Romankritik: The Lower River, von Paul Theroux 2012) – 6 Sterne

Hauptfigur Ellis Hock, US-Amerikaner, kehrt nach 40 Jahren als Herrenausstatter zurück in ein entlegenes, trostloses Malawi-Dorf, in dem er als Jugendlicher vier Jahre arbeitete. Scheidung und schlechtgehende Geschäfte brachten ihn dazu. Bei Einheimischen, die ihn vage kennen, lässt Hock sich nieder – Zukunft unklar.

Paul Theroux schreibt sehr flüssig, leicht lesbar in leichtem Englisch. Nur gelegentlich schlagen seine Adjektive über die Stränge („her bulgy features fixed on him in a purplish putty-like face of rage“, S. 4; „their general glum strangeness“, S. 107; auch im zweiten Teil wird er manchmal zu wortreich). Theroux‘ Beobachtung scheint in den USA-Passagen deutlich schärfer und interessanter als in den Malawi-Abschnitten. Dort schreibt Theroux vor allem rassistisch, denn die meisten Afrikaner erscheinen als verschlagen, teils sadistisch, nehmen die weiße Hauptfigur nach Strich und Faden aus, sie sind „shabby, lazy, dependent, blaming, selfish“ (S. 224).

Mehrfach schildert Theroux aufdringlich bedrohliche, fast dystopische Massenszenen, etwa nächtliche Beschwörungen im Feuerschein und riesige Ansammlungen dreckiger, aggressiver Waisenkinder. Die Weißen in Malawi erwärmen das Herz freilich auch nicht, sie sind feindselig oder verkommen, die weiße Hilfsorganisation L’Agence Anonyme wirkt gar so dystopisch wie manche Afrikanergruppen.

Erzählerische Schwächen fallen auf: So scheint schwer vorstellbar, dass Ellis Hock mit derart vagen Plänen nach Afrika reist. Verblüffend auch, dass die Hauptfigur nach 40 Jahren Abwesenheit angeblich noch die Regionalsprache Sena spricht und Schlangen so sicher handhaben kann wie als junger Mann. Hock trifft schwer nachvollziehbare Entscheidungen, die ihn in immer neue Gefahren bringen, auf die er nicht vorbereitet ist, und die einen langen Niedergang einleiten. Das Ende verblüffte mich – inhaltlich-sachlich wie auch dramaturgisch.

Ebenfalls schwer nachvollziehbar: Hock lebt in der Nähe einer alten Flamme, an die er fortwährend denkt und deren Enkelin sich um seinen Haushalt kümmert – warum er die Flamme tagelang nicht besucht und warum die ihm nicht zumindest eine Nachricht schickt (sie freut sich auf ihn), bleibt völlig rätselhaft. Ebenso irritiert den Leser ihre fehlende Unterstützung, als Hock in Bedrängnis gerät. Dazu kommt mindestens ein wunderlicher Zufall.

Hocks Geschichte in den USA – seine Exfrau, seine Kunden, seine Bekannten und seine toxische Tochter, die nach dem Erbteil jiepert – klingen viel interessanter als seine teils unfundierten, jedenfalls frustrierenden afrikanischen Erlebnisse. Die aber bilden den Großteil des Buchs

Nach vielen Jahren spielt also wieder einmal ein Theroux-Roman in Afrika – nach Fong, Girls at Play und anderen Frühwerken ab den späten 1960ern. Sicher recherchierte Theroux The Lower River schon auf der Reise, die zum Afrikabuch Dark Star Safari (2002) führte.

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