Romankritik: Von der Schönheit, von Zadie Smith (2005, engl. On Beauty) – 7 Sterne

Zadie Smith schreibt witzige, intelligente Dialoge, und sie spießt Uni-Politik und die Tics der US-Uni-Koryphäen boshaft auf. Gewiss erkannten sich einige Wissenschaftler in diesem Roman erzürnt wieder. Zu den Highlights zählen auch ein paar erstaunliche Sexszenen. Doch die Dialoge und Szenen laufen teils zu lang, und sie konzentrieren sich ermüdend auf die immer gleichen Themen: Zusammenleben der Hautfarben, Quotenafrikaner, Uni-Diplomatie. Das Buch ist zu lang (442 Seiten in meiner englischen Hamish Hamilton-TB-Ausgabe von 2005, die Eindeutschung von Marcus Ingendaay kenne ich nicht).

Gelegentlich knirscht der Roman gar wie ein grob geplotteter Boulevardschwank: Da zieht Sohn Belsey (USA) für ein paar Monate zu Familie Kipps (England). Aber ach, ausgerechnet Vater Kipps ist ein harter akademischer Rivale von Vater Belsey; mehr noch, Sohn Belsey beginnt ein Desastertechtelmechtel mit Tochter Kipps. Im nächsten Sommer ziehen die Kipps zufällig en famille über den Teich ausgerechnet in den kleinen Ort der Familie Belsey, wo sich erschrocken nicht nur der Lover-Nachwuchs Belsey-Kipps, sondern auch die rivalisierenden Akademiker-Väter Belsey-Kipps begegnen – in der Uni und zufällig auch als Nachbarn. Mutter Belsey und Mutter Kipps freunden sich derweil an, während ausgerechnet Vater Belsey und Tochter Kipps… – selbst hier enden die Verstrickungen und Verwicklungen noch nicht.

Milieu-fixiert:

Zu den Schwächen der Konstruktion zähle ich auch, dass die Geschichte nur in den Milieus spielt, die Autorin Zadie Smith und ihr Mann selbst bevölkern: Akademiker an US-Unis, schwarz-karibisch-weiße Familien, Poetikvorlesungen, London. Zu den Hauptakteuren gehören zwei Verfasser von Rembrandt-Monografien. Das wirkt blutarm und lebensfern. Vielleicht kam ja deshalb die längst angedachte Romanverfilmung nicht in Gang (Quelle 1, Quelle 2).

Sogar der Vortrag einer Hauptfigur befasst sich meta mit „The Ethics of the University“. Autorin und Figuren schmurgeln zu sehr im eigenen Saft. Smith sagte selbst:

I was a student in fiction and I didn’t have much actual living to draw on.

Passend zur Boulevardschwankanmutung schreibt die Autorin reichlich Dialoge, oft brillant – bei weitem das Beste am Roman. Allerdings überfrachtet Zadie Smith einige Figuren auch, sie werden zu Ideenmutterschiffen beim Clash der Kulturen, Rassen und Einkommensklassen. Vor allem die gemischtrassigen Akteure sollen einerseits wie Straßenrapper reden und auch noch politisch agitieren, andererseits kommen sie gestelzt akademisch-intellektuell daher, auch die Nichtakademiker. Die Persönlichkeit bleibt teils völlig unklar.

Passend zum launigen Pleiten-Pech-und-Pannen-Stil bringt sich die allwissende Erzählerin gelegentlich selbst in die Geschichte ein, wie etwa in (Seite 42):

We must now jump nine months forward

Vielleicht ist das aber eine der vielen Anspielungen auf den E.M.Forster-Roman Howard’s End, wie etwa auch Smiths erster Satz überhaupt:

One may as well begin with Jerome’s e-mails to his father.

Zu oft wechselt die Erzählerin im übrigen die Perspektive.

Kluge Wörter:

Und weil alle so klug sind, gönnt sich die allwissende Erzählerin im englischen Original einige be-/erlesene Adjektivraritäten wie „gamine“, „pulvinate“ (S. 58), „coeval“ (S. 60), „adamantine“ (S. 68) und „cernuous“ (S. 80). Zu den gediegeneren Hauptwörtern zählen „fucking leprechaun“ (S. 206), „wainscoting“ (S. 264) alswie „eglantine“ (S. 281)

Und trotz aller Belehrtheit der Autorin und ihrer Kopfgeburten begegnen im Buch neben der Überlänge weitere Unlektoriertheiten, etwa

  • …that had pushed to him to write… (sic, S. 29)
  • She walked the long edge if the pool (sic, S. 130)
  • They dropped around the key today. (sic, S. 266)
  • …the truth would out. (sic, S. 300)
  • …I don’t how to close that… (sic, S. 378)

Freie Assoziationen

  • Campus-Romane wie etwa von David Lodge, wie Zora del Buonos Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt (samt US-politischer Korrektheiten und Dekandiplomatie), weniger wie bei Dietrich Schwanitz
  • die ethnisch-sozialen Grübeleien des gemischtrassigen Belsey-Juniors Levi erinnerten mich teils an den jungen Barack Obama
  • der boulevardeske Paarungen-Reigen samt verwechselten Türen erinnerte mich doch fast an Michael Frayns Boulevard-Parodie Noises Off
  • meines Erachtens will Smith grotesk-überlebensgroß-tragikomische Figuren schaffen, wie sie bei Tom Wolfe, John Irving oder T.C. Boyle begegnen, aber es gelingt ihr nicht
  • Zadie Smiths Roman London NW ist deutlich härter, fokussierter, experimenteller, unzugänglicher und weniger fluffig

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