Romankritik: Zärtlich ist die Nacht, von F. Scott Fitzgerald (1934, engl. Tender is the Night) – 5 Sterne – mit Hintergründen, Video & Pressestimmen

Das US-amerikanische Ehepaar Dick und Nicole Diver lebt in den 1920ern ohne Geldsorgen in Südfrankreich und Zürich. F. Scott Fitzgerald verarbeitet hier wie fast immer sein eigenes Leben und das seiner Frau, also geht es auch um Nervenkrankheit, scheiternde Träume und Alkoholismus – Fitzgeralds entsprechender Lebensabschnitt heißt in der Bruccoli-Biografie „A Drunkard’s Holiday, 1925 – 1931“ (nach einem verworfenen Romantitel). Diese Themen erscheinen im Roman jedoch wenig aufdringlich und undramatisch.

Heterogen:

F. Scott Fitzgerald schreibt mit federleichtem, flüchtigem Ton, erzählt allerdings nicht immer konsistent: Szenen und Konstellationen wechseln unversehens, Menschen beschreibt er mit widersprechenden Adjektiven in einem Satz.

Fitzgerald arbeitete neun Jahre an dem Roman, den er aus verschiedenen Fragmenten zusammensetzte und immer wieder umbaute. Dabei wechselte er nicht nur mehrfach zwischen US-Ostküste, Hollywood und Europa, sondern lernte auch wesentliche neue Zeitgenossen kennen und musste seine Frau im Sanatorium unterbringen; all das schrieb er noch in den Roman, andere Episoden flogen heraus. Zudem plagten ihn Geldsorgen und Trunksucht, zum Geldverdienen schrieb er viele sehr gut bezahlte Kurzgeschichten.

Der Zusammenhalt des Romans litt unter dieser unübersichtlichen und alkoholgetränkten Entstehung, speziell im Vergleich zum wunderbar homogenen großen Gatsby, dem gefeierten Vorgänger-Werk.

In einem oft zitierten Brief an seinen Lektor Perkins bekennt Fitzgerald den negativen Alkoholeinfluss bei Zärtlich ist die Nacht:

“A short story can be written on a bottle, but for a novel you need the mental speed that enables you to keep the whole pattern in your head and ruthlessly sacrifice the sideshows as Ernest ((Hemingway)) did in A Farewell to Arms. … I would give anything if I hadn’t had to write Part III of Tender Is the Night entirely on stimulant. If I had one more crack at it cold sober I believe it might have made a great difference.”

Nachträglicher Umbau:

Die lange übliche, eher chronologische Romanstruktur von Zärtlich ist die Nacht stammt nicht einmal von Fitzgerald selbst, sondern wurde erst von einem Freund eingerichtet, der die Romanteile nach Fitzgeralds Angaben neu ordnete. (Aktuelle deutsche Fassungen geben offenbar die erste, weniger chronologische Romanstruktur wieder. Ich selbst habe die chronologisch geordnete Bearbeitung gelesen, und das auf Englisch, kann also Übersetzungen nicht beurteilen.)

Die entspannte, dabei unpräzise Erzählweise verführt auch dazu, flüchtig über die Geschichte hinwegzulesen; und dann vermeint man noch stärker als ohnehin schon, etwas verpasst zu haben. In seiner heterogenen Art erinnert Zärtlich ist die Nacht deutlich an Fitzgeralds erste Romane, Diesseits vom Paradies (1920) und Die Schönen und Verdammten (1922) und weniger an das Meisterwerk von 1925, Der große Gatsby.

Schlichte Mittel:

Während der Roman länger fast ohne Handlung in der mediterranen Mittagshitze dahintreibt, kreiert Fitzgerald momentweise mit schlichten Mitteln Spannung: So gibt es eine potentiell tödliche Auseinandersetzung, doch den wahren Hintergrund dafür erfahren wir lange nicht; eine Romanfigur weint im Morgengrauen auf der Hoteltreppe, doch den Hintergrund verschweigt Fitzgerald wiederum.

Manche Äußerungen und Verhaltensweisen erscheinen wenig verständlich willkürlich, nicht zuletzt, wie sich die jugendliche Rosemary an den zufrieden verheirateten Dick Diver wirft. Durchgängig angenehm säuselnd, kredenzt Fitzgerald auch mindestens drei unglaubliche Zufälle, welche die Handlung entscheidend beeinflussen.

Sinkflug:

Hauptfigur Dick Diver wird als charismatisch und als wissenschaftliche Koryphäe beschrieben, gewinnt jedoch in den ersten zwei Buchdritteln keine Statur, überhaupt zeigen die meisten Figuren kaum Persönlichkeit. Divers Sinkflug im letzten Drittel erscheint wenig nachvollziehbar.

Gleichwohl entwickelt das Buch – benannt nach einer Keats-Gedichtzeile – vor allem im letzten Drittel etwas Spannung. Fitzgerald produziert starke Dialoge und feine Beobachtungen, auch wenn er mitunter abrupt scheinbar eigene Erlebnisse einstreut. Beflügelndes Südfrankreich-Ambiente erzeugt der Roman kaum.

Viele Bekannte:

In den Roman baute Fitzgerald wie üblich neben sich und seiner Frau viele Bekannte ein, u.a. das glamouröse Industriellenpaar Sara und Gerald Murphy und die junge Hollywoodschauspielerin Lois Moran. Nicht verwendet aus dieser Zeit hat Fitzgerald jedoch offenbar seine Freundschaft mit Hemingway und die Begegnungen mit Picasso oder Gertrude Stein.

Der Murphy-Biograph Tomkins sagt über Fitzgeralds Recherchemethoden für diesen Roman:

Gerald and Sara were not at all happy when they found out that Scott was writing a novel about them. Scott’s way of going about it was extremely annoying. He would ask them intrusive questions, like, How much money do you really have? and How did you get into Skull and Bones at Yale? They felt that many of his questions were quite hostile. He had a somewhat disapproving attitude of them by then… For several summers they were very close. Gerald admired Fitzgerald as a writer. He thought that Gatsby was an extraordinary achievement, and that some of the short stories were first-rate, but he didn’t have a great deal of respect for the work that Fitzgerald was doing then…

Verfilmungen u.a.:

„Die polierte Gnadenlosigkeit und das hautwarme Mitempfinden…“ – deutsche Kritiken:

Wie schon beim Vorgänger Der große Gatsby: Auch der Roman Zärtlich ist die Nacht fand zunächst nur geteiltes Lob, wurde über die Jahrzehnte jedoch immer höher gestuft. Die deutsche Kritik spricht vor allem von der Diogenes-Neuauflage in der ursprünglichen, weniger chronologischen Romanfassung:

Frankfurter Allgemeine Zeitung 2006:

Weil die Figuren dieses autobiographischen Romans entwurzelt sind, haltlos und driftend, wechseln sie ewig die Orte, auf Fahrrädern, mit Seilbahnen, in Taxis, Zügen und Flugzeugen… Endlich erscheint jetzt die erste, eigentlich immer maßgebliche Version von „Zärtlich ist die Nacht“ aus dem Jahr 1934 auf deutsch. Jahrelang hatte es hier nur die umgeschriebene, gestraffte, stromlinienförmigere Ausgabe gegeben, die Fitzgerald nach harscher Kritik angefertigt hatte… Alkoholroman, der immer nüchterner wird.

Die Zeit 2006:

Das heimliche, eigentliche Meisterwerk… erst in dieser chronologisch verschachtelten Form wird deutlich, mit welch grandioser Schwindelkraft Fitzgerald seinen Helden Dick Diver behandelt, wie er ihn strahlen lässt und brillieren… Fitzgerald, und das macht ihn so angenehm, so aufregend, wirkt aber selbst in dieser feinsten Tragödie wie der perfekte Gastgeber seiner Figuren, er ist aufmerksam und nicht zu aufdringlich… eine Sprache, die etwas Wertvolles hat, etwas Pures, fast Pretiöses… Diese Sprache lebt Schulter an Schulter mit Conrad, Hemingway und Dos Passos

Die Welt 2006:

Bislang war „Zärtlich ist die Nacht“ in deutscher Sprache nur in einer von faulen Kompromissen verdorbenen Fassung zu lesen, die ein verzweifelter Fitzgerald nach dem wirtschaftlichen Mißerfolg auch dieses Romans hastig erstellte… Es in Renate Orth-Guttmanns ausgezeichneter Übersetzung auf deutsch zugänglich zu machen, ist die größte Leistung dieser Neuedition… „Zärtlich ist die Nacht“ ist – nach dem „Gatsby“ und mancher der bei uns immer noch eher stiefmütterlich behandelten Kurzgeschichten – Fitzgeralds bestes Werk, nur erschließt es sich schwer. Wieder einmal hat der Autor ein „Erzählerproblem“, ein langes erstes Buch lang sieht der Leser den Psychiater Dick Diver und seine Frau und Patientin Nicole fast nur durch die Augen einer jungen Schauspielerin, die dem Roman danach beinahe verloren geht. Erst in der zweiten Hälfte gewinnt der Roman an Kraft…

Der Spiegel 1953:

Sein Roman „Zärtlich ist die Nacht“, ursprünglich 1934 in USA erschienen, ist vom Berliner Blanvalet-Verlag in Deutsch herausgebracht worden und hat im Nu den fünften Platz der Weihnachts-Bestsellerliste erklettert, wie eine Umfrage der Westberliner Zeitung „Der Abend“ ergab… (die ersten vier: Guareschis „Don Camillo und Peppone“, Herman Wouks „Die Caine war ihr Schicksal“, Peter Bamms „Die unsichtbare Flagge“, Hemingways „Der alte Mann und das Meer“)… 1934 kam Zelda Fitzgerald mit Schizophrenie ins Irrenhaus. Im gleichen Jahr erschien „Zärtlich ist die Nacht“, eine lange, lyrische Studie über die Aushöhlung der Ehe… Das ist eine aufregende Problematik, aber aufregender ist Fitzgeralds Stil, die polierte Gnadenlosigkeit und das hautwarme Mitempfinden

  • Amazon.com: 3,9 von 5 Lesersternen, 393 Stimmen
  • Amazon.co.uk: 4,0 von 5 Lesersternen, 122 Stimmen
  • Goodreads: 3,83 von 5 Lesersternen, 66988 Stimmen (jew. September 2015)

„Exquisitely crafted piece of fiction…“ – englische Kritiken:

New York Times 1934:

No two reviews were alike; no two had the same tone. Some seemed to think that Mr. Fitzgerald was writing about his usual jazz age boys and girls; others that he had a „timeless“ problem on his hands. And some seemed to think that Doctor Diver’s collapse was insufficiently documented… It seemed to us that Mr. Fitzgerald proceeded accurately, step by step, with just enough documentation to keep the drama from being misty, but without destroying the suggestiveness that added to the horror lurking behind the surface…

The Paris Review:

From Rosalind Connage in This Side of Paradise to Gloria Gilbert in The Beautiful and the Damned to Daisy Fay in The Great Gatsby to Nicole Diver in Tender Is the Night, Fitzgerald’s principal female characters are wealthy, delicate, flirtatious, and beautiful, but they all eventually cause not just heartache but complete catastrophe for his male protagonists… One of the biggest criticisms of Tender Is the Night—and the principal criticism leveled by Hemingway—was that Dick Diver was a washy combination of Murphy and Fitzgerald: an inconsistent character. Fitzgerald wrote the bulk of Tender is the Night in an emotional hell, living at the La Paix estate outside Baltimore, drinking incredible amounts, and struggling with his self-perceived “crack-up,” all while Zelda was hospitalized for mental illness.

New Yorker-Journalist Tomkins im selben Artikel der Paris-Review (er schrieb auch eine Biographie über die lebenden Vorbilder Gerald and Sara Murphy):

It was one of those reading experiences that you get maybe two or three times in your life, when a book just takes you over. I was deeply immersed in that book and in the world it had conjured up. I still think it’s by far his best work. But as you know it was not a success at the time. It came out during the Depression, and it was considered frivolous—a narrative about rich people on the Riviera, with no relevance for the period people were living in…

Kirkus Review 1934:

The selling point of this book is the story itself, the almost morbid fascination of the lurking mystery, the deft shift of atmosphere… The psychological aspects are neither so sound nor so interesting… Not wholly satisfactory, in final analysis — but good reading. Headlined as the leading book on the publisher’s list

The Independent 2008:

Neither a critical nor a commercial success when it was first published in 1934. But its reputation has, rightly, grown and it remains one of my favourite books, suffused as it is with both the glamour and poignancy of Fitzgerald’s own life: in particular, the failure of his marriage to the lovely, unbalanced Zelda and his acute sense of himself as a great and a ruined artist… In just a snatch of dialogue or a few lines of description, Fitzgerald can evoke the happy, troubled and perilous balance of a group of friends or the moment when a long friendship is ruined for good. Pre-occupied with surfaces, he is never limited by them. His most persuasive characters are complex self-reflective creations; glamorous, but with a questioning intelligence, a sense of irony and the possibility of true integrity… He has an acute eye and ear for the nuances of character… exquisitely crafted piece of fiction.

Fitzgeraldologe Malcolm Cowly in New Republic 1934:

“Tender is the Night” is a good novel that puzzles you and ends by making you a little angry because it isn’t a great novel also. It doesn’t give the feeling of being complete in itself… The trouble is that Fitzgerald has never completely decided what kind of novel he wanted to write—whether it should center round a single hero or deal with a whole group. Both types of approach are present, the individual and the collective, and they interfere with each other. We are conscious of a divided purpose… There is another reason, too, for the technical faults of “Tender Is the Night.” Fitzgerald has been working on it at intervals for the last nine years, ever since he published “The Great Gatsby” in 1925. During these years his attitude has inevitably changed, as has that of every other sensitive writer. Yet no matter how much he revised his early chapters, he could not make them wholly agree with those written later… The result is that several of his characters are self-contradictory: they don’t merely change as living creatures change; they transform themselves into different people… it has a richness of meaning and emotion—one feels that every scene is selected among many possible scenes and that every event has pressure behind it. There is nothing false or borrowed in the book: everything is observed at first hand

Verfilmung von 1962:

Verfilmung von 1985:

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