Roman-Kritik Ruanda-Genozid: Hundert Tage, von Lukas Bärfuss (2010) – 7 Sterne

Eine explosive Mischung aus Völkermord, körperlicher Liebe, Entwicklungspolitik, Obsession, Afrika, Schuld, innerafrikanischem Rassismus, Gräueln, Blut, Verantwortung, Tierliebe, Gewissenskonflikten, Aids: Sex & Crime maximal, und den zweiten Buchteil sollten Sensible nicht beim Essen lesen.

Im Absurdistan der Entwicklungshilfe:

Gleich am Anfang wird erwähnt, dass dieser Roman in die Katastrophe schlittert, dass Hauptfiguren leiden werden, aber es entwickelt sich ganz langsam. Zur Überbrückung liefert Bärfuss reizvolle Einblicke ins Absurdistan der Entwicklungshilfe, in Ruanda gab es „nicht einen Hügel ohne Entwicklungsprojekt“ und letztlich hilft die Hilfe auch beim Völkermord – wie Bärfuss immer wieder betont.

Man mag das Buch nicht weglegen, denn man will wissen, wann der Sturm losbricht, wie der Erzähler schließlich wieder herauskommt. Die entscheidenden titelgebenden 100 Tage nehmen nur einen kleinen Teil des kleinen Romans ein, der insgesamt mehr als vier Jahre umfasst, und die Beziehung zu Agathe wird zwar oft beschworen, auf der Mehrzahl der Seiten agiert Agathe aber nicht selbst.

Dramatische Situationen:

Die Entwicklungshelfer meinen es gut und helfen doch unbewusst den Mördern. Die Konflikte scheinen unlösbar. Bärfuss manövriert den Ich-Erzähler mehrfach in schwierige, lebensgefährliche Situationen, in denen er sich zwischen Schuldgefühlen und leerem Magen entscheiden muss. Nur mit einem Höchstmaß an Zynismus übersteht die Hauptfigur die unauflöslichen Probleme.

Die Handlung gewinnt echte Dramatik allerdings nur, weil sich die Hauptfigur unrealistisch dumm verhält, auch die „Liebe“ zu Agathe erscheint schwer nachvollziehbar. Teils schreibt Bärfuss echte Handlung, einzelne Episoden; andere Abschnitte verallgemeinern und geben Stammtischkommentare oder landeskundlichen Überblick – beim politischen Geschehen und in der Liebe. Dennoch schafft Bärfuss eine dichte Atmosphäre.

Einige Aspekte spricht Bärfuss gezielt nicht an:

  • Die andere Hautfarbe, irgendeine mythische Exotik oder Undurchschaubarkeit der Ruander werden nicht erwähnt – so anders als etwa bei Joseph Conrad.
  • Im Gegenteil, Bärfuss‘ Ich-Erzähler betont immer wieder, die Ruander funktionierten so perfekt wie Schweizer, die ihnen deshalb so gern und so naiv helfen, und das auch im Völkermord; hier wartet man auf Parallelen zu Srebrenica oder Nazideutschland, sie bleiben jedoch aus

Sprachlich überzeugt mich dieser Roman nicht. Seit langem habe ich mal wieder etwas auf Deutsch von einem deutschsprachigen Autor gelesen, über Afrika noch dazu, mich auf die Muttersprache gefreut, und bekam Sätze wie diesen hingeknallt (Seite 35 der btb-Ausgabe; 70 Wörter):

„Ihr Vater, den man den General nannte, kümmerte sich um den Schutzgürtel aus Fichten und Eukalyptusbäumen, den er persönlich um den Urwald gepflanzt hatte, eine Kompanie Frontschweine aus der forstwirtschaftlichen Schule Nyamishaba vor sich hertreibend, die er keinen Moment aus den Augen lassen durfte, weil man den Zöglingen zwar die lateinischen Namen eines jeden Unkrautes eingetrichtert hatte, nicht aber die Fähigkeit, auch nur eine halbe Stunde ohne Aufsicht zu arbeiten.“

Grammatische und inhaltliche Ungenauigkeiten, wo blieb das Lektorat, nur einzelne Beispiele:

  • „Er, der Vorsteher, habe gleich gesehen, dass die Wunde am Kopf zwar tief, aber doch nur eine Schramme war, verglichen mit dem Hieb, dem (sic) dieser Ast Goldmanns Stolz versetzt hatte.“ (Seite 41)
  • Zwei Reisende „nahmen … ein Zimmer im Ibis, ein Hotel an der Hauptstraße…“ – also ein einziges Zimmer für beide gemeinsam? Später gingen sie „auf unsere Zimmer“. (Seiten 41, 43)
  • Weiße werden meist als Umuzungu bezeichnet, dann aber ohne Erklärung als Abazungu. (Seite 45; es gibt kein Glossar; der zweite Ausdruck ist die Pluralform)

Der gefeierte Theaterautor Bärfuss füllt lange Absätze mit langen Sätzen praktisch ohne Dialog, dafür mit viel indirekter Rede, die immer etwas maniriert wirkt. Die ausgedehnten Sätze erzeugen einen atemlosen und leicht  anklagenden Ton. Die fehlende Kapitelunterteilung unterstreicht noch das Gehetzte – nur Absätze ohne Leerzeile und alle paar Seiten ein Absatz mit Leerzeile, mehr Pause gewährt Bärfuss nicht.

Eine Meinung zu Bärfuss‘ Duktus findet sich in den meisten professionellen  Rezensionen nicht. Doch um wieviel besser klingen, in der Originalsprache, Naipauls große Afrikaromane, aber auch Hemingway, Theroux, sogar Conrad oder Greene.

Umständliche Konstruktion:

Und noch eine Formalität, die mich stört. So wie die Mutter aller Afrika-Romane, Conrads Heart of Darkness, hat auch Hundert Tage eine Rahmenhandlung: Hauptakteur David Hohl sitzt in der Schweiz mit einem Jugendfreund zusammen und erzählt seine Afrika-Erlebnisse. Der erste Ich-Erzähler im Roman ist also der Jugendfreund, der immer wieder zum zweiten Ich-Erzähler David Hohl überblendet.

Auf den frühen Seiten wird nicht immer auf Anhieb klar, wer gerade redet – der erste oder der zweite Ich-Erzähler. Dann jedoch verschwindet der Jugendfreund, verschwindet die Schweizer Rahmenhandlung, für sehr lange Zeit. Man hat sie im Hinterkopf, wartet auf die nächste Rückblende in die Schweiz, aber der Fokus bleibt bei der Binnenhandlung; das wirkt unstimmig. Dazu kommt wie erwähnt, dass der Ich-Erzähler teils stark verallgemeinert und Länderkunde oder Stammtischkommentare ausstößt, statt etwas konkret zu erleben – insgesamt also keine starke Romankonstruktion, aber ein  eindrucksvolles Thema.

Trotz aller Einwände hat mich der Roman halbwegs gefesselt und noch Tage nach der letzten Seite gedanklich beschäftigt.

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