Rezension Thai-Dorf-Geschichten: Village Vignettes: Portraits of a Thai Village, von Michael Smithies (2004) – 7 Sterne

Das sind wirklich Vignetten: Keine Geschichte zählt mehr als vier Seiten, die Mehrzahl kommt mit zwei Seiten aus. Darin portraitiert Smithies schnörkellos, in schlichtem Ton, Dörfler aus dem Nordosten Thailands, genauer aus dem südlichen Isaan (die nächste Großstadt ist Korat).

Distanzierter Ton:

Manches Kurzkapitel umfasst 50 Jahre einer ganzen Familie. Immer wieder geht es um Dorfparties, finanzielles Elend, Tod im Straßenverkehr, den Reisanbau und die ausbleibende Regenzeit, Familiengründung und Hausbau, Selbstorganisation eines Dorfs. Smithies erzählt stets gleichmütig, neutral, und jede Geschichte rundet er mit einem bilanzierenden Satz ab. Der Leser bleibt distanziert.

Dazwischen stehen allgemeinere Abhandlungen in kursiver Schrift mit Titeln wie Telephones, History, Rubbish, Noise oder Health. Auch hier benötigt Smithies selten mehr als zwei Seiten, und so lässt sich das Buch sehr leicht lesen, ablegen, weiterlesen und wieder ablegen. Spätestens am zweiten Abend hat man es ohnehin aus.

Schöne Einblicke:

Der Autor betont mehrfach, dass alles erfunden sei. Alle Geschichten spielen im fiktiven Dorf Ban Bua Sa-ard (ist das Khmer?) und die Hauptfigur einer Geschichte kehrt eventuell 15 Geschichten später in einer Nebenrolle zurück. Am Ende glaubt man, dass Dorf zu kennen – nicht sehr gut zu kennen, aber man hat einen Überblick und findet die meisten Akteure, trotz aller Kauzigkeiten, wohl auch sympathisch. Ich glaube, dass gar nicht so viel erfunden ist, außer hoffentlich den Namen. Der Leser erhält ungewöhnliche, schöne Einblicke.

Doch formal zeigen Verlag und Autor wenig Ambitionen: Tippfehler stören das Lektorat nicht, und die unterschiedlichen Buchkategorien – Portraits in Normalschrift und Landeskunde kursiv – werden nicht sauber eingehalten. Die ganzseitigen Zeichnungen zu jeder Geschichte stammen von Uthai Traisiwakul, der bei Amazon fälschlich als Mitautor geführt wird. Die Bilder zeigen Dorfidylle in einem unruhigen Strichelstil, der mich nicht angesprochen hat; manche Zeichnungen erscheinen vor der Überschrift, manche erst auf der nächsten Seite (je nachdem, ob die Geschichte auf einer linken oder rechten Seite beginnt).

Village Vignettes erinnerte mich an weitere Bücher:

  • Michael Smithies, A Busy Week: Kurzgeschichten desselben Autors im selben Verlag, die in einer ruhigen Gasse in Bangkok spielen
  • Tarmo Rajasaari, Vapour Trails: Aus dem selben Verlag, Kurzgeschichten aus dem Isaan, literarisch anspruchsvoller als Smithies, teils schneidend genau portraitierend, dafür ohne allgemeinen Überblick, exzellent
  • Philipp Cornwel-Smith, Very Thai: Fantastischer Bild-Text-Band über Alltagskultur in ganz Thailand, Höchstnote
  • V.S. Naipaul: Seine frühen Romane, in denen er das mühsame, aber amüsant zu lesende Leben von Indern auf Trinidad in den 40er und 50er Jahren beschreibt, insbesondere die verknüpften Kurzgeschichten von Miguel Street

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