Sizilien-Spielfilm: Il Postino – Der Postmann (1994; mit Trailer) – 6 Sterne

Es war einmal… auf einer kleinen süditalienischen Insel: Kellnerin Maria Grazia Cucinotta hat ein wahrlich halluzinogenes Dekolletee, allein, man kommt nicht recht an sie ran. Bis Briefträger Massimo Troisi der Trick einfällt: Er betört die spröd Kokette mit Metaphern und Poesie. Dabei hilft ihm kein Geringerer als Dichterfürst Pablo Neruda (Phillipe Noiret), der zum Glück gerade auf der Insel domiziliert (verfilmt nach dem Roman Mit brennender Geduld von Antionio Skármeta) (alle Literaturverfilmungen auf HansBlog.de).

Dies sind die schönsten Szenen des Films:

Troisi und Neruda-Darsteller Philippe Noiret tauschen sich über Poesie aus und finden manch köstliche Wendung, die Sätze fliegen aufs Unterhaltsamste und machen Lust auf die Buchvorlage. Nach einigem Wort-Wechsel wird die widerspenstige Kellnerin aufs Korn genommen – und ecco, sie erliegt dem literarischen Süßholz.

Die zornige Klischee-Tante bietet noch einen Kirchenmann als Gegenmittel auf, doch nichts hilft mehr. Das Ganze natürlich in ärmlich pittoreskem Mediterran-Ambiente.

Die erste halbe Stunde quält indes:

Nerudas Ankunft auf der Insel, Troisis häusliche Situation mit dem verstörend apathischen Vater, Troisis Anheuern als Briefträger, Troisis Annäherung an den zunächst desinteressierten Literaten – bis zur ersten gesprochenen Metapher schleppt sich der Streifen zäh und mühsam dahin.

Seltsam auch, dass die stattliche Anna Bonnaiuto als Nerudas Partnerin in wenigen Szenen erscheint, aber weit häufiger nicht zu sehen ist, obwohl sie doch zum Haushalt gehört. Gegen Ende zerfällt die Handlung, der Film wirkt wie künstlich verlängert.

Man sagt, dass Hauptdarsteller Massimo Troisi in Gestik und Mimik ideal einen Neapolitaner verkörpert; wie auch immer, ich fand ihn fast etwas unbewegt und starr. Troisi war während der Dreharbeiten schwer herzkrank und starb kurz danach.

Probleme bei den Dreharbeiten:

Im Audio-Kommentar erzählt Regisseur Radford in sehr klarem Englisch ausführlich von den schwierigen Drehharbeiten mit Troisi, der nur eine Stunde täglich arbeiten konnte und häufig durch Rücken-Doubles ersetzt wurde. Von diesen Problemen merkt man als Betrachter wenig.

Eher schon fällt der Wechsel zwischen Studio- und wechselnden Originaldrehorten auf, der das Ergebnis etwas künstlich wirken lässt. Im italienischen O-Ton nuschelt Troisi stark, die ganze italienische Tonspur (auf meiner nicht-deutschen DVD) klingt ohnehin ausgesprochen schlecht.

Nach einigen Zeitungsberichten nuschelte Troisi aber auch in früheren Filmen schon so, dass selbst sein Regisseur ihn kaum verstand. Neruda verbrachte 1952 tatsächlich Zeit auf Capri, eine spezielle Freundschaft mit einem Briefträger gab es aber wohl nicht.

Es fällt in der Tat schwer, diesen Film nicht zu mögen. Ich mag ihn aber deswegen nicht gleich preisen.


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