Romankritik: Wie Barney es sieht, von Mordecai Richler (1997, engl. Barney’s Version) – 8 Sterne – mit Pressestimmen

Ich-Erzähler Barney Panofsky ist TV-Filmproduzent Mitte 60 und erzählt vom Schreiben seiner Autobiografie. Er wuchs in Montreal auf, verbrachte Jungkünstler-Jahre in Paris, heiratete dreimal, saß wegen eines letztlich nicht gerichtsfest beweisbaren Mordverdachts vorübergehend ein, aber etwas blieb ja doch hängen.

Der umtriebige Ich-Erzähler springt hin und her, kommt auf einzelne Episoden und Figuren immer wieder zurück – ich habe mir ein (zu knappes) Personenverzeichnis der Wikipedia ausgedruckt. Mordecai Richler (1931–2001) redet immer sehr unterhaltsam, voll gelungener Einzeiler und Anekdoten, vergnügt politisch unkorrekt, und unterdrückt trotzdem selbstverliebten Wortbling. Die vielen Mackermänner einschließlich Ich-Erzähler konsumieren gehörig Whiskey, Zigarren und Damen; auch ein paar standesgemäße Weinsteiniaden gehören dazu.

Doch immer, wenn es richtig amüsant wird, quetscht der Ich-Erzähler unvermeidlich und völlig humorlos seine Partikularinteressen in den Text:

  • Juden in Nordamerika, der Welt und alttestamentarischer Zeit
  • Kanada = Nabel der Welt
  • Anglophone in Quebeck und die mögliche Unabhängigkeit der Provinz
  • seine Lieblings-Eishockeymannschaft, ihre Aufstellungen und Niederlagen über die Jahrzehnte
  • abgelegenes Kulturwissen und gelehrte Sentenzen auch auf Französisch, Latein und Jiddisch

Diese häufig aufdringlichen, wenn auch nie langen Einschübe trüben die Freude am Lästermaul der Hauptfigur. Dazu kommt ein repetitives Stilelement: Ein wichtiges Ereignis nebenbei erwähnen, aber erst Seiten später richtig erzählen. Fast möchte man das Buch so beurteilen, wie der Ich-Erzähler über einen Zeitungsartikel seines Sohnes redet (S. 128):

I thought it was misinformed and bigoted, but, hey, you sure can put a spin on words.

Ich kenne den Roman nur im englischen Original (Vintage-TB-Ausgabe) und kann die Eindeutschung nicht beurteilen  Und nicht nur mit seinen fremdsprachigen Sätzen, selbst mit seinem Englisch kann Richler herausfordern.

  • Vokabeln nur von der ersten Romanseite: shill, anvil, insentience, anomaly vs. anomie
  • Schätze nur von Seite 270: obloquy, impenitent, perspicacious

Vollends bizarr klingt das Englisch, das er einem arroganten Dichterbekannten in den Mund legt. Gleichwohl: Richler schrieb einen runden, markanten Roman mit deftigen Figuren und stets unterhaltsamen Dialogen, der mich kaum loslies.

Verfilmt wurde das Buch 2010 in Kanada mit Dustin Hoffmann und Paul Giamatti. Der Film ist klasse gespielt, solide belichtet und gleichzeitig zuckrig und vulgär, gänzlich frei vom ätzenden Witz des Ich-Erzählers aus dem Roman.

„Es schüttelt einen vor Lachen – und zwischendurch immer wieder vor Abscheu…“ – deutsche Pressestimmen:

FAZ:

…übertrifft alle bisherigen Versuche ((Richlers)) an Humor und Komplexität… ein zum lauten Lachen zwingendes Kaleidoskop von satirischen Kabinettstückchen…

Süddeutsche Zeitung (bei Buecher.de):

Es schüttelt einen vor Lachen – und zwischendurch immer wieder vor Abscheu… ((die Hauptfigur)) ist ein Ekel, ein veritabler Kotzbrocken!… O-Ton-Barney bedeutet Gift und Galle nonstop, gegen jeden und gegen alles… Kaum zu glauben, welche Kreativität Barney in seiner zwerchfellerschütternden Bosheit entwickelt… ((Die anonymen Briefe der Hauptfigur zeigen mit)) Perfidie brillanteste Formulierungen mit tödlichen Spitzen. Daran hat man, die Schadenfreude ihres Verfassers teilend, als Leser die größte Freude

Deutschlandfunk Kultur:

Humordurchtränkt und klug geschrieben… Er quatscht, tratscht, lästert, jammert und erzählt eine Anekdote nach der anderen… Richler erfindet ein vermeintlich mündliches Idiom; man hat sofort das Gefühl, Barneys Stimme zu hören und sieht einen attraktiven, angegrauten Charmeur vor sich, der lässig hinter seinem Schreibtisch hängt, ein Whiskeyglas in Reichweite… eine Mischung aus Satire, Schelmenroman, rührseliger Liebesgeschichte, Ehedrama und Krimi.. Was als fahriges Geplapper eines alten Mannes daherkommt, ist in Wirklichkeit ein durchkalkuliertes Spiel mit den Erzählebenen

Taz:

Einer der lustigsten und kurzweiligsten Romane dieses Herbstes. Richler lässt seine Hauptfigur, den Giftzwerg Barney Panofsky, ein Feuerwerk der üblen Nachrede, politischer Inkorrektheiten und großartiger Invektiven versprühen… Barney ist ein kleines Ekel, aber er ist brillant, und das nicht nur als schimpfender Rohrspatz, sondern beispielsweise auch als Literaturkritiker… Eine fiktive Autobiografie, die durch ihre Hybris besticht, durch kluge, amüsante Dialoge, und die Einblick gibt in die Abgründe eines Bastards, dessen scharfer Verstand an den genialen H. L. Mencken erinnert

„A fast-paced, foulmouthed, generally entertaining romp …“ – englische Pressestimmen:

New York Times:

The familiar objects of Richler’s scorn — Quebec separatists, rabid feminists, self-deceiving Jews and self-crowned laureates — now verge on parody… Those expecting Richler’s usual verbal pyrotechnics won’t be disappointed here. He is a gifted stylist, with a great ear for parody and comic dialogue. And the novel’s loose structure — with its digressions, interpolations and detachable vignettes — allows him to display this talent often. Many of the comic scenes, including the Second Mrs. Panovsky’s phone conversations with her mother, are hilarious. False notes are few and very far between.

Kirkus Reviews:

Overlong story of an aging TV producer, lover of women, and possible murderer… a fast-paced, foulmouthed, generally entertaining romp that unfortunately grows tiresome whenever Richler lets Barney drone on about his literary loves or pet hates (feminists, antismoking activists, the annoyingly middlebrow Terry McIver, and QuÇbeáois separatists, among many other targets)… a pretty decent comic novel…

Publishers Weekly:

Though sometimes Barney’s woes dampen the narrative tension, Richler still excels in writing hilarious, ribald scenes, many of them set in bars or in bed…

Der Guardian vergleicht Buch und Film:

Don’t let Hollywood’s sugary adaptation put you off reading Mordecai Richler’s acid novel, Barney’s Version… – the best of Richler’s acidly funny and emotionally moving body of work… The film misreads the novel in two main ways. The movie has its sad moments, but is never dark. And it’s occasionally sort of jokey – Giamatti slips on banana peel while running after train, audience cringes for director – but never nearly as acerbic or as funny as the original… Let’s hope that cheesy Hollywood cover doesn’t put anyone off reading one of the best novels by a Canadian ever written.

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