Rezension Trinidad-Geschichten: Adventures of Gurudeva, von Seepersad Naipaul (1943, Vater von V.S. Naipaul) – 7 Sterne

In vielen Punkten erinnert Seepersad Naipauls Sammlung verbundener Geschichten an die frühen Trinidad-Romane seines nobilitierten Sohnes V.S. Naipaul (also an Mr Biswas, Miguel Street, Mystic Masseur, Wahlkampf auf karibisch). Insbesondere an den „Mystic Masseur“: Im „Masseur“ wie in den „Adventures of Gurudeva“ schwingt sich ein halbwegs gescheiterter Indischstämmiger auf Trinidad zum Guru-Status auf; beide spielen irgendwo in der staubigen Trinidad-Provinz.

Weitere Ähnlichkeiten zwischen Seepersad Naipauls „Gurudeva“ und V.S. Naipauls frühen Trinidad-Romanen:

  • das verschwurbelte Kaputt-Englisch (bei Seepersad Naipaul etwas weniger leicht konsumierbar)
  • die Großfamilie im Großhaus
  • die Unterdrückung, das Verkloppen der Frau (bei Seepersad Naipaul noch gründlicher)
  • die lakonische, scheinbar unbeteiligte Erzählstimme
  • – Spott über hinduistischen Aberglauben

Einige Unterschiede zwischen Seepersad Naipaul und den frühen Trinidad-Romanen seines Sohnes V.S.:

  • Erzählstimme und wörtliche Rede bei V.S. raffinierter, weniger rustikal
  • V.S. auch sonst insgesamt mit mehr Fokus, Stil und Finesse, ohne dass es „betont“ smart wirkt

In seiner jugendlichen Sturm-und-Drang-Phase als Tunichtgut und gerichtsnotorischer Streithansel erinnert mich Titelfigur Gurudeva stark an den Schauspieler Karthi Sivakumar (Bruder von Surya) aus dem Tamil-Film „Paruthi Veeran“ (2007): Der sucht auch immer Streit und würde gern mal in einem prestigeträchtigen echten Hauptstadtgefängnis sitzen statt immer nur im unglamourösen Kleinstadtknast.

Roman oder Kurzgeschichten?

Es ist nicht ganz klar, ob Seepersad Naipauls „Gurudeva“ als Roman oder als Kurzgeschichtensammlung gedacht ist, denn mindestens eine „Gurudeva“-Episode hat nicht viel mit der Hauptfigur Gurudeva zu tun. Schwach erscheint auch das Kapitel mit der Lehrer-Figur, die überdeutlich zu Hinduismus und Aberglauben doziert. Im Vorwort erklärt V.S. Naipaul das so: die Episoden zum Roman entstanden teils Anfang der 40er, teils Anfang der 50er Jahre und wurden erst nachträglich in Romanform gezwängt.

Ich mag Hot Country Reading als lesbare „Reiseerfahrung“ ohne Mückenstiche und Schweißausbrüche. So hat mir auch Seepersad Naipauls „Gurudeva“ gut gefallen.

Allerdings muss ich auch sagen:

Sämtliche frühen Trinidad-Romane von V.S. Naipaul sind besser. Auch die Trinidad-Romane des kleinen Bruders Shiva Naipaul (Fireflies sowie The Chip-Chip Gatherers) sind besser. Ein Vorzug bei Vater Naipaul sind allenfalls die noch dörflicheren, indischeren Umstände. Aber dann kann man natürlich auch gleich R.K. Narayan aufschlagen.

Wer über das Vorwort hinaus mehr über Seepersad Naipaul erfahren will (als Mensch interessanter als sein Sohn V.S.), liest vielleicht V.S. Naipauls meisterliches „Haus für Mr. Biswas“; es orientiert sich vage an Vater Naipauls Leben und liegt auch in einer brauchbaren deutschen Übersetzung vor. Und dann gibt es die teils bewegenden „Briefe zwischen Vater und Sohn“, in denen sich Vater und Sohn Naipaul gegenseitig vom Schreiben und von Geldnöten berichten.

Der Rückumschlag meiner fest eingebundenen „Gurudeva“-Ausgabe mit Schutzumschlag zeigt ein schönes Familienfoto der Naipauls von 1952 (nicht in Patrick Frenchs Naipaul-Biographie zu sehen). Mutter Droapatie ist nicht mit im Bild, aber eins lernen wir in „Gurudeva“: Frauen haben nichts zu melden.

If you ever go down Trinidad, they make you feel so very glad.

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