Romankritik: Veras Tochter, von Elke Schmitter (2006) – 4 Sterne – mit Pressestimmen & Video

Elke Schmitter liefert hier eine Fortsetzung ihres Ehebruch-Romans Frau Sartoris (2000). Dieses frühere Buch handelte auch von Frau Sartoris‘ zuletzt 16jähriger Tochter, die mit einem dubiosen Typen zusammenkam. Im zweiten Roman wird scheinbar die Tochter zur Ich-Erzählerin: Sie ist schon 40 Jahre alt und blickt vor allem auf die Ereignisse ihrer Jugend zurück – der zweite Roman könnte also auch Frau Sartoris‘ Tochter heißen.

Die Handlung diesmal: Die Tochter hat Elke Schmitters erstes Buch zufällig gefunden und sehr überrascht die Geschichte ihrer eigenen Familie erkannt. Später sieht sie sogar Reich-Ranickis Lob des ersten Romans im Fernsehen und kontaktiert Elke Schmitter und ihren Verlag per Rechtsanwältin.

In Veras Tochter schildert die Ich-Erzählerin vor allem ihre blinde Teenager-Liebe zu dem kalten, gleichgültigen, ganz und gar langweiligen Lottertypen. Von ihren Eltern – Hauptfiguren des früheren Romans – erfahren wir Substantielles erst gegen Buchende, obwohl oder weil deren weitere Lebensgeschichte jeden interessiert, der die Vorgeschichte kennt.

Die Ich-Erzählerin in Veras Tochter widerspricht einigen Darstellungen aus dem ersten Buch und liefert ihre eigene Version. Die an sich reizvolle Schilderung bekannter Abläufe aus neuer Perspektive bringt hier keine interessanten Erkenntnisse. Deutlich werden ein paar Parallelen im verzweifelten Liebes- und Gefühlsleben von Mutter und Tochter.

Vielleicht muss der zweite Roman aber doch Veras Tochter und nicht Frau Sartoris‘ Tochter heißen: Denn in kleinen Details stimmen die erste und die zweite Geschichte nicht recht überein. Auch die Namen unterscheiden sich, aber das kann natürlich eine Anonymisierung sein. Ganz am Ende von Buch 2 heißt es sogar eindeutig, Buch 1 erzähle nicht das Leben der Protagonistin von Buch 2, es sei vielmehr erfunden – aber das ist eventuell nur Teils des Spiels?

Die Ich-Erzählerin in Veras Tochter redet weitschweifig, streut überflüssige Details und selbstgefällige Verallgemeinerungen und Spekulationen ein – in alter Rechtschreibung („ißt“, „vermißt“) und deutlich schlechter als im älteren Buch. Sie liefert ephemere Beobachtungen aus dem Internat, aus WGs, vom Friseur und von ihrer Analytikerin; das langweilt ebenso wie die abgöttische Teenie-Liebe zu dem fragwürdigen Jungmacker.

Die Tochter hat sich offenbar von ihrer Mutter entfremdet, detailliert erfahren wir es nicht. Die Tochter möchte trotzdem etwas von ihrer Mutter wissen; sie spürt die Mutter in einer anderen Stadt auf, beobachtet sie auf der Straße – und verschwindet ohne Gespräch wieder. Wie langweilig ist das?

Vielleicht verweigert die Ich-Erzählerin so hartnäckig weitere Details über die gefährdete Ehe ihrer Eltern, um Leser länger an das zweite Buch zu fesseln – bei mir hat es funktioniert: Den Roman Veras Tochter hätte ich nicht zu Ende gelesen, wenn mich nicht das Schicksal der Figuren aus dem Vorgängerbuch interessiert hätte.

„Ehehöllen, Altersangst, die Generation Wohlstand, die Liebe, das Leben und so weiter…“- die Kritiker:

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Wenn man einmal den Textpanzer durchdrungen, die Schnürbrust gesprengt hat und ins Innere des Textes vorgedrungen ist, wo das Blut pulsiert und das Herz schlägt, wird man von seinem kraftvollen Sog mitgerissen… ((Die Ich-Erzählerin)) gräbt das eigene verborgene weibliche Wesen aus mit einer Kompromißlosigkeit, die imponiert… Die Raffinesse des Romans besteht in der langsamen, fast schlafwandlerischen Annäherung, im Umkreisen, Aus-den-Augen-Verlieren, Wiederfinden und Ignorieren der geheimen wunden Stelle… Nie ist die Ursache des Unglücks zu fassen. Da zeigt sich denn Elke Schmitters eminenter Kunstverstand. An keiner Stelle wird das Geheimnis der Mutter, das die Tochter in die Einsamkeit trieb, vollständig aufgedeckt. Der Leser kann es nur erahnen. Nie zeigt sich das Gesicht des Vaters mit völlig heruntergerissener Maske. Und nie hält die Tochter sämtliche eindeutigen Beweisstücke für all die Kränkungen und Verletzungen in der Hand, die sie in die Gefühlsverpanzerung getrieben haben. Elke Schmitters literarisches Talent liegt im gleichzeitig lakonischen und minuziösen Sezieren der Seelenlage ihrer Protagonistin, im Mikroskopieren der kleinsten Gefühlsregungen, im Herumstochern in widersprüchlichen Emotionen. In diesen Passagen zeigt sich nicht nur eine sensible Beobachtungsgabe, sondern auch ein subtiles sprachliches Können. Das virtuose Spiel von Verrätselung und Auflösung entwickelt ein Tempo, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

Die Zeit:

Da wird eine Psychokiste aufgemacht wie in der Hardcore-Frauenliteratur des Jahrzehnts, in dem die unglückliche Ich-Erzählerin erwachsen wurde… das einfühlsam beobachtete Zeitkolorit… Wenn Veras Tochter schließlich ganz zufällig den Fernseher einschaltet ((das geschieht nicht zufällig, Anm. d. Red.)), damit Reich-Ranickis Eloge aus dem Jahr 2000 eine halbe Buchseite füllen kann, reibt man sich ungläubig die Augen

Taz:

Wie sie ihren Erfolgsroman als literarisch-dramaturgisches Konstrukt verwendet, ist zunächst kompliziert und auch nicht unprätentiös. Schmitter spielt raffiniert mit dem Verhältnis von Leben und Literatur… Schmitters Roman ist vor allem das Psychogramm einer urbanen Durchschnittsfrau, aufgewachsen in einem provinziellen Durchschnittshaushalt der Sechziger- und Siebzigerjahre… wie diese Durchschnittsfrau sich und ihrer Existenz auf den Grund geht, wie sie hinterfragt, warum dieses „selbstverständliche Glück“ der anderen nie das ihre war, wie sie versucht, an ihren Lebensknackpunkt zu gelangen, ohne ihn vollständig zu erfassen, das wiederum ist überdurchschnittlich… Denn trotz der ambitionierten Romankonstruktion wirkt „Veras Tochter“ wie aus einem Guss; schön gelingen Schmitter die Übergänge, wechselt Katharina die Bewusstseinsebenen zwischen damals und heute…

Neue Zürcher Zeitung:

Das muss ein wunderschöner Abend für Elke Schmitter gewesen sein, damals, als Marcel Reich-Ranicki im «Literarischen Quartett» ihren Liebesroman «Frau Sartoris» in überschwänglichen Tönen pries. Er wurde ein Bestseller, versteht sich… Die Lobrede Reich-Ranickis auf «Frau Sartoris» wird ausführlich zitiert. Ist das peinlich oder an der Postmoderne geschulte Selbstreferenzialität?… auf den verstolperten Beginn folgen atmosphärisch starke Schilderungen einer provinziellen Siebziger-Jahre-Jugend… Elke Schmitter gehört zu den nicht zahlreichen deutschen Autoren, die noch überzeugende Liebesgeschichten erzählen können. Ihre Analysen der Leidenschaft erinnern bisweilen an Max Frisch, den Beschreibungskünstler von Affären, Seitensprüngen und Ehemalaises aller Art… Über weite Strecken schreibt Schmitter schlackenlose Prosa; gelegentlich stören jedoch stilistische Gewolltheiten und schiefe Vergleiche. Da liegt «das eigene Selbst, riesig, gelähmt, ganz leer vor Erwartung, am Strand des Alltags wie ein präparierter Wal»… Für die meisten Leser, die «Frau Sartoris» vielleicht doch nicht so parat haben wie «Madame Bovary» oder «Effi Briest», bildet die selbstreferenzielle Rahmenkonstruktion eine Lesehürde. «Veras Tochter» ist ein unglücklich gebautes Buch, in dem sich dennoch eine lesenswerte Geschichte verbirgt. Eine Geschichte, der Schmitter offenbar selbst nicht genug traute. Dabei hätte sie, so porentief erlitten, wie sie hier erzählt wird, durchaus Vertrauen verdient.

Falter:

Da finden also einige Teile Kriminalroman (nicht sehr viele) sowie einige Teile traurige Liebesgeschichte (sehr viel mehr) zusammen… Unter Beifügung einer üppigen Portion detailgenauer Siebzigerjahre-Jugend-in-der-bundesdeutschen-Provinz-Erinnerungen ergibt das in Summe ein sinnenfreudig konsumierbares belletristisches Backwerk. Schmitter kann präzise beobachten und Schmitter kann schreiben – schön normal zumeist, mit gelegentlichen, leckeren Ausreißern in eine ihrem journalistischen Vorleben bzw. Leben zu schuldende Showpferdchenhaftigkeit: Die gut gesetzte Pointe, die geschliffene Formulierung muss dann und wann schon mal sein… Etwas vollgeräumt ist „Veras Tochter“ ab und zu schon, mit Bildern und Bildchen, mit Ambiente und dem, was Elke Schmitter eben alles Weises sagen und erzählen möchte über die Jugend von damals, über Ehehöllen, Altersangst, die Generation Wohlstand, die Liebe, das Leben und so weiter. Egal: ein schönes Buch, ein kluges und ein witziges. Nett. So wie die Autorin wahrscheinlich auch. Sex. Streit. Saufen.

Deutschlandfunk Kultur:

Unerbittlich gegen sich selbst, voller Ernsthaftigkeit, doch nicht ohne Ironie begibt sich die Ich-Erzählerin auf die Spur, unternimmt die Rückschau auf ihr Leben, um das verborgene Gesetz freizulegen, das ihr Handeln bestimmt. Minutiös vollzieht sich die Zergliederung ihrer Seele, dazwischen strahlen poetische Bilder von zarter Schönheit. Elke Schmitter beobachtet sensibel und genau, mit großer Lakonie breitet sie diese Erziehung des Herzens aus. Ganz aufgedeckt aber werden die Beweggründe für das Drama einer Jugend in der Provinz auch in „Veras Tochter“ nicht…

Cicero:

…über weite Strecken ein gefühlsverarbeitendes Unternehmen. Kitschig allerdings ist es nicht. Die emotionale Dichte, die Genauigkeit, die treff­sichere Bildwahl, selbst die sprachlichen Schlaufen, das Tastende, mit dem Schmitter ihre Katharina über diese Liebe erzählen lässt, sind tatsächlich rührend. Und es ist bedrü­ckend zu lesen, wie sich die Lebensmotive der verhassten Mutter in denen der Tochter wiederfinden.

Standard:

Es ist ein exemplarisches Frauenschicksal der heute Mitte Vierzigjährigen, das Elke Schmitter beschreibt, die Generation, der sie selbst angehört…

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