Romankritik: Tschick, von Wolfgang Herrndorf (2010) – 8 Sterne

Wolfgang Herrndorf (1965 – 2013) trifft den Ton eines 14jährigen Ich-Erzählers hervorragend. Er klingt erstaunlich realistisch, nicht aufgesetzt, einschließlich Selbstmitleid und Pubertätswehen. Die Sprache ist zurückgenommen gut, nie selbstwichtig oder weitschweifig, nie blass, nie auftrumpfend, aber auch nicht steril, im Bereich der angedeuteten Romanze am See vielleicht einen Tick schmalzig (auch wenn es betont schmalzfrei klingen soll). Garantiert frei von Einflüssen der Leipziger Romanschreiberzucht, auch frei von deutscher Comedy, und dazu gewürzt mit markanten, sehr realistischen Details und pfiffigen Gedanken.

Die trockenen Dialoge sitzen klasse – vielleicht ein wenig zu filmi, manchmal zu gelehrt (einschließlich der amüsanten Irrtümer), aber so lasse ich mich gern unterhalten. Etwas cineastisch wirkt auch, wie Herrndorf in die lang dahintrudelnde Handlung regelmäßige Desaster einstreut (Lada rammt Schweinetransporter u.ä.) und ein dramatisches Finale erfindet. Dass ein Teil dieses Endes die Chronologie brechend schon am Anfang erscheint, wirkt wie ein allzu billiger, nachträglicher Kunstgriff, der das sonst so erfrischend nüchterne Buch unnötig dramatisiert.

Ich interessiere mich weder für Teenager noch für Berlin-Marzahn oder Ostdeutschland; aber hier hielt mich die Schreibe wirklich bei Laune. Ich-Erzähler Maik ist zudem eine mild reizvolle Figur, die einige Klischees erfüllt und andere bricht (Maik ist auch weit realistischer als der vag gleichaltrige Ich-Erzähler Huckleberry Finn, den ich allerdings aus anderen Gründen auch gern las, und er ist realistischer als die teils unplausible zweite Hauptfigur Tschick). Es passiert ganz selten, dass mir ein Bestseller gefällt.

Handlung und Stimmung des Erfolgsbuchs erinnerten mich vage an Wolfgang Winkelmanns ersten Film Die Abfahrer (1978), in dem ebenfalls junge Außenseiter mit einem geklauten Auto losfahren und später noch ein Mädchen an Bord nehmen; die Wohnungsdemontage erinnerte mich an den zweiten Winkelmann-Film, Jede Menge Kohle. (Die ungewisse Autofahrt durchs Ländliche ließ mich auch an eine ungarische Autofahrt im Bollywoodschinken Ich gab Dir mein Herz, Geliebter – Hum Dil De Chuke Sanam (1999) denken.) Im 2007er-Herrndorf Diesseits des Van-Allen-Gürtels gibt es schon eine kleine Andeutung auf Tschick.

Kein Wunder auch, dass der Tschick-Roman Fatih Akin zu einer Verfilmung reizte: die Dialoge sitzen schon, einige Szenen stellt man sich auf Anhieb sehr bildhaft vor, die Figuren passen gut in Akins Typenkatalog, der Spannungsbogen stimmt.

Ich habe die Verfilmung als TV-Aufzeichnung gesehen. Die Handlung wurde leicht abgewandelt, was neue Gelegenheiten für Hingucker-Szenen bot. Der musikalische Mischmasch zwischen Richard Clayderman (auch Teil des Romans) und Punkschrott überzeugte mich nicht. Wie so oft bei Romanverfilmungen wirkten manche Film-Szenen aus dem Zusammenhang gerissen, weil sie nicht komplett aus dem Roman in den Film gebracht wurden. Die unauffällig markante Erzählstimme des Romans spielte im Film keine Rolle, obwohl es gelegentlich sogar Kommentare der Hauptfigur (gespielt von Tristan Göbel) aus dem Off gab. Ohnehin waren die Stimmen so vernuschelt und akustisch schlecht, dass ich ohne vorheriges Lesen des Buchs gar nichts verstanden hätte. Hätte mich nicht die Umsetzung eines guten Buchs durch einen guten Regisseur interessiert, hätte ich nach 20 Minuten auf Pause und auf Löschen gedrückt.

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