Romankritik: Ullsteinroman, von Sten Nadolny (2003) – 7 Sterne – mit Presse-Links

Ein enormes Material muss Nadolny bewältigen. Besonders lange konzentriert er sich auf Verlagsgründer Leopold Ullstein (1826 – 1899), der sich vom Fürther Papierhändlersohn zum Berliner Großverleger hocharbeitete – und mit zwei Frauen hatte Ullstein neun Kinder, überwiegend Söhne, die dann auch meist in der Firma arbeiteten, mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten und Talenten. Leopold Ullstein dominiert die erste Buchhälfte.

Danach mit vielen Söhnen und weiteren Akteuren wird es unübersichtlicher. Anfang 1933 endet die Geschichte; Nadolny liefert noch ein kurzes Nachwort, aber wie der Ullsteinverlag zu seiner heutigen Form kam, erfahren wir nicht.

Nadolny erzählt dabei meist vage chronologisch. Gelegentlich richtet er jedoch den Fokus auf eine Einzelfigur und erzählt deren Leben gerafft bis in spätere Jahrzehnte, um dann zur Haupterzählung zurückzukehren.

Der Haupttext meiner Taschenbuchausgabe belegt 476 Seiten, dazu kommen einige Seiten Personenregister (mit ein oder zwei Einträgen pro Person) und Stammbäume (sehr unübersichtlich umbrochen), die ich am liebsten ausklappbar und detaillierter hätte. Ein Foto gibt es nur auf dem Umschlag, und das zeigt nur Kinder. Zeittafel oder Quellenangaben fehlen ganz.

Zwar rafft Nadolny Jahre und Geschichtliches sehr gekonnt in kursivierten Zusammenfassungen, 1932 rückt Zeitgeschichtliches dann stärker und konzeptwidrig in den Vordergrund. Gelegentlich präsentiert Nadolny zu gedehnt vermeintlich Interessantes, das überhaupt nicht in die Story passt, so etwa die erste Begegnung von Walther Rathenau und Alfred Kerr oder die Hintergründe des Autonamens Mercedes. Ein andermal führt er zwei verdiente Ullsteinmitarbeiter ein – und verlässt sie dann sofort wieder, ohne etwas über ihren Beitrag zu berichten. Hallo Lektor?

Ein Roman über die Verlegerfamilie Ullstein, erschienen im Ullsteinverlag: kein Wunder, dass Nadolny hier meist liebenswerte Akteure präsentiert – markante Charaktere, durchaus mit Schwächen und Macken, aber fast immer auf der richtigen Seite, pro Toleranz, pro Meinungsfreiheit, pro Demokratie. Dass viele jüdische Familienmitglieder sich taufen lassen, berichtet Nadolny knapp und unkommentiert.

Nadolny, Sohn des Schriftstellerpaars Burkhard und Isabella Nadolny, schreibt einen markanten, leicht lesbaren, mild eigenwilligen Stil in vielen kurzen Vignetten, mit knappen Sätzen. Mitunter klingt er etwas onkelhaft, aber nie fad. Man wüsste gern mehr über diesen Erzähler – vorübergehend tönt es, als ob Leopold Ullstein im Himmel die Feder führe (S. 206 TB-Ausgabe), aber klar ist das nicht. Hier hätte Nadolny eindeutiger sein müssen.

So sehr mich fiktionalisierte Biografien wie diese hier reizen, sie erzeugen immer auch Unruhe – was ist erfunden, was nah an der Wahrheit, was stammt 1:1 aus den Quellen? Wir wissen es nicht. Offenbar notierte sich Verlagsgründer Leopold Ullstein viele kluge Sprüche, ein toller Schatz für Nadolny. Doch innerhalb meiner TB-Ausgabe gibt es kein Making-of zum Roman, keinen Recherchebericht und kein Quellenverzeichnis wie bei anderen Biografien.

Assoziationen:

Pressestimmen:

Spiegel: Auf den 500 Seiten taucht der Name Brecht nicht ein einziges Mal auf. Diese Lücke ist nicht die einzige Irritation

Süddeutsche Zeitung (bei Buecher.de): Zu viel Stammbaum, zu wenig Rotationsmaschine… Nadolny ist studierter Historiker

Frankfurter Allgemeine: Es ist gar kein Roman, sondern eine bloße Folge von Anekdoten… mit beträchtlichem Charme und sicherem Gespür für lehrreiche Pointen

Neue Zürcher Zeitung (bei lyrikwelt.de): Zahlreiche Genrebilder sorgen für Zeitkolorit… zu viele romanträchtige Geschichten werden nur angerissen.

Taz:Nadolny schreibt so nüchtern und so dröge wie ein Buchhalter… Nichtigkeiten… machen die Lektüre besonders in der ersten Hälfte mühsam und langatmig

Der Freitag: …atemlose Aufzählungen, stichwortartige Notizen montieren die rasanten Zeitläufte und die rapide Familienkrise.

Tagesspiegel: …verwandelt der Roman sich mehr und mehr in einen kulturhistorischen Bericht, der dem Anspruch des Romans zunehmend weniger gerecht wird

Hamburger Abendblatt: …langweilige Beschreibungen sämtlicher Ullstein-Mitglieder quälen… zu viel Wert auf Nichtigkeiten und Details gelegt….

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