Dokumentationen: So kann man sie verhunzen (mit Videos)

Die Qualität bei Dokumentationen schwankt dramatisch, egal ob TV-Doku oder aufwändige Kinoproduktion.

Hier eine Liste der typischen Fehler:

Sprecher und Text:

  • Text klingt wie Werbung, zum Beispiel bei Künstler- oder Hotel-Dokus; nicht nur, aber auch beim WDR-Beitrag über das Excelsior Hotel Ernst in Köln (Link zur Sendung beim WDR)
  • der Sprecher raunt und baritont überflüssig dramatisierend, gern bei Berg- und Natursendungen
  • der Sprecher klingt wie ein überlegener Märchenonkel im Kindergarten
  • der Text will Urteile herbeizwingen, zum Beispiel über die Schönheit einer Landschaft (die WDR-Reisereihe Wunderschön transportiert ein aufdringliches Urteil schon im Titel; Link zur Wunderschön-Reihe)
  • der Sprecher wiederholt 1:1 den Bildinhalt. Überflüssig. Zum Beispiel bei einer Marktszene: „Auf dem Markt gibt es alles, was das Herz begehrt, und Zeit für ein Schwätzchen ist auch.“ Bilder reichen da. Toll, wenn Sichtbares mal gar nicht kommentiert wird, aber das gibt’s seltener
  • Text und Bild stehen im Konflikt. Häufiger Fehler. Ein Beispiel: Der Sprecher redet von wilden Tieren am Strand, doch im Bild laufen menschliche Touristen über den Strand
  • der Sprecher spricht auswärtige Namen „deutsch“ aus. Zum Beispiel sollte man indische Ortsnamen mit englischer Aussprache und nicht mit deutscher Aussprache sprechen; in einer Thailand-Doku wurde das „ph“ zweimal fälschlich wie ein „f“ gesprochen (in „Kampaeng Fett“ und „Lamfang“) und einmal korrekt wie ein „p“ (in „Puket“)
  • deutsche Sprecherstimme überlagert die Stimme eines fremdsprachigen oder Dialekt-Sprechers – Untertitel wären besser

Schnitt, Bild, Bildbearbeitung:

  • Zu schneller Schnitt, bei dem jeder Interviewpartner nur einen Satz sagen darf, dann geht’s zapp zum nächsten talking head (gern bei betont Zeitgeistigem wie Popmusikdokus, abschreckendes Beispiel u.a. Spike Lees Doku zu Michael Jacksons Album Off the Wall)
  • lange rein atmosphärische Zeitlupen zum Beispiel bei Tierfilmen, die künstlich nachvertont noch unnatürlicher wirken
  • die Kamera zeigt rein Feuilletonistisches, zum Beispiel sekundenlang nur die Füße eines gehenden Politikers
  • Wolken im Zeitraffer, Sonnenball im Zeitraffer (bei Tierfilmen, Bergfilmen, abschreckendes Beispiel Mount St. Elias)
  • wilde Drohnenflüge (abschreckendes Beispiel Mythos Kongo)
  • Historisches und sogar Aktuelles wird mit nachgespielten Szenen illustriert, abschreckendes Beispiel die Gerd-Bucerius-Doku des NDR 2006 (Filmmacher, ARD-Info, Video)

Musik:

  • Der Inhalt wird mit dramatisch dräuender Musik aufgeblasen, vor allem bei Natur-, Berg- und Tierfilmen, schlimm z.B. wieder bei Mount St. Elias
  • jede neue Einstellung beginnt mit einem neuen Musikstück
  • die Musik in Auslandsdokus klingt pseudo-ethnisch und soll die Kultur der gezeigten Region widerspiegeln – meist klingt sie nur wie die Auslandsfantasie eines westlichen Tonstudioakrobaten (die 360°-Reihe auf Arte verwendet dagegen „echte“ Musik aus der Region)

Auftritt des Journalisten:

  • Die Journalisten drängen sich ins Bild, reden teils auch in die Kamera, erscheinen fast öfter als ihr Thema. Zu diesem Übel gibt es auf HansBlog einen eigenen Beitrag.


Einige Dokureihen kann ich wegen der genannten schweren Mängel gar nicht ansehen, zum Beispiel Reisen für Genießer mit dem penetranten, selbstgefälligen Guy Lemaire (Link zu einer Sendung bei Arte, Beispiel im Video oberhalb). Recht gut gefallen mir dagegen viele Dokus aus diesen Reihen:

Meine Lieblingsdoku ist John Downers dreiteiliges Geheimes Leben der Tiger, das auch unter anderen Titeln und auf DVD herauskam (Übersicht hier, Video unterhalb).


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