Rezension US-Musical-Film: Chicago (2002, mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones, Richard Gere, Regie Rob Marshall; mit Trailer & 4 Songs) – 9 Sterne

Bombastisch inszenierte, mitreißende Song&Dance-Revue von 2002 mit Catherine Zeta-Jones, Renée Zellweger, Richard Gere und Queen Latifah. Spielt 1926 in Gefängnismauern, Gerichts- und Cabaretsälen. Viele dunkle Szenen mit dramatischem Show-Licht, mehr Songs als Dialoge.

Zeta-Jones und Zellweger spielen die verruchten Diseusen mit Verve und Klasse. Zellweger oszilliert bizarr zwischen naiver Unschuld und dem Hunger nach Ruhm. Zeta-Jones gibt die Rampensau und Richard Gere ist der selbstherrliche, manipulative Rechtsanwalt, der selbst Jesus einen Freispruch verschafft hätte – sagt er.

Toll auch Queen Latifah als korrupte Chefin mit diabolischem Charme im Frauengefängnis. Sympathiefiguren fehlen in „Chicago“ gänzlich: der Grundton ist kalt lächelnd mondän, zynisch bös, die Akteure scheinen in der Gier nach Ruhm und Geld mitunter dämonisch besessen, über Leichen gehen sie allemal. Die Hinrichtungszene überspringe ich beim nächsten Ansehen.

Ein tropfender Wasserhahn, hallende Schritte, nervös trommelnde Finger – solche Klänge wandeln sich ganz allmählich in mitreißende Musikstücke. Die oft ansteckend swingenden Nummern erinnern jederzeit an Roaring Twenties, Cabaret, Vaudeville und Swing-Ära, Melodien wie „He Had It Coming“, „All That Jazz“ oder „Razzle Dazzle“ begeistern und bleiben im Ohr.

Gleichzeitig wurde die Musik so fluffig gefällig arrangiert, dass man jederzeit problemlos zuhören kann; selten klang ein Film auf meiner Anlage so gut. Erstaunlich zumal: Zeta-Jones, Zellweger und Gere singen ihre Stücke selbst und klingen dabei zumindest passabel.

Man könnte sich die Stimmen *noch* besser vorstellen – sagen wir mit Frank Sinatra und Ella Fitzgerald -, aber sie verstören jedenfalls nicht so wie die hilflos selbstträllernden Mimen in „Mamma Mia“ oder wie Hugh Grant in Mitten ins Herz – Ein Song für Dich.

Auch die Tänze beeindrucken, brillant choreografiert und gefilmt; Zeta-Jones war vor ihrer Filmkarriere ohnehin Tänzerin. Wenn sich die Charaktere in ihre Tanzszenen hineinträumen, strahlen in den dusteren Gefängnismauern plötzlich rote Lichter, die Akteure erscheinen in fantastischen Cabaretsälen oder hängen an Marionettenfäden.

Zugrunde lag ein Erfolgsmusical und so zeigt Chicago kaum Außenaufnahmen, wirkt wie abgefilmtes Theater. Auch die gelegentlich sichtbare Straße in Chicago sieht künstlich aus.

Die Tänze werden als Fantasien der Hauptdarsteller angeboten, sind also nicht direkt in die Handlung eingebunden. Allerdings schneidet Regisseur und Choreograph Rob Marshall gern Szenen aus Tänzen und Handlung ineinander. So gibt es kaum ein Lied ohne Unterbrechung, mitunter aber ergänzen sich geträumte Liedtexte und zwischendurch gezeigte Handlung sehr raffiniert.

„Chicago“ ist ein langes Musikvideo mit viel Roaring-Twenties-Nostalgie und etwas Handlung. Ich kenne nur die englische Fassung, die mitunter auch lustvoll vulgär daherkommt – „ab 12“ würde ich da eher nicht sagen. Besonders treffende und interessant analytische Kritiken in englischer Sprache fand ich bei Roger Ebert und Variety.


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