Südfrankreich-Neu-Winzerin: The Ripening Sun, von Patricia Atkinson (2003, 1. Teil der Reihe) – 6 Sterne

1990 zieht die englische Bankerin Patricia Atkinson, knapp 40 Jahre alt, mit ihrem Mann nach Südwestfrankreich. Ihr Buch von 2003 berichtet detailreich von den ersten drei Jahren, also vom Einstieg in den Weinbau – und da spricht Atkinson erst einmal kein Französisch, und Winzererfahrung hat sie auch nicht. Die Fortsetzung liefert dann der Band La Belle Saison (2005; dies der Titel der englischen Ausgabe).

Darum geht es in The Ripening Sun *nicht*:

Die üblichen „good life“ -Themen erscheinen in The Ripening Sun kaum, wie etwa Hausfinden, Hausrenovieren, Essen, Trinken, Näheres über die Franzosen. So lädt das Buch kaum zum Träumen ein, wirkt ganz und gar nicht sonnig – denn scheint bei Atkinson überhaupt mal die Sonne, etwa während der Weinlese, dann folgt daraus nur Sonnenbrand.

Aber die Autorin verbringt auch viel Zeit im Weinkeller zwischen furchteinflößenden, unverständlichen Maschinen, die ihr gelegentlich 100 Liter Merlot über den Kopf schütten. Auch Dauerregen und Frost plagen sie.

Nur auf den ersten drei Buchseiten schildert Atkinson etwas klischiert ein heimeliges Rotweindinner unter den Sternen der Dordogne, es wirkt wie nachträglich ans Manuskript geklebt, eine Konzession ans „good life“-Genre und an Lesererwartungen; Peter Mayle lässt grüßen.

Patricia Atkinson beginnt Buch und Aufenthalt derb naiv:

Sie spricht GAR KEIN Französisch. Der Käfer in der Küche ist SCHRECKLICH groß; die Hitze AUCH. Die Nachbarn sind SO nett, die Schmerzen nach der Weinernte aber GRAUENHAFT. An Weinbau hat sie KEIN Interesse.

Und obwohl Atkinson zu Beginn gleich vielfach und offenbar schamfrei Ihre peinliche Unkenntnis des Französischen betont, mischt sie immer wieder französische Sätze in ihr Englisch. Dieses Französisch wird in der ersten Buchhälfte nicht übersetzt, ab Buchmitte gibt es dann Übersetzungen (ich hatte das englische Original, The Ripening Sun).

Ebenfalls erst ab Mitte des Buchs wiederholt Atkinson die Eigenarten ihrer Bekannten unablässig: Juliana sagt immer Quooquiloo, Gilles sagt immer Milledieu, Geoffry will immer Essen gehen, Madame Clochet schlendert täglich mit jugendlichem Schwung vorbei. Die meisten Figuren wirken – ebenso wie die Buchsprache – nicht sonderlich anregend; nur Jungdichter Edge aus England, der immer zur Weinernte anreist und gern korrespondiert, produziert amüsante Sprüche, Briefe und Gedichte.

In einer Film-Dokumention von 2010 über ihre Arbeit (direkt unterhalb) sieht man Atkinson und ihre Freunde – Juliana taucht bei etwa 5:10 auf, wirkt aber weniger glamourös als beschrieben, die anderen werden nicht namentlich vorgestellt. Wir lernen Handgriffe beim Weinbau kennen wie auch den viel beschriebenen „noble rot“, sehen bei Weinproben zu und blicken in ein Weinlabor:

Was mich am Stil störte:

Atkinson liefert oft tagebuchartig einzelne Episoden, da fehlt der Fluss: Einmal erzählt sie, dass eine gewisse, bisher nicht eingeführte Emma anrief, aber wegen Arbeit nicht vorbeikommen könne; Ende des Themas. Völlig überflüssig. Aber auch solche unüberlegten Notizen nehmen nach Buchmitte deutlich ab.

Zudem schreibt Atkinson meist im Präsens, mit viel zu viel Partizip Präsens („Richard is standing in front of us, grinning“, „we are pressing the first merlot vat tomorrow“), das wirkt salopp und aufgebläht. Einen Absatz lang fällt Atkinson überraschend ins Imperfekt.

Verblüffend, dass Atkinson als Engländerin nicht über die Handhabung von „vous“ und „tu“ räsonniert, während sie doch sonst alles Neue detailliert analysiert.

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Das erfahren wir über die Nachbarn:

Zum Haus haben die Atkinsons noch ein paar Hektar Weinberge gekauft. Sie verstehen praktisch nichts vom Winzern und sind auf sehr viel Hilfe angewiesen, vor allem während James Atkinson nicht vor Ort ist. Das wirkt ebenso naiv wie das Niederlassen ohne ein Wort Französisch. Die Hilfsbereitschaft der Nachbarn und der Freunde aus England ist jedoch grenzenlos.

Interessante Portraits liefert Atkinson nicht: die Franzosen sind alle hilfsbereit und nett, ansonsten hilfsbereit und kauzig. Kritisch schreibt Atkinson insgesamt nur eine halbe Seite lang – über zwei träge Angestellte, die sie nach kurzer Probe wieder wegschickt.

Dafür beschreibt Atkinson ihre Umgebung sehr detailreich, ebenso wie ihre Aufgaben am Weinstock, auf dem Trecker und im Weinkeller. Sie schildert das Laborieren mit Fässern, Pumpen und Zusatzstoffen sogar viel zu ausführlich; anschließend geht es mit Bürokratiestress weiter, Formularen und Abkürzungen rätselhafter Behörden, darauf folgen Abfüllen und Vermarktung, zwischendurch auch persönliche Wirren.

Bezeichnend, dass die englischen Amazon-Seiten als ähnliche Bücher auch Winzer-Fachliteratur anbieten. Wie sie sich tatsächlich gefühlt hat, resümiert  Atkinson erst im Nachfolgeband La Belle Saison; hier, in The Ripening Season, folgt nur Hektik auf Schrecken auf Stress auf Sorge; Zeit für Innenschau bleibt nicht.

Warum Atkinson immer wieder Angst hat:

Jede neue Winzer-Aufgabe erfüllt Atkinson mit Schrecken:

„Terror is mounting as I open the throttle“,

solche Sätze, natürlich mit Partizip Präsens, liest man wieder und wieder und wieder.

Atkinson musste viele Monate in Frankreich ohne ihren Mann verbringen, dabei unverhofft die Details der Weinproduktion erlernen – eigentlich das Hobby ihres Mannes -, Weinpflückerbrigaden instruieren und Weinschmeckerkurse für Anfänger und Fortgeschrittene belegen (auch die machen ihr Angst). Insgesamt sehr wenig „good life“.

Die ersten 200 von 300 Seiten behandeln die Leiden des Einstiegs mit sehr viel Arbeit. Danach hat Atkinson die Aufgaben leidlich im Griff, redet aber weiterhin meist über Arbeit und verregnete Ernten, der Stress lässt kaum nach. Auf acht Farbseiten lernen wir einige Akteure und Anwesen kennen.

Mein Fazit also:

Ein Hightlight der mediterranen Auswanderer-Bücher ist The Ripening Sun aber nicht, auch wenn englische Presse und Amazon-Kunden noch so jubelten. Bewundern kann man allerdings Atkinsons Leistung, ohne Sprach- oder Winzerkenntnisse ein florierendes Weingut aufzubauen.

Denn obwohl mich die Winzerei en detail nicht interessierte und der Stil kaltließ: Ich habe zu Ende gelesen, weil mich Atkinsons verblüffende Entwicklung über drei Jahre hin fesselte. Jede neue Schwierigkeit hat sie offenbar mit viel Energie und Hingabe überwunden, bis sie schließlich sogar in Gremien zur Weinbegutachtung sitzt und Qualitätsurteile auf Französisch verfasst – und Kunden wie Weinkritiker überschütten sie mit Lob und Aufträgen.

Der Nachfolgeband ist stilistisch und inhaltlich völlig anders.

Noch ein Glas?

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