Rezension Trinidad-Roman: Fireflies, von Shiva Naipaul (1970) – 7 Sterne

Eine arme, indischstämmige Familie im Trinidad der 40er und 50er Jahre. Sie wurschteln sich so durch. Das Ganze beschrieben mit leisem Humor, Einfühlung und viel Lokalkolorit.

Familienerinnerungen des kleinen Bruders:

Shiva Naipaul, kleiner Bruder des Nobelpreisträgers V.S. Naipaul, schildert hier etwas verfremdet seine eigene Sippe. Mitunter hängt er scheinbar auf gut Glück Erinnerungen aneinander, auch wenn sie den Roman vor allem im ersten Teil eher in die Breite treiben als verdichten:

Da gibt es allzu ausgedehnte Beschreibungen von Familienzeremonien und moralisch unorthodoxen Hobbyanthropologinnen. Shiva Naipaul liefert indes  auch viel Handlung und wörtliche Rede; aber er erklärt, psychologisiert und verallgemeinert auch – als ob er Handlung und Dialogen nicht ganz vertraut.

„Fireflies“ (1970) klingt nach Shiva Naipauls Familienleben. Und damit erinnert es auch stark an die zehn bis 15 Jahre früher erschienen Trinidad-Romane seines älteren Bruders, Nobelpreisträger V.S. Naipaul.

Typische Naipaul-Elemente:

Da gibt es nicht nur das amüsant verschwurbelte Pidgin-Englisch („We haven’t seen she. She lock sheself up“). Die Dorfatmosphäre in „Fireflies“ erinnert an die Siedlungen aus V.S. Naipauls „Mystic Masseur“ und „A House for Mr. Biswas“. Die Stadtatmosphäre in „Fireflies“ erinnert wiederum an „Biswas“ und an V.S. Naipauls „Miguel Street“.

In „Fireflies“ wie in „Biswas“ erscheinen massenhaft verwitwete Schwestern, dazu mächtige Brüder und eine dominante Schwiegermutter. Der Familienvater wirkt leicht kauzig und vom Pech verfolgt. In „Fireflies“ wie im „Mystic Masseur“ spotten die Autoren über das „R.S.V.P“ auf Hochzeitseinladungen, das der Absender selbst nicht verstehe. In „Fireflies“ wie in V.S. Naipauls „Wahlkampf auf karibisch“ geht es um Wahlkämpfe und Wahlkampfgefährte.

Vor allem ist „Fireflies“ ein alternatives „House for Mr. Biswas“ – allerdings überwiegend aus Sicht der Frau erzählt, beginnend erst mit der Heirat der Hauptdarsteller, aber wiederum endend mit der Abreise des ältesten Sohns nach London.

So wirkt das Buch:

Das Ganze ist talentiert geschrieben und unterhaltsam zu lesen, wenn man das koloniale Einfache-Leute-Ambiente generell mag. „Fireflies“ stand auch in der 22 Titel umfassenden Vorauswahl für den erst 2010 vergebenen Booker Prize für 1970, kam jedoch nicht in die Endrunde. Die Lektüre lohnt auf jeden Fall auch für Nicht-Naipaulogen und Nicht-Trinidad-Kolonialnostalgiker.

Ähnlich wie V.S. beschreibt auch Shiva Naipaul lustvoll Machtkämpfe und Geltungssucht im Familienkreis. Das affektierte Gewese wirkt besonders skurril, weil die Möchtegern-Größen nur dieses Baby-Englisch sprechen.

Shiva Naipaul führt auch Bigotterie und Hackordnung vor: Mann prügelt Frau, Frau prügelt Kind, Kind tritt Huhn. Rum fließt, Eheleute artikulieren Zuneigung per Schimpfkanonade. Allerdings zerfällt „Fireflies“ vor allem in der ersten Hälfte in wenig zusammenhängende Episoden, die erst spät und teils sporadisch wieder aufeinander zu laufen.

Im Zweifel ziehe ich V.S. Naipaul jedoch vor:

Seine Trinidad-Bücher wirken geschlossener, weniger wie eine Reihung von Anekdoten, die alle untergebracht werden wollten. V.S. Naipaul vertraut voll seinen Dialogen und Szenen, muss nichts allgemein erklären. Sein Englisch wirkt noch einen Tick schlanker, nüchterner, hinterhältig schlicht-raffinierter.

Diana Athill, langjährige Lektorin von V.S. wie auch zunächst Shiva Naipaul, verglich das Schreiben der Brüder in einem Brief an V.S. Naipaul sehr treffend so:

„He lacks an edge you always had, but i believe he may blossom in the more relaxed form of the novel – i suspect that his strength may turn out to be in his warmth“ (zitiert aus Patrick Frenchs V.S. Naipaul-Biografie).

Breiteres Themenspektrum:

Shiva Naipaul schreibt breiter, weniger auf den indischen Bevölkerungsanteil Trinidads fixiert. Weiße und Schwarze spielen wichtigere Rollen in „Fireflies“ als in allen V.S.-Naipaul-Büchern der frühen Phase.

Es gibt bei Shiva Naipaul so extreme Dinge wie Jugendungehorsam, Jugendkriminalität, ja sogar voreheliche Liebesbeziehungen und das zwischen verschiedenen Hautfarben – Skandalthemen, die V.S. Naipaul kaum verwendet. Viel davon erscheint erst im zweiten Teil von „Fireflies“; dort gewinnt das Buch an Fahrt und an Spannung, die Familienmutter an Charisma, der Teil gefiel mir besser.

Meine englische 1984er-„Fireflies“-Ausgabe von Penguin USA hatte mehrere Grammatik-, Tipp- und Sinnfehler (auch außerhalb der wörtlichen Pidgin-Rede) und einmal hieß Urmila sogar Ursula. Ein paar Jahre später veröffentlichte Shiva Naipaul den nächsten Trinidad-Roman „The Chip-chip Gatherers“ mit insgesamt weniger liebenswertem Personal, weniger Wärme und mehr egozentrisch-despotischen Figuren.


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