Trailer zu meinem ungeborenen Roman [Story auf Deutsch]

Die Personen:

Norbert Jüpping: Norbert Jüpping ist vom Typ schmieriger Kleinstadtyuppie. Ihm gehört das Unternehmen „District Capital Media“ (oder zumindest dessen Schulden): eine kleine Werbeagentur in der schnuckeligen Kreisstadt am Alpenrand, die Schauplatz dieser Geschichte ist. Hinter schmierigen Gardinen plus geleaster Zimmerlinde produziert Norbert die Werbung für örtliche Ausflugslokale und Golfballwaschanlagenerfinder. Hauptsächlich aber verlegt er den „Kreis Boten“, jenes örtliche Werbeblättchen, das jeden Donnerstag landkreisweit die Briefkästen verstopft.

Norbert hat eine Vorzimmer-Tippse, die ihm Bauern und sonstige Klein-Inserenten vom Hals hält; im übrigen schmeißt er den Laden allein, betreibt Anzeigen-Akquise, feilscht mit Druckereien oder belabert Edeka-Filialleiter, die ihre Sonderangebote für Dauerwurst und Erdbeer-Marmelade auf fiesen orangen Zetteln seinem „Kreis Boten“ beilegen sollen. Für jede vierte Seite oder so verfaßt Norbert mühsam einen holperigen Kurztext aus dem Vereinsleben, das sogenannte „freundliche redaktionelle Umfeld“ für die Anzeigenwüste. Ab und zu feiert Norbert im „Kreis Boten“ auch eine Pressemeldung von Stadtverwaltung oder Erlebnisbad ab; ödes Zeug über den geänderten Fahrplan des Giftmobils während der Sommerferien, das ihm aber die Auseinandersetzung mit militanten Karnickelzüchtern oder Männerchor-Fanatikern erspart.

Denn deep down inside verachtet Norbert die enge Kreisstadt-Welt. Norbert will mehr. Mehr Klasse, mehr Lifestyle. Mehr Schick. Mair Flehr. Und deswegen, wenn im Juli und August kein einziger Metzger auch nur eine Viertelseite mit Zusatzfarbe schaltet, wenn selbst die Möbelmärkte ihre spießigen Farbbeilagen zurückhalten, zwängt Norbert sich gern in den Sportsitz seines feuerroten Mazda Corolla GTN und düst, wie er nebenbei zur Vorzimmer-Tussi bemerkt, „auf ’nen Cappuccino in die Toscana, Sie haben ja meine Handy-Nummer“.

Beim letzten Trip dieser Art machte Norbert einen, wie er es selber nennt, „stopover“ in so einem schicken Neon-Ding eine knappe CD-Länge hinterm Brenner. Dort studierte er die interessante italienische Designer-Speisekarte mit deutschen Erklärungen im (offenbar) Sechsfarben-Druck. Seither kennt Norbert den Unterschied zwischen Carpaccio und Bruschetti und fühlt noch stärker, daß die heimische Kreisstadt zu eng ist für ihn. Norbert verspürt den Drang nach einem ganz anderen Umfeld – was immer das auch sein mag.

Gern sagt Norbert: „Hey, nenn‘ mich einfach Norb. Meine Freunde nennen mich Norb.“ Gern hätte Norbert auch Freunde.

Thomas Meier: Thomas Meier ist vom Typ verkrachter Germanistik-Student. Schon vor der Zwischenprüfung fühlte Thomas, daß er Chefreporter im Ressort „Modernes Leben“ der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ werden würde. Die erforderliche politisch korrekte, linksliberalgrünangehauchte Einstellung hatte er sich längst angelesen. Doch überraschend waren seine hartnäckigen und überzeugenden Bewerbungen gescheitert:

„Die Zeit“ hatte das unverlangt eingesandte Manuskript retourniert, das zweite dann auch; anbei jeweils ein hektografierter Zettel voll geheuchelt bedauernder Textbausteine. Als Thomas dann zweimal durch die mündliche Magisterprüfung im Nebenfach Pädagogik krachte, hielt er die Uni nicht mehr für adäquat und bewarb sich als Redakteur bei „Spiegel“, „Frankfurter Rundschau“ und „Bayern II Wort“. Das vergrößerte seine Sammlung geheuchelt bedauernder Textbausteine; der „Spiegel“ hatte allerdings gar nicht reagiert.

Die Lage:

Weil aber selbst eine sogenannte, wie es in der Branche heißt, „Edelfeder“ wie Thomas Meier was zwischen die Kiemen braucht und der Veröffentlichungsdrang auch Demütigungen übersteht, war Thomas in seiner saubersten Jeans bei „District Capital Media“ vorstellig geworden. Schon bei seinem Eintreten hatte Norberts Vorzimmer-Girl erkannt, daß dieser Kunde ein Wohnungsgesuch/zweizeilig/einspaltig aufgeben wollte und mit Taste F7 die Eingabemaske aufgerufen. Erst nach längerem, geduldigen Zureden ließ sie vom Bildschirm ab und kontaktete über die Freisprech-Vorrichtung ihres Telefons Norbert Jüpping, den Chef von „District Capital Media“ und seines Zeichens Chef-Redakteur, Chef vom Dienst, Redakteur und Anzeigen­verantwortlicher des weitverbreiteten „Kreis Boten“.

Norbert saß in seinem Kabuff zwei Meter weiter und brütete einen Artikel aus, welcher die Neu-Eröffnung eines Teppich- & Fliesen-Erlebnis-Fachmarktes im Industriegebiet feiern sollte; Norbert witterte viele Ein-Eintel-Anzeigen, vielleicht sogar mit Zusatzfarbe und Quartalsbuchung, und quälte sich maßlos mit dem ersten Satz.

Und da stand nun plötzlich dieser Thomas Meier vor ihm: Typ verkrachter Germanistik-Student, verknautschte Jeans mit zu weitem Schlag, ungekämmt. Aber Norbert war ein alter Medien-Fuchs und wußte: Genau solche verhuschten Müslifresser konnten oft texten und hatten die Rechtschreibung drauf. Norbert müßte den Kandidaten nur etwas aufpolieren, dann konnte er ihn sogar zur Hauptversammlung beim Rotkreuzkreisverband schicken, auf daß er 60 Zeilen plus Headline und Vorspann auswirft. Den Typ würde er schon hinkriegen.

Und weil Norbert „Norb“ Jüpping ein Mann von Welt ist, schlug er nach kurzem Ritual seinem Besucher vor: „Springen wir doch rüber in die ‚Gelateria Roma‘ und grübeln das Weitere kurz bei Cappuccino und Hörnchen an.“

Komplizenhaft: „Hier klingelt doch dauernd das Telefon.“

Norbert Jüpping knipste bereits seine fragile Halogen-Schreibtisch-Lampe aus, die einem überteuerten Designer-Laden in Mailand entstammte und sinnlos gebrannt hatte, kramte das Mobiltelefon unter einem Stapel gefaxter Reklamationen hervor, rauschte durchs Vorzimmer – „wir sind auf einen Cappuccino im ‚Roma‘, Sie haben ja meine Handy-Nummer“ -, stürzte sich auf den Bürgersteig, turnte voller Elan vorbei an „Schreibwaren Baumer“, „Müller Alles für die Küche“ und der neuen Lotto-Toto-Bude, prüfte sein Outfit im Schaufenster von „Welt der Schuhe Eberfing“, stieß peppig die Tür zur „Gelateria Roma“ auf, schmetterte: „Ciao Carla, duo Cappuccino bitte!“ in die Tiefe des Raumes, sank seufzend auf ein Plastik-Stühlchen und stellte – Finale! – sein Handy auf das Plastik-Tischchen mit hochwertiger Marmor-Optik: genau mittig zwischen Zuckerstreuer und Eiskarte.

Das Handy kippte aber sofort um, als Thomas Meier linkisch Platz nahm. Im Kondensstreifen von Norberts süßlichem Rasierwasser war er hinterdrein gestolpert – Schreibwaren Baumer, Müller Alles für die Küche, Lotto Toto, Welt der Schuhe Eberfing -, hatte eine Seniorin mit Plastiktüte und Pelzhaube gerammt und beim Niederlassen gedacht: Oje, erst dieser Plural und dann Cappuccino, das gibt Bauchschmerzen und eine schlaflose Nacht.

Die Szene:

Norbert setzte sein gewinnendes, lässig souveränes Lächeln auf, das so gut zu einem erfolgreichen Medien-Manager paßt. „Also, Sie wollen für den ‚Kreis Boten‘ schreiben, das freut mich natürlich.“ Norbert stellte das Handy wieder auf und schob es zwei Millimeter in Richtung Zuckerdose.

Dann noch einen Millimeter: „Hey, nenn‘ mich einfach Norb. Meine Freunde nennen mich Norb.“

„Thomas“, sagte Thomas.

Da schwebte auch schon Carla mit den Gesöffen heran. Wow. Thomas ahnte, warum „Norb“ ihn ins „Roma“ geschleift hatte. Carla war ein Rasseweib. Lange, schwarze, leicht gewellte Haare umfaßten ein apart modelliertes Bronze-Gesicht mit dunklen, fast spöttisch zusammengezogenen Augen – vielleicht eine echte Römerin? Ein veritabler Prachtbusen wölbte Carlas schwarze Seidenbluse. Der schwarze Kellnerin-Mini entblößte ein exquisit gebautes Gestell in sündig schwarzen Strümpfen und Überlänge. Dazu trug das Mädel vom Tiber flache Lederslippers.

Norbert forcierte sein lässig souveränes Lächeln, als Carla den Cappuccino elegant vor ihm zur Landung brachte. Freundschaftlich tätschelte „Norb“ die teuer gelackte Römer-Flosse und machte „Grazie, Carla. Grazie.“ Venus wendete ungerührt in Richtung Tresen und schwenkte dabei einen brillanten Knackarsch so halluzinogen unterm Stretch, daß die Männer erst aus der Trance erwachten, als Carla ihren Luxusleib hinter die Eistheke navigiert hatte.

Sexy Ding, dachte Thomas, da würde ich gern mal drüberrutschen.

„Sexy Ding“, raunte „Norb“: „da würde ich gern mal drüberrutschen.“

Du Macho-Wichser, dachte Thomas.

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