Rezension Trinidad-Inder-Kurzgeschichten: Miguel Street, von V.S. Naipaul (1959) – 9 Sterne

Träge fließt das Leben dahin in der Miguel Street, einem ärmlichen Wohnquartier in Port of Spain, Trinidad. Auf der Straße trifft man immer ein paar Leute, und wenn sie nicht grade schmollen, plauscht man gern: wir treffen Hat, Eddoes, Man-Man, Boyee, Herrn und Frau Bhakcu, das Ehepaar Morgan – regelmäßig begegnen sie in diesen gut verknüpften Episoden, auch wenn die meisten nur ein-, zweimal die Hauptrolle spielen.

Federleichte Karikaturen:

Selbstdarsteller, Aufschneider, Träumer sind sie – aber sympathisch (solange sie zwischen Buchdeckeln bleiben). Liebe gibt es kaum, und wenn, dann geht sie noch in der selben Episode den Bach runter.

V.S. Naipaul (1932 – 2018) karikiert den karibischen Mikrokosmos mit federleichtem Strich, berichtet lakonisch unterhaltsam von Ambition und Scheitern, von offenem Streit und übertünchtem Frust. Eigentlich leben diese Tagelöhner auf ihrem heißen Eiland in einer uns fremden Welt, und das Mitte der 1940er; aber die Schilderungen wirken allgemeingültig und fesselnd.

Hinreißende Dialoge:

Das liegt auch an der Konstruktion. Das Buch lebt vom lebendigen, schlagfertigen Dialog – in deftigem Pidgin-Englisch mit amüsant verquerer Grammatik, innovativem Vokabular und lässig coolen Pointen. Naipaul skizziert seine Akteure treffend mit wenigen Sätzen, und schon portraitiert er den nächsten Kauz.

Erst nach und nach scheint die unauffällig tragfähige Konstruktion durch: Dies ist keine Kurzgeschichten-Sammlung. Viele Akteure kehren immer wieder; selbst Nebenaspekte spielen fünf Geschichten später erneut eine Rolle.

Und erst gegen Ende erkennt man den zeitlichen Ablauf: die Figur des zurückblickenden Erzählers wird volljährig und verlässt sogar die Insel, den eher ungeliebten Tropenstadl. Der Aufbau erinnert mich etwas an Aravind Adigas „Zwischen den Attentaten – Between the Assassinations“ – auch hier eine Reihe von Episoden in einer heißen, ärmlichen Stadt, allerdings loser verwoben.

  • V.S. Naipauls vier frühe Trinidad-Romane sind alle amüsant und sehr empfehlenswert – eine Übersicht samt wenig bekannten Alternativen

Der Verlag zögerte, das Buch herauszubringen:

Dem Verlag war Naipauls Geschichten-Gewebe aus der Miguel Street aber eine Nummer zu leicht. André Deutsch und seine Lektorin Diana Athill wollten Naipauls kommerzielles Erstlingswerk durchaus drucken – aber erst als Folgebuch; für die Einführung auf dem Buchmarkt wünschten sie noch einen richtigen Roman von ihm.

Andere Verlage in London hatten „Miguel Street“ da bereits gelobt – und mit Blick auf den Büchermarkt abgelehnt. Notgedrungen schrieb Naipaul den „Mystischen Masseur“ (über eine Figur, die schon in „Miguel Street“ kurz auftritt), nur um das Erscheinen des Buchs „Miguel Street“ zu sichern.

Dessen Englisch war, bei allen Pidgin-Kapriolen, für mich leicht und amüsant; eine deutsche Übertragung scheint unmöglich. Wer das ärmlich tropische Ambiente und den lakonischen Ton von „Miguel Street“ mag, sollte unbedingt auch Naipauls etwas späteres Meisterwerk „Ein Haus für Mr. Biswas“ lesen oder eigentlich alle vier frühen Trinidad-Romane des Meisters.

Eine weitere Episode zu „Miguel Street“ erschien im Kurzgeschichtenband „A Flag on the Island“ (auch Teil des Sammelbands „The Nightwatchman’s Occurrence Book“). Sie war zurecht aus Miguel herausgestrichen worden: sie spielt zum guten Teil nicht in der Miguel-Straße, sondern auf dem Land, und wirkt weniger abgerundet als die anderen Episoden.

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