Romankritik: Winterreise, von Gerhard Roth (1978) – 4 Sterne – mit Pressestimmen

Nagl und Anna fahren nach Neapel, Rom und Venedig. Orte und Begegnungen spielen aber kaum eine Rolle, sie hätten auch Leutschach oder Lima ansteuern können. Gerhard Roth schildert vor allem Nagls Erinnerungen an seinen Großvater und immer wieder das Geschlechtsleben – nicht ohne Fantasie, aber in kaltem, mechanischem Ton. Wie dieser laut Erzählung sehr ungepflegte, egozentrische Jobflüchtling immer wieder Frauen erobert, bleibt unklar.

Was an neudeutschen Romanen stört, sammelte Gerhard Roth (*1931) und packte es konzentriert in die Winterreise: erotisches Gewuhre, spröder Ton, Handlungsarmut, Dialogarmut, verkorkst entfremdete Figuren und endlos ephemere Selbstbespiegelung. Entsprechende Selbsterkenntnis ereilt sogar den Protagonisten (S. 73 i.m. Fischer-TB):

Er sah dauernd sich selbst. Manchmal sah er sich von oben, er sah sich laufen, gehen, stehen (…) oder es war ihm, als könnte er sich aus nächster Nähe beobachten. Es störte ihn nicht. Er sah Speichel aus seinem Mund rinnen (…)

Wenig später im ebenfalls spröden, aber doch viel besseren Der Stille Ozean (1980) hat Roth die Fallen geschickt vermieden oder unauffällig gehalten. Ich habe, nachdem mir der Stille Ozean gefallen hatte, noch Roths Der Plan und Der Strom probiert; auch diese Romane wirken zäh, mit subtilen, aber oft nicht einzuordnenden Manövern und Beobachtungen.

Höchstes Lob der Top-Kritiker von Zeit und FAZ prangt auf der Winterreise-U4. Das Buch erschien sogar auf Englisch, unter dem deutschsprachigen Titel Winterreise. Womöglich ist die Winterreise ja ein Top-Buch für Top-Kritiker.

„Faszinierendes Buch…“ – die Kritiker:

Rolf Michaelis, Die Zeit:

Das kühle, knappe Protokoll einer Lebensverstörung… Roths befremdliches, mit symbolischen Requisiten oft überladenes, durch ein Zuviel an platter Erklärung die Erzählung immer wieder zerstörendes – und doch: faszinierendes Buch… Symbolistische Überinstrumentierung macht viel von dem zunichte, was Roth in impressionistischen Miniaturen erzählt… Roth aber kippt aus der Erzählung in Kommentar, wenn er vom „Ende der Welt“ faselt und immer wieder das Bild der „vereinsamten, saphirblauen und weiß gemaserten Erdkugel in der Schwärze des Universums“ beschwört.

Kirkus Review:

In Germany, this Austrian novel won a literary magazine’s annual prize for „depicting with great literary seriousness the human experience of alienation.“ And alienated it surely is… cold little trudge… mostly to sterile effect…

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