Sahara-Kolonial-Roman: Die Wüstenrose, von Henry de Montherlant (1968) – 3 Sterne

Weitschweifiger Roman über trantütigen französischen Sahara-Leutnant

Marokko, französische Kolonie, in den 30ern: Oberleutnant Auligny wird auf einen entlegenen Posten in der Sahara versetzt. Bald mietet er sich die 14jährige Marokkanerin Ram zum Kuscheln. Die Beziehung ist erst geschäftsmäßig, bekommt dann aber Dynamik.

Sehr weitschweifig:

Mit dieser Beziehung füllt de Henry Montherlant freilich nur den kleineren Teil der 480 Seiten. Der Rest ist Räsonnieren und Abschweifen zu Kolonialismus und Militärpolitik (dt. Die Wüstenrose, frz. La rose du sable, engl. Desert Love und Desert Rose).

Wir erfahren auch einiges über Aulignys Künstler-Bekannten Guiscart, der meist in Afrika herumschweift und zahllose flüchtige Frauenbeziehungen eingeht – in diesen Punkten de Montherlant nicht unähnlich (der allerdings Männer suchte). Montherlants Roman wird auch im Buch The East, the West and Sex gewürdigt.

De Montherlant schreibt leicht lakonisch, salopp, bisweilen klingt er säuerlich maliziös. Er platziert zahlreiche Seitenhiebe gegen Gott und die Welt, nicht zuletzt gegen Franzosen, französische Politik, französischen Kolonialismus, das Militär und seinesgleichen, nämliche französische Adlige. Das klingt nie geistreich oder erheiternd, eher verbittert besserwisserisch bis selbstherrlich.

Um Frankreich nicht zu schaden, ließ Montherlant seinen deutlich antikolonialen Roman, der schon 1932 fertig war und 1938 und 1954 in Teilen herausgekommen war, erst 1968 vollständig erscheinen; dort waren wieder andere Stellen entfernt, wie auch jeweils in meiner deutschen Übersetzung angemerkt (Details hier und hier).

Zu lang – trotz einiger Streichungen:

Oft schweift de Montherlant zu weit ab, schildert zum Beispiel über mehrere Seiten das Leben eines vermeintlich betrügerischen Arabisten namens Combet-David, der eine Rolle in der Vergangenheit einer anderen Nebenfigur gespielt hatte. Vermutlich wollte de Montherlant damit einem tatsächlich bekannten Forscher eins auswischen, doch für mich wirkten die Seiten schlicht überflüssig – und davon gibt es mehr Beispiele, zum Beispiel auch die Racine-Verehrung des Vaters der Hauptfigur, und viele Exkurse zu Kolonialpolitik und Militärgebaren.

Das Kuriose dabei: Wo diese überflüssige Passage über den Arabisten endlich endet, notieren die Übersetzer, wie so oft: „Fünfzehn Zeilen gestrichen.“ Diese Hinweise gibt es immer wieder, hier hatte de Montherlant selbst die 1968er-Ausgabe der eigentlich vollständigen Wüstenrose gekürzt. Er hätte noch weit öfter zum Rotstift greifen sollen. An einer Stelle freilich entfernte de Montherlant den Inhalt einer Zeitungslektüre – Texte, die den Gefühlszustand der Hauptfigur Auligny verändern und sein Leben beeinflussen; doch was Auligny da gelesen hatte, erfährt man nicht.

In seinen Wortschwall bettet de Montherlant mitunter reizvolle Beobachtungen. So betrachtet Auligny mit einem anderen Militär Luftaufnahmen, die zur Planung eines Angriffs dienen – doch Auligny sucht nur nach dem Haus seiner Geliebten. Auch manche Dialoge haben mir gefallen. Aber gelegentlich musste ich auch drei Seiten überblättern.

Übersetzung und Anmerkungen:

Als Übersetzer nennt meine Ausgabe Ernst Sander und Karl von der Lieck. Das Deutsch klingt vor allem im ersten Teil kräftig und plausibel, überhaupt lässt sich der Roman in der deutschen Fassung sehr leicht lesen (sieht man von de Montherlants Weitschweifigkeit ab). Der zweite Teil zeigt Übersetzungsschwächen, zum Beispiel Ausdrücke wie „zedieren“, und Flüchtigkeitsfehler.

Die gelehrten Übersetzer statten den Roman auch mit 124 Anmerkungen aus, die de Montherlants Spitzfindigkeiten erklären, etwa arabische Begriffe, geschichtliche Anspielungen oder versteckte Hinweise auf La Fontaine oder Racine. In ihren Erklärungen verwenden die Übersetzer wiederum neue nicht so weit verbreitete Begriffe wie „Argot“ oder „semitische Sprachen“.

Im Roman verbleiben Ausdrücke, die ich nicht kenne, wie Galimathias. Ein oder zweimal sagt de Montherlant sogar selbst, dass der Leser bestimmte Bezüge nicht verstehen werde, und Erklärungen von Autor und Übersetzern bleiben aus. Danke.

Ich habe wohlgemerkt das Gesamtbuch gelesen, das in der dtv-Ausgabe 484 Seiten plus Anmerkungen belegt, offenbar die Fassung von 1968 (die der Autor wie oben gesagt selbst gekürzt hatte). Es gibt scheinbar unter demselben Titel Wüstenrose auch eine gekürzte Fassung, die nur die Beziehung der Hauptfigur zur blutjungen Ram enthält.

Selektive Lektüre:

Wer die dtv-Gesamtfassung hat, sich aber auf die Mann-Frau-Geschichte konzentrieren will, könnte an einer dieser Stellen im Buch beginnen:

  • Beginn Kapitel 4, Seite 68: Eintreffen Aulignys in seinem Garnisonsort Birbatine, oder
  • S. 99: Auligny interessiert sich erstmals für „Araberinnen“ und trifft bald darauf sein Pendant, die junge Ram

Der erste Buchteil endet auf Seite 261. Anschließend bleibt Ram zwar im Leben Aulignys, wird aber eine Weile kaum noch erwähnt. Allerdings:

  • Spätestens auf Seite 359 beginnt eine Veränderung, die für die spätere Entwicklung wichtig ist.
  • Auf Seite 383 tritt Ram „goldglänzend“ wieder ins Geschehen

Freie Assoziationen zu anderen Büchern:

  • Travels in West Africa, von Mary H. Kingsley: auch in diesem Bericht einer historischen Afrika-Reise erscheinen immer wieder Hinweise auf gestrichene Passagen
  • Das Herz aller Dinge bzw. The Heart of the Matter, von Graham Greene: Ein kolonialer Machthaber lernt einen örtlichen, nicht ganz durchschaubaren Krämer kennen
  • Himmel über der Wüste (engl. The Sheltering Sky), von Paul Bowles: Südmarokko, seltsame Liebe

Zurück zur Wüstenrose: Der weitschweifige Roman erschien offenbar einst in der renommierten Edition Suhrkamp. Ich hatte ihn als dtv-Ausgabe; sie bringt nach Romantext und Anmerkungen noch Werbung für zahlreiche Romane.

Nur ein einziger Roman wird mit einer ganzen Seite beworben: An der Biegung des großen Flusses von V.S. Naipaul. Denn er ist der wahre Meister.

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