Romankritik: Vienna, von Eva Menasse (2005) – 6 Sterne

Eva Menasse schreibt lässig, schnippisch, frech, leicht frivol; die Sprache ist immer kraftvoll und gerundet, ohne aufzutrumpfen. Lakonisch bis mokant parliert sie auch über Katastrophen hinweg – historische und private.

Die Autorin kredenzt erfreuliche Austriazismen (samt Glossar) und unterhaltsam Jiddisches. Gelegentlich machen ihre Figuren die Sprache zum Thema, wenn sie etwa einen Onkel mit seinen falschen Redensarten wie „Felix aus der Asche“ verspotten. Es gibt reichlich Bonmots, aber kaum  Dialoge. Der Roman erschien auch auf Hebräisch und Englisch, doch eine austriakische Norah Ephron ist Menasse nicht.

„wegen“ mit Dativ bringt Menasse mehrfach, und zwar in erzählenden Sätzen, nicht in wörtlicher Rede (u.a. „wegen diesem Vater“, S. 112 btb-Ausgabe; „wegen meinm Vater“, sic, S. 172). Obwohl die Handlung gelegentlich nach England oder Kanada wechselt, erscheint nach meiner Erinnerung das Wort Vienna nicht im Romantext.

Generationenroman:

Eva Menasse erzählt kaum verfremdet von mehreren Generationen ihrer Sippe, Katholiken und vor allem Juden in Wien, mit Episoden in Kanada, England und Burma, v.a. in der ersten Buchhälfte mit schnellen Sprüngen zwischen Ländern, Dekaden und Personen, so dass ich nicht immer den Überblick behielt. Ein gezeichneter Stammbaum wäre gut. Zusätzliche Verwirrung stiften die Erstehefrauen von Wiederverheirateten, die weiterhin eine Rolle spielen, sowie Menasses Geizen mit Eigennamen – lieber benennt sie ihre Akteure mit der Familienstellung wie etwa hier (S. 140):

Meine Mutter bemerkte etwas von „sentimentaler Senilität“ und bekam darin von der ersten Frau meines Vaters, jedoch nicht von der ersten Frau meines Onkels recht. Die erste Frau meines Onkels, die kleine Engländerin…

Dieser ständige Zeiten- und Personenwechsel verhindert auch das Wahrnehmen einer durchgehenden Geschichte. Vienna klingt wie eine Episoden-Kaskade um eine allmählich vertrauter werdende Sippschaft, mit vielen originellen Momenten, aber ohne Handlungsbogen – keine runde, opulente Familiensaga, trotz der siechen alten Leute und einer Wiederholung des Einstiegssatzes am Ende.

Geisterhafte Erzählerin:

Seltsam auch, dass die Ich-Erzählerin – ein Familienmitglied – über ihre Eltern, Tanten, Geschwister, Großeltern redet, aber nie über sich selbst und so wie ein Geist erscheint. Diese Ich-Erzählerin blickt mühelos in die Gedanken aller Familienmitglieder, schildert aber wie ein allwissender Erzähler gelegentlich auch Gespräche unter familienfremden, ihr kaum bekannten Akteuren; das passt nicht zur Erzählperspektive. Manchmal denkt man, die frühere FAZ-Kulturkorrespondentin Eva Menasse müsste es besser können.

Ab der Mitte, ab Seite 200, fokussiert die Autorin vorübergehend schärfer: auf einen Zeitabschnitt, auf einen Ort, auf eine Hauptfigur. Ungefähr bei Seite 266 wird sie dann wieder sprunghaft und unübersichtlich. Anekdoten und Episoden werden hier verstärkt nicht mehr direkt erzählt, sondern durch ihre Wiedergabe bei Familientreffen. Das Jüdischsein – über lange Strecken einschließlich der Nazizeit nicht dezidiert im Vordergrund – spielt hier im letzten Drittel auch eine deutlich größere Rolle, mit allerlei Disputieren und Nachforschen. Für mein Empfinden der am wenigsten unterhaltsame Buchteil, den auch eine sehr gedehnte Beerdigung nicht aufspaßt.

Vergleich mit Eva Menasses Roman Quasikristalle:

Quasikristalle (2013) hat ähnlich wie Vienna keinen klaren Handlungsbogen, kein Zentrum, die Hauptfigur bleibt blaß. Der Zeitraum beginnt erst in den 70er Jahren. Antisemitismus stellt Menasse in Quasikristalle deutlicher heraus, Wien spielt eine kleinere Rolle. Beide Romane sind ähnlich lang und in ähnlicher Sprache geschrieben, beide wirken wegen ihrer Struktur nicht kohärent.

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