US-Reisebericht: Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika, von John Steinbeck (1962) – 5 Sterne

Onkel Steinbeck und Pudel Charley auf großer Wohnmobil-Fahrt

1960, 60 Jahre alt, bestellt Nobelpreisautor John Steinbeck ein maßgeschneidertes Luxuswohnmobil, nennt es Rocinante und dreht eine große Runde durch die USA. Immer dabei: Pudel Charley; Gattin Elaine bleibt daheim auf Long Island. 1962 erscheint Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika (engl. Travels with Charley), wenige Monate vor seiner (also Steinbecks) Nobilitierung.

Gefällige Worte:

Was mir an diesem Buch auffällt: Der wohlgefällige Stil, die schönen Dialoge, die banalen Weisheiten und das Desinteresse an Amerika.

Zum Stil: Steinbeck schreibt ungemein flüssig, eingängig, lesbar und freundlich – ein netter Onkel beim Cognac am Kamin. Die Sätze fließen nur so dahin (ich hatte die englische, für mich sehr leicht lesbare Ausgabe). Man sieht Steinbeck geradezu milde lächeln, während er die Zeilen entspannt zu Papier bringt. Stets wirbt er um das Einverständnis des Lesers, präsentiert Kritisches in versöhnlichem Ton.

Nur gelegentlich gibt es eine längere Unterhaltung mit Zufallsbekannten. Aber dann sitzt jedes Wort. Oft beschreibt Steinbeck seine Gesprächspartner als etwas scheu und zurückhaltend, aber bei Kaffee und Whiskey im Wohnmobil tauen sie auf. Gern hätte ich mehr Dialoge gelesen, aber Steinbeck redet am liebsten mit seinem Pudel.

Darum enthält das Buch viele Monologe und diese seitenlangen Verallgemeinerungen:

Umweltverschmutzung ist schlecht. Kriegsschiffe bringen Tod. Polizisten und Grenzbeamte wecken Schuldgefühle. Die Vororte sind verschandelt. Raststätten servieren Fades. Texas ist etwas ganz Eigenes. Stimmt doch, oder? Reihenweise liefert Onkel Steinbeck Volksweisheiten, denen jeder brave Bürger gerne zustimmt. Er verkörpert geradezu gesunden Menschenverstand und normales Empfinden. (Mangel am Rand, der damals aber noch nicht galt: So schlecht Umweltverschmutzung auch ist, Steinbück spült seine eingeseifte Wäsche stets in klaren Bächen und Seen aus.)

Steinbeck müht sich nicht, besonders viele Orte und Begegnungen in sein Buch zu packen. Sie interessieren ihn gar nicht. Er lamentiert nur über den Verkehr und hässliche Vororte, ansonsten lässt er seine Gedanken fließen, feilt am Psychogramm eines Pudels, räsonniert über die Beschilderung und verflossene Dekaden.

Wir erfahren weit mehr über Steinbeck und seinen Pudel Charley als über die USA. Immerhin beweist schon der Original-Buchtitel „Travels with Charley“ Desinteresse an Amerika; dem folgt zwar der Untertitel „In Search of America“ – doch die Suche ist nur Vorwand für einen langen Gedankenstrom, Steinbeck wollte nicht wirklich viel finden.

Er interessiert sich nicht wirklich für sein Thema, die USA:

Auf Seite 168 von 274 hat Steinbeck noch lange nicht die halbe Strecke hinter sich; von der ganzen West-Ost-Rückreise gibt es nur einen Kurzbesuch in Texas und Rassenunruhen in New Orleans – aufwühlende Geschichten und Verallgemeinerungen über „Negroes“. Dann verliert Steinbeck erklärtermaßen das Interesse am Umherziehen (kein Wunder bei dieser sinnlosen Gewalttour) und peitscht sein Luxusgehäuse nach Hause.

Desinteresse an Amerika und ein Mangel an konkreten Erlebnissen: Das liegt vielleicht auch daran, dass ein Großteil des Buchs nicht Steinbecks tatsächliche Reise beschreibt, sondern laut Bill Steigerwald erfunden ist. Steigerwald schrieb einen Blog und ein Buch über Die Reise mit Charley und meint: Steinbeck wohnte viel öfter in teureren Herbergen als geschildert, sah häufiger seine Frau und fand Amerika schlechter als behauptet – aber all das hätte nicht zum Grundton des Buchs gepasst.

Fazit:

Ich hatte auch nicht ganz geglaubt, dass alle archetypischen zufallsbekannten Ur-Amerikaner im Buch echt waren, und dann noch so blendend konversierten wie gedruckt, etwa die ehrlichen Landarbeiter, der blonde Rassist, der zornige schwarze Student, der schweigsame Midwesterner und der Schauspieler-Kauz.

In einer Kritik zu Steinbecks Früchten des Zorns (engl. Grapes of Wrath) heißt es:

„Steinbeck’s people are always on the verge of becoming human, but never do.“

Das passt auch hier.

Ich habe das Buch auswärts gelesen, als nichts anderes greifbar war. Es hat mild unterhalten, aber kein Interesse an einem Nachschlag geweckt.

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