Rezension Sklaverei-Roman: Der Vizekönig von Ouidah, von Bruce Chatwin (1980) – 7 Sterne

Chatwin beschreibt sehr unterschiedliche Zeiten und Räume: Benin im 20. Jahrhundert (da hieß es noch Dahomey), Benin im 19. Jahrhundert, brasilianisches Hinterland im 19. Jahrhundert – und das teils nicht chronologisch. Das erratische Verhalten der Hauptakteure führt zu weiteren eigentümlichen Handlungssprüngen, man könnte fast sagen -brüchen. Der kurze Roman hat vor allem im ersten Teil wenig Zusammenhalt.

Dazu kommt: Das Buch beschreibt zwar immer im weitesten Sinn die Hauptperson; die jedoch hat 63 Söhne, ungezählte Töchter und hunderte weitere Nachfahren. Da geht der Stoff nicht aus und man hört oft über viele Seiten lang nichts von Francisco Manoel da Silva selbst.

Stark geschrieben:

Chatwin schreibt sehr eindrücklich, mit vielen drastischen Details, nicht immer für Sensible. Man hat den Eindruck, er stand direkt daneben, schon damals in Brasilien und Dahomey (heute Benin), wenn Ameisen Häuser unterminieren, Händler kranke Sklaven an Zigeuner verramschen und Hühner auf Voodoo-Altären das Leben lassen.

Es wirkt profund recherchiert, dabei dennoch nicht so authentisch plastisch wie andere Hot-Country-Schreiber, etwa Naipaul oder Adiga. Manchmal denkt man, die nüchterne Aneinanderreihung verblüffender und betont drastischer Details aus dem Benin von vor 200 Jahren folgt bestimmten roman-technischen Stilvorgaben. Detailhuberei.

Ich hab’s auf Englisch gelesen. Es ist eindeutig schwerer als Naipaul, Adiga oder ein Lonely-Planet-Reiseführer.

Zur Roman-Verfilmung:

Der Film „Cobra Verde“ basiert lose auf Chatwins Roman „Vizekönig von Ouidah“. Der Film hat fantastische und ungewöhnliche Bilder, Klaus Kinski zeigt die Hauptfigur als effeminierten Irren, durchgeknallter als im Buch.

Die Kapitel über die Nachfahren erscheinen nicht im Film, der Brasilienteil wurde stark verändert, der Benin-Teil auf Kosten der Glaubwürdigkeit massiv gekürzt. Trotzdem ein Erlebnis.


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