Romankritik: Uns geht’s ja noch gold, von Walter Kempowski (1972) – 7 Sterne

Walter Kempowski (1929 – 2007) erzählt tagebuchartig von seiner Zeit als Jugendlicher ab Kriegsende 1945 in Rostock. Die Russen übernehmen die Stadt, Kempowski bekommt einen Job bei der Verwaltung, plündert und wird geplündert, muss sich mit russischen und US-Besatzern arrangieren, auf dem Schwarzmarkt jonglieren, übersteht eiskalte Winter ohne Heiz- oder Beißmaterial. Er haust mit Mutter und Großvater; Bruder und Vater sind zunächst unerreichbar irgendwo, die Schwester lebt mit ihrem dänischen Mann in Dänemark. Die Jahre 1938 bis 1945 hatte Kempowski bereits im Band Tadellöser & Wolff geschildert.

Kempowski schreibt seinen etablierten Montage-Collage-Mosaik-Stil voll zeittypischer Details und Ausdrücke, wenn auch deutlich weniger markant als im Vorherbuch Tadelloeser & Wolff. Für viele unverständliche historische Einzelheiten wünschte man sich einen Stellenkommentar, wie es ihn nach meiner Übersicht jedoch nur für Tadelloeser & Wolf gibt. In meiner älteren dtv-Ausgabe fand ich einige kleinere, aber störende Grammatikfehler wie „durch eine der Sache selbst innewohnenden ((sic)) Logik“ (S. 358). Das ist hier keine bewusst gesetzte Mundart.

Kempowski streckt den Text immer wieder durch längere Rückblenden etwa auf 1936 und noch frühere Zeiten, als ob er Seiten füllen müsste. Einmal wechselt der scheinbare Ich-Erzähler sogar in die Perspektive des Bruders – ein Bruch.

Die Vorgeschichte Tadellöser & Wolff wurde 1975 fürs ZDF verfilmt – in Sepia. Die dreiteilige TV-Fortsetzung Ein Kapitel für sich folgte 1979 auf Basis weiterer Kempowski-Romane, darunter auch Uns geht’s ja noch Gold.

Vergleich mit dem Vorgängerband Tadellöser & Wolff

Der Collage-Mosaik-Stil in Uns geht’s ja noch gold ist weniger sprunghaft als in Tadellöser & Wolff, der Stil wirkt etwas moderater. So bleibt Kempowski in Uns geht’s ja noch gold teils über mehrere Abschnitte hin bei einem Thema, das wäre in Tadelloeser & Wolf undenkbar. Nur in Uns geht’s ja noch gold gibt es ausgeprägtere Rückblenden, während Tadelloeser & Wolff viel strikter nur das Hier und Jetzt beschreibt, also die Jahre 1938 – 1945. Tadelloeser & Wolff fügt sich insgesamt zu einem runderen Erzählbogen als Uns geht’s ja noch gold.

„Gold“ interessiert sich deutlicher für untergeschossige menschliche Ausscheidungen und liefert in meiner älteren dtv-Ausgabe mehr Grammatikfehler.

Man könnte meinen, dass Tadellöser & Wolff mit seinem Blick auf die Kriegszeit mehr Leid und Stress schildert, tatsächlich ging mir jedoch Uns geht’s ja noch gold mehr ans Gemüt – wegen der Plünderungen und Vergewaltigungen, teils in der erzählten Jetztzeit, teils in Rückblicken. Und Kempokenner ahnen, dass in „Gold“ weitere Leidprüfungen bevorstehen.

Freie Assoziation:

  • Günter Grass‘ Katz und Maus: Er beschreibt auch Jugendliche im Krieg oder nach dem Krieg, die teils mehr mit Privatkram als mit dem Großenganzen hadern; Ton und Inhalt unterscheiden sich jedoch deutlich

Wikipedia zur Verfilmung Ein Kapitel für sich

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