Südfrankreich-Winzerin: La Belle Saison, von Patricia Atkinson (2005, 2. Buch der Reihe, Englisch) – 6 Sterne

Patricia Atkinson hat ihr Weingut in Südwestfrankreich auf sichere Beine gestellt. Jetzt genießt sie Freunde und kulinarische Freuden in der Region:

Jeweils mehrseitige Beschreibungen liefert sie u.a. über:

Wochenmarkttbesuch, Trüffel suchen, Besuch im Käseladen, Trüffelmarkt, Fasanenjagd mit Gilles, Gerichte mit Trüffeln, Wildschweinjagd mit Manu, Besuch beim Fassmacher und dem Sägewerk, Angeln mit Michel, Weinprobe bei der Konkurrenz, Frösche fangen und verarbeiten wieder mit Gilles, Yorkshire-Terrier kaufen mit Juliana, Enten für foie gras anfüttern, Kräuter und Pilze im Korb ihrer Freundin Juliana, Austernzucht am Meer.

Ein bisschen was erfahren wir auch über den Weinbau. Doch zu diesem Thema berichtete Erfolgswinzerin Atkinson ja schon in ihrem ersten Südfrankreich-Buch The Ripening Sun (2003) mehr als ausführlich.

Alle so freundlich hier:

Die Bekannten, die am Ende des Vorgängerbandes The Ripening Sun noch lebten, kehren in La Belle Saison wieder. Alle lachen und lächeln unentwegt, haben immer Kaffee oder einen Rouge parat, auch mal Champagner oder Whiskey, verabschieden sich mit Küsschen. Nur Atkinsons Flaschenabfüller bekommt manchmal Tobsuchtsanfälle und muss ausgewechselt werden, und Probleme mit Handwerkern gibt es auch.

Jedes Gericht und jedes Getränk beschreibt Atkinson sehr detailliert mit Geschmack, Zutaten und Zubereitung, wenn es auch oft zu lobend klingt – wir bekommen wohlwollende Beschreibungen unter Freunden, jeder Reportagecharakter fehlt. Immer wieder schmeckt etwas „simple and delicious“ und/oder „succulent“. Räume sind „simple and beautiful“ oder „simple and elegant“. Allerdings enthält der Band neben zu viel „good life“ dieser Art auch ein einschneidend trauriges Ereignis, das die Lektüre überschatten kann.

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Zum Gesamteindruck:

Damit liest sich La Belle Saison sehr beschaulich, etwas langatmig, und mitunter wirkt es, als hätte Atkinson manches Ereignis eigens zwecks Buchrecherche besucht – zumal sie selbst sagt, dass Jagd, zuckende Fische, gestopfte Enten und halbierte Eber sie nicht froh machen. Sogar die geschlagenen Eichen, die zu Fässern für ihren Weinkeller werden, tun ihr leid.

Zum Glück für das Buch gibt es einen neuen Mann in Atkinsons Leben – auch er lacht viel, zudem ist er männlich und gutaussehend. Die interessante Geschichte der behutsamen Annäherung verteilt Atkinson auf viele kleine Splitter über das gesamte Buch; typografisch abgesetzt, findet man sie leicht.

Bei diesen Begegnungen immerhin passiert etwas, gibt es eine Entwicklung, auch wenn die Sache zur Buchmitte bereits klar ist. Danach folgen wieder fünf Seiten über die Bäckerei ihrer Freunde, dann noch ein Abendessen mit hinreißender Speisenfolge – die Beziehung nimmt höchstens 20 Prozent des Umfangs ein.

Zu viel Beschreibung:

So wirkt La Belle Saison weit gemächlicher als der stets gehetzte Vorgängerband, The Ripening Sun, in dem Atkinson gegen immer neue Schrecken ihr Weingut fast aus dem Nichts aufbaute. Eigentlich ist La Belle Saison schon zu statisch, zu beschreibend: abgesehen von der Romanze – die nur den geringeren Teil einnimmt – gibt es keine Entwicklung.

La belle saison, der Buchtitel, meint offenbar eine besonders schöne Zeit am Ende des südfranzösischen Sommers: Die große Hitze ist vorbei, es wachsen schon Pilze, und die Weinlese steht noch nicht unmittelbar bevor. Allerdings beschreibt Atkinson in ihrem Buch nicht nur diese Zeit, sondern die Geschichten verteilen sich mehr oder weniger auf ein ganzes Jahr (in 16 Kapiteln).

Einige sprachliche Eigenheiten rettet Atkinson aus Band 1 herüber:

So schreibt sie im Präsens, verwendet zuviel Partizip Präsens und bestimmte Eigenarten ihres Personals wiederholt Atkinson viel zu oft, etwa Julianas lautes Lachen und die Inkontinenz von Julianas Hündchen.

Außerdem benennt sie vieles auf Französisch. Das wird vielleicht einmal übersetzt, aber ab dem zweiten Mal nicht mehr, darunter vendange, sanglier, chevreuil, gibier, und im letzten Drittel kredenzt Atkinson oft auch ganze Sätze.

Hier vernachlässigt Atkinson ihre nicht frankophonen Leser; ich jedenfalls komme mit romanischen Sprachen meist zurecht, habe aber bei Atkinson nicht alles verstanden und mich deswegen geärgert – und zwar nicht über mich, sondern über Atkinson und ihre Lektoren.

Wie verwurzelt ist Atkinson in Südwestfrankreich?

Wie im ersten Buch stellt Atkinson keine Vergleiche zwischen England, in dem sie die ersten 40 Jahre ihres Lebens verbrachte, und Frankreich an. Sie sagt auch nicht, ob sie von den Franzosen als mitunter Ausländerin oder Engländerin angeredet wird. Sie wirkt im Buch jederzeit bestens integriert und in einer Atkinson-Doku auf Vimeo von 2010 (unmittelbar oberhalb) erfahren wir, dass sie auch für die Lokalzeitung schreibt und dass Frankreich ihr Land sei.

Anders als das Vorgängerbuch hat La belle saison keine Farbtafeln im Buchinnern. Die vordere innere Umschlagseite (U2) zeigt Atkinson groß vor Weinstöcken, und die U4 hat noch ein paar winzige Südfrankreichfotos – Agenturmaterial, das eventuell nicht aus der Umgebung Atkinsons stammt.

Fazit:

La Belle Saison ist eine schöne Einführung in die Sinnenfreuden und Handwerke der Region. Man muss das Vorgängerbuch nicht unbedingt lesen, zumal es weitaus hektischer wirkt; doch zusammen mit The Ripening Season entsteht ein runderes Bild von Atkinsons Leistung ab dem Umzug nach Südwestfrankreich, und Sie lernen die Figuren besser kennen.

Spannend ist La Belle Saison nicht, und auch kein Highlight im Genre der Auswanderer- und Good Life-Bücher.

Noch ein Glas?

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