selbstironisch und nonchalant über ihr Leben, insonderheit über ihre Missgeschicke in punkto Liebe.

Das liest sich wie eine moderne, intelligente Romkom, etwa ein Film oder Buch von Norah Ephron, ein Film von Nancy Meyers. Ich musste auch an die Komödie Genug gesagt denken – nur dass Moore (*1957) noch intelligenter schreibt.

Zu Beginn waren es fast zu viele Pointen. Man kann das Buch zunächst von Absatz zu Absatz lesen, immer gibt es etwas zu lachen.

Der Roman klingt zeitgeistig und könnte genausogut auch in den Nuller Jahren geschrieben worden sein. Ich habe die englische Ausgabe mit dem Titel Anagrams (auch Anagrammes) gelesen; die deutsche Fassung heißt Die Verrückungen der Benna Carpenter, je nach Ausgabe noch mit dem Zusatz Ein Figurenspiel.

Das Buch ist jedoch eigenartig konstruiert:

In jedem Kapitel erscheinen die Figuren mit neuem Beruf, eventuell neuem Wohnort, die Kapitel passen nicht zusammen, es gibt keine Übergänge. Beispiele dafür: Benna ist meist kinderlos, in einer Geschichte schildert sie aber sehr lebendig und liebenswert ihre Tochter samt Fieber und Kleiderkauf – dieses Kind aber wird zweimal als „imaginary“ (fiktiv) bezeichnet. Offenbar ist auch Eleonor erfunden. Gerard verändert sich etwas von Kapitel zu Kapitel, hat aber meist mit Musik zu tun.

Lorrie Moore ist vor allem für ihre Kurzgeschichten bekannt. In diesem Band hat sie offenbar mehrere Kurzgeschichten zusammengeworfen, Personen mit unterschiedlichen Eigenschaften immer gleich benannt, nur um einen Roman hinzubekommen. Das verwirrt und stört.

Das Konzept der Autorin:

In einem langen Interview mit der Paris Review of Books (online) sagt Moore selbst über Anagrams:

„Anagrams is a novel that takes as its form a short novel and four stories. The stories are variations on the central narrative line—rearrangements that visited me while I was writing the main story. Since the novel was about (among other things) the powers and imperfections of the imagination, I decided to include these stories as part of the structure of the overall novel. Although it was necessary to impose a sequence upon them, ideally they should be thought of as little satellites orbiting the longer “Nun of That” section. …

At the time I thought of this novel as a kind of sculpture, like a Calder mobile, with the main narrative sprouting these little reworkings. … Though I was hard at work on my first novel, one part of my brain still wanted to make stories and was using the material from my novel to do that. It was weird and parasitic of those stories, but I allowed them in and included everything in the book. I believed the novel to be a messy expression of that mysterious banality “the creative process”—not unlike life, I suppose.“

Roman im Roman:

Und diese zentrale Geschichte The Nun of That belegt tatsächlich mit rund 160 von 225 Seiten den Großteil des Buchs. Sie beginnt erst nach allen anderen Geschichten auf Seite 61 – und das wie ein eigener Roman mit drei Zitaten vorneweg. Wahrscheinlich sollte zuerst man den Teil The Nun of That als Roman lesen und danach die anderen, viel kürzeren Abschnitte als davon  unabhängige Kurzgeschichten betrachten, auch wenn die Figuren identische Namen und ähnliche Charakterzüge tragen.

Dabei ist The Nun of That weniger witzig als die kurzen Erzählungen zuvor, sogar härter, aber auch voll Lebenserfahrung, Single-Schmerz, scharfer Beobachtung und origineller Sätze. Die verschiedenen Episoden dieses Buchteils erhalten jedoch erst gegen Ende etwas Momentum, und zu den Verwirrungen um das Gesamtbuch und die fiktive Tochter kommt noch, dass diese Tochter oft mit dem Männernamen George angeredet wird und Hauptfigur Benna mal als Ich-Erzählerin, aber auch als „the teacher“ oder als „Benna“ erscheint.

Kritiker-Urteile:

Schreiblehrerin Lorrie Moore schreibt exzellent, schwächt aber dieses Buch mit seltsamen konzeptionellen Entscheidungen. Anagrams wirkt so fast wie eine Werbung für Moores Kurzgeschichten-Bände, denn dort kann sie keine Verwirrung wie in diesem „Roman“ stiften. In einer Lesung sagte die Autorin offenbar, dass der Verleger sie zu einem Roman gedrängt habe.

Die New York Times kritisierte die Konstruktion:

„The changes of place and point of view in the beginning chapters interrupt and confuse us, so that we move away from the story.“

Ein Blog hält das Buch für

„the short story writer’s equivalent of cheating their way into a novel“.

Leben mit dem Misserfolg:

Mein Anagrams-Taschenbuch gibt Kritikerlob wider, u.a. von Cosmopolitan und Guardian. Im o.g. Interview mit der Paris Review bezeichnete Moore das Buch aber als Misserfolg, und zwar aufgrund der eigentümlichen Konstruktion.

Moore sagt dort selbst:

„At any rate, I expected my editor would veto the experimental form of this book, but happily she didn’t and it went out the way I’d written it and got a lot of bad reviews and did terribly, and we were all brave and philosophical about it, although my editor did suggest that if I were feeling strapped for cash perhaps I should consider entering my cat in the Purina Cat Chow contest. Shortly thereafter, for money reasons indeed, I left New York for good.“

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