Rezension SO-Asien-Roman: Tage in Burma, von George Orwell (1934, engl. Burmese Days) – 7 Sterne

Orwell schreibt flüssig und in leichtem Englisch. Gleich auf den ersten Seiten setzen Entwicklungen und Konflikte ein, die das Interesse bis zur letzten Seite wachhalten. Hinter jeder zweiten Doppelseite scheint eine wichtige Wendung oder dramatische Begegnung zu warten, so dass man kaum absetzen mag.

Dialoge machen den Roman von 1934 lebendig, die kurzen Rückblenden halten kaum auf. Man erfährt einiges über britische Kolonialisten am Ende der Welt und auch über ihre einheimischen Unterlinge. Orwell benutzt zahlreiche burmesische und Hindi-Begriffe ohne Erklärung, meist kann man den Sinn erschließen (anders als bei Burgess‘ malaysischer Trilogy The Long Day Wanes gibt es kein Glossar).

Allerdings hatte Orwell wohl noch nicht die richtige Distanz zu seiner eigenen Burma-Zeit (1922 – 1927):

Viele Portraits wirken beißend verächtlich und platt satirisch, als ob er es bestimmten Personen mal so richtig reinreiben wollte: Da sind der grobe Rassist, der stumpfe Soldat, das dumme Blondchen, diverse Säufer und Hurer (die erste US-Ausgabe wie auch heutige Ausgaben verwenden offenbar die Klarnamen der lebenden Vorbilder). Die Hauptfigur ist ein Jammerlappen, dessen mangelnde Menschenkenntnis den Leser verstört und der unentwegt über sein Gesichtsmal nachdenkt (dt. Titel Tage in Burma; ich hatte die englische Fassung, Burmese Days).

Die meisten Engländer in diesem Roman behandeln die Burmesen mit äußerster, teils atemraubender Verachtung – der größere Teil des Buches ist selbst Erlebtes, schrieb Orwell später. Sympathisch wirkt niemand in Burmese Days, auch nicht die einheimischen Diener, Marketender und Mätressen, die um Vorteile intrigieren. Manche Dialoge wirken eher wie ein Durchexerzieren kolonialer Denkmuster, z.B. Inder versus Engländer. Die Engländer kommen generell schlecht weg: Kaum einer der vielen Hot Country-Romane in meinem Schrank stellt den Kolonialismus so bloß, außer vielleicht Die Wüstenrose von de Montherlant.

Erdrückende Hitze in der Kleinstadt:

Die mal staubige, mal nasse, aber immer erdrückend heiße Umgebung wird sehr lebendig. Der Volksaufstand reißt mit. Das ganze Buch spielt jedoch nur in einer Kleinstadt und dort nur in drei oder vier Häusern, von zwei kurzen Trips in den Busch abgesehen. Es wirkt beengt wie ein Theaterstück, aber möglicherweise ist das Absicht.

Zu meiner Penguin-Ausgabe gehört ein Vorwort von Emma Larkin (Pseudonym), die auch ein exzellentes vollständiges Buch über Orwell in Burma schrieb. Wer mehr Belletristik aus der britischen Kolonialzeit sucht, wird fündig bei den malayischen Kurzgeschichten von W. Somerset Maugham (und der auch Gentleman in the Parlor schrieb, einen sehr oberflächlichen Reisebericht zu Burma) oder bei The Long Day Wanes von Anthony Burgess. Bei Maugham spielen die Einheimischen kaum eine Rolle.


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