Romankritik: Zenos Gewissen (Zeno Cosini), von Italo Svevo (1923) – 8 Sterne


Auf Anraten seines Arztes schreibt der Handelsmann Zeno Cosini sein Leben nieder. Dabei geht er nicht streng chronologisch vor, sondern nach Themen: Zigaretten, Tod des Vaters, Eheschließung, Eheleben und Geliebte, Geschäftsleben.

Fazit:

Über knapp 540 von rund 590 Seiten Haupttext wirkt der Roman ebenmäßig, durchdacht und uneitel – fast ein Meisterwerk alter Schule. Italo Svevo (1861 – 1928) schreibt stets plausibel und mit plastischen, lebensechten Details.

Italo Svevo erfindet viele unauffällig komödiantische Szenen, selten so deutlich wie an dem Nachmittag, da Zeno Cosini dem falschen Trauerzug folgt und deshalb die richtige, wichtige Beerdigung verpasst; berühmt ist natürlich auch die Szene im dunklen Zimmer, in dem er die Angebetete mit ihrer Schwester verwechselt. Das lange Kapitel zum Geschäftsleben könnte inhaltlich ermüden; mir aber gefiel es, zumal der Autor die Abläufe sehr konkret schildert und der Rückblick auf Ereignisse aus vorherigen Themenkapiteln wie Eheleben reizvolle neue Erkenntnisse liefert.

Die letzten knapp 50 Seiten unter dem Titel „Psychoanalyse“ heben sich deutlich vom vorherigen Text ab und hielten meine Aufmerksamkeit kaum; sie führen aber dazu, dass man den Einstieg erneut liest.

Zenos Gewissen ist deutlich besser geschrieben als Svevos viel früherer Roman Ein Mann wird älter/Senilità. Dort klingt der Erzähler altklug, besserwissend und stützt sich mehr auf allgemeine Erklärungen, weniger auf Dialoge und konkrete Handlung.

Die Svevo-Biografen Bondy/Gschwend erklären die Romanfigur Zeno Cosini zum „Doppelgänger“ Italo Svevos (S. 73). Der Ton des Ich-Erzählers Zeno C. erinnert in der Tat manchmal an Svevo-Briefe, die Bondy/Gschwend wiedergeben.

Freie Assoziationen:

  • Svevos Zeno-Fortsetzung Mein Müßiggang im gleichnamigen Kurzgeschichtenbändchen, auch wegen einer neuen außerehelichen Beziehung (von den weiteren überlebenden Akteuren ist kaum die Rede)
  • Svevos Geschichte vom alten Herrn und dem schönen Mädchen, wie Zenos Gewissen ein Spätwerk: in beiden Büchern verlustiert sich ein älterer Sugardaddy mit einem hübschem mittellosem Ding, deren Mutter ist Teil des Gesamtpakets, und er denkt fortwährend über einen Ausstieg und ihre Rettung vor der bösen Männerwelt nach; der letzte Zeno-Teil und die Geschichte vom alten Herrn spielen im ersten Weltkrieg
  • Italo Svevos Erstlingsroman Ein Leben wegen Büroalltags und unfähiger Hauptfigur
  • Auch in Svevos viel früherem Roman Ein Mann wird älter/Senilità lacht sich ein Herr von Stand eine Jüngere, Ärmere als Gspusi an
  • Joseph Hellers Roman Was geschah mit Slocum/Something Happened: In beiden Romanen kreist der Ich-Erzähler unentwegt um sich selbst und um seine Umgebung, spricht unangenehme Dinge aus, übernimmt Eigenschaften von anderen, z.B. den Hinkegang
  • Erneut Joseph Hellers Was geschah mit Slocum/Something Happened sowie außerdem Martin Walsers Ehen in Philipsburg: In allen drei Romanen betrügt der selbstgerechte Ehemann seine hochgeschätzte Ehefrau mit wesentlich Jüngeren; bei Svevo/Zeno: „An Carlas Seite lebte meine Leidenschaft für Augusta völlig ungebrochen wieder auf… tatsächlich vergötterte ich in diesem Moment meine Frau…, die ich tagtäglich betrog“ (S. 287, 296)
  • Eine Familie, ein Handelshaus in der Stadt am Meer, ein untauglicher Junior-Filou und ein geschäftlicher Niedergang: das erinnert teils an Thomas Manns Buddenbrooks.

Zur Übersetzung:

Ich hatte die Übersetzung aus dem Italienischen ins Deutsche von „Barbara Kleiner unter Mitwirkung von Edgar Sallager“ in der unaufdringlich schön gestalteten 2000er-Hardcover-Ausgabe von Zweitausendeins (1. Auflage, Textredaktion Moshe Kahn). In einer interessanten „Nachbemerkung“ schreibt B. Kleiner: Während frühere Übersetzungen (unter dem Titel Zeno Cosini) die Geschichte elegant, aber zu frei nacherzählten, mit Auslassungen und anderen Verfälschungen, wolle sie, Kleiner, „Semantik und Syntagma des Originals im Deutschen so genau wie möglich nachbilden“. Bei diesem Verfahren entstehe ein weniger einschmeichelndes Deutsch, weil Italo Svevo, eigentlich Ettore Schmitz, gar nicht so firm im Schrift-Italienischen war und teils eigenwillig textete. Sie erwähnt Besonderheiten wie „die ständigen Brüche im semantischen Register“, so dass scheinbar nicht zusammenpassende Begriffe in einem Satz erschienen. (Barbara Kleiner übersetzte auch weitere Svevo-Titel neu.)

Dabei ergibt sich ein etwas sprödes, aber meist lesbares Deutsch. Gelegentlich schienen mir Sätze fraglich, nicht ganz logisch, Konjunktionen unpassend, Bezüge undurchsichtig etc. Ob das nun an Autor oder Übersetzerin lag, weiß ich nicht.

Was heißt zum Beispiel dies (S. 411 der 2000er-Zweitausendeins-Ausgabe, beim Angeln): „Daher begriff ich nun auch den Schmerz des stummen Tiers, da dieses Dem-Tod-Entgegeneilen ihn förmlich hinausschrie.“ Oder was ist (S. 446) „ein Urteil meinerseits zwischen ihm und Ada“? Weitere Dinge klingen merkwürdig, u.a. S. 377f : „…unser kleines Büro mit Phantasieprodukten anzuräumen“. Einmal verschickt Zeno-Compagnon Guido eine Auswahl fertig eingetüteter Werbebriefe gegen den ursprünglichen Plan doch nicht, und Kleiner formuliert (bewusst?) doppeldeutig (S. 378), „die von ihm ausgeschiedenen Rundschreiben“.

Es gibt auch klar verständliche, aber zu sperrige Konstruktionen wie S. 20:

Der Vorsatz, jedesmal in Treu und Glauben von neuem gefaßt, fand seinen entsprechenden Ausdruck in der Intensität der Farbe, welche die für den vorherigen Vorsatz aufgewendete zum Verblassen bringen musste.

Ich fand dazu ein paar unschöne Deutschfehler wie „der… entscheidenste ((sic)) Teil meines Lebens“ (S. 45), „jede einzelne Stunde dieser Tage waren ((sic)) quälend“ (S. 139), „wegen all dem ((sic))“ (S. 284).

Die 2011er-Neuausgabe dieser Kleiner-Übersetzung bei Manesse/Random House wurde laut FAZ „überarbeitet“ und sei „ebenso elegant wie klar“. Ich wüsste gern, ob die Kleiner-Übersetzung bei Manesse wirklich besser ist als die früher erschienene Kleiner-Übersetzung bei Zweitausendeins. Zur Übersetzung bei Zweitausendeins sagte Maike Albath im DLF, man hätte teils „etwas freier übersetzen können – vor allem die syntaktische Treue wirkt mitunter allzu hölzern“. Ganz meine Meinung.

Ich kenne nun die erste Übersetzung nicht, die Svevo-Freund Piero Rismondo unter dem Titel Zeno Cosini besorgte. Womöglich klingt sie aber gewandter und vollmundiger als Kleiners Eindeutschung, wenn auch nicht so textgetreu. Gelesen haben ich Rismondos Übersetzungen der Svevo-Kurzgeschichten Mein Müßiggang und Meuchlings; beide sind sprachlich ein Genuss – und *womöglich* nicht so nah am Original.

(Doch Übersetzungen sind immer ein Dilemma: Liest man die (mehr bis weniger verfälschende) Übersetzung oder das (anstrengendere) Original? Wenn Übersetzung, wünscht man eine elegante, das Original womöglich redigierende Übertragung oder eine möglichst textgetreue und damit auf Deutsch weniger eingängige Fassung? Einfach wäre es, wenn allein der Markt deutschsprachiger Originale genug Lesestoff für (m)ein Leben böte, aber davon sind wir weit entfernt, und das trotz 100 Mio DE-Sprechern.)

Meine Zeno-Ausgabe enthält zudem willkommene Anmerkungen von „A. N.“ zu unbekannten Begriffen; einige italienische Ausdrücke und Buchtitel bleiben jedoch unübersetzt, und es heißt nicht „Geleotto“ (sic, S. 595).

Dem folgt ein knapp 20seitiger Essay von Wilhelm Genazino, der einem anderen Genazino-Band entstammt und Svevos Leben und Romane, dazu knapp seine Erzählungen behandelt (die Manesse-Ausgabe hat ein Nachwort der Italien-Spezialistin Maike Albath, ich weiß nicht, ob es Überschneidungen mit ihrer langen Zeno-Besprechung von 2001 gibt).

Genazino erklärt, Zeno Cosini mache Augusta im abgedunkelten Spiritistenzimmer „aus Versehen“ (S. 608) einen Heiratsantrag; das stimmt nicht: Den Heiratsantrag spricht Zeno Cosini *außerhalb* des okkulten Zimmers bei guter Sicht (S. 184f):

Ich sah mich um auf der Suche nach Augusta. Sie war auf den Flur hinausgegangen… sie lehnte sich an die Wand, um auf mich zu warten.

Dem folgt – sehenden Auges – der Heiratsantrag. Im dunklen Spiritistenzimmer gab es zwar zuvor amüsante Verwechslungen und Beichten; aber Zeno bat Augusta dort nicht um die Ehe.

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