Rezension Schweiz-Roman: Die toten Männer, von Lukas Bärfuss (2002) – 7 Sterne

Der Ich-Erzähler schwärmt von einer Welt ohne Liebe und bevorzugt behelfsweise „Liebe ohne Gefühle“ wie bei seiner alten Mutter, die er sich gut in Edelstahlausführung vorstellen kann. Mit leicht abstrusen, aber genau geschilderten und auch etwas faszinierenden Gedanken will der EQ-Autist sich von allen und jedem distanzieren, verstrickt sich aber nur immer mehr mit seiner Umwelt.

Kleine Erlebnisse:

Dabei verallgemeinert der Ich-Erzähler nicht, sondern reiht die kleinen Begebenheiten eines Sommers aneinander – so etwa Fliegen in Nasenlöchern von aufgebahrten Toten. Erst weit in der zweiten Hälfte geschehen entscheidende Dinge.

Das dünne gelbe Suhrkamp-Bändchen sieht aus wie ein zu groß geratenes Reclamheft. Ich habe die 125 Seiten an einem einzigen Nachmittag flüssig heruntergelesen. In Klagenfurt wurde es verrissen, ich jedoch fand es keinesfalls „sterbenslangweilig“.

Bekannter als Bärfuss‘ Prosa-Erstling Die toten Männer ist wohl sein Roman Hundert Tage (2008) über den Völkermord in Ruanda. Beide Bücher sind eher kurz und von schmucklosem Deutsch, wobei Die toten Männer weniger gehetzt und hingeschludert klingt – vielleicht ist es nur besser lektoriert; es gibt auch etwas mehr Dialog und weniger indirekte Rede.

Ankündigungspolitik:

In beiden Büchern zeigt der Autor eine Tendenz, entscheidende Momente gar nicht zu beschreiben, sondern erst dramatisch anzukündigen und später nur in der Rückschau ohne Details darüber zu reden. In beiden Büchern freilich wirkt die zentrale Paarbeziehung nicht sonderlich realistisch.

Anders als Hundert Tage hat Die toten Männer keine politische Ambition. 2014 erschien Bärfuss‘ Suizid-Roman Koala.

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