Romankritik: Die Liebe des letzten Tycoon, von F. Scott Fitzgerald (1940, engl. The Love of the Last Tycoon) – 7 Sterne – mit Video

F. Scott Fitzgerald portraitiert den fiktiven Hollywood-Mogul Monroe Stahr etwa 1935, den er teils nach dem Hollywood-Mann Irving Thalberg formt (Thalbergs Witwe sah keine Ähnlichkeit). Die Geschichte wurde 1976 mit Robert de Niro und Jack Nicholson verfilmt.

Fitzgerald selbst hat jahrelang in Hollywood gearbeitet, konnte den Roman aber zu Lebzeiten nur halb schreiben. Das vorliegende Fragment endet jedoch an einer passenden Stelle, ohne dass große Fragen offenbleiben. Die geplante weitere Handlung ist gut bekannt und wird in meiner englischen Bruccoli-Ausgabe als langes Zitat aus Fitzgeralds Korrespondenz wiedergegeben.

Fazit:

Fitzgerald erzählt mit bestechendem Ton, liefert starke Dialoge, Einzeiler, atmosphärische Beschreibungen, pfiffige Einblicke in kreative Aufgaben einer Filmfabrik. Die Lektüre lohnt nicht nur für Fitzgeraldologen, und der Roman ist auch unvollständig ein Genuss, auf einer Höhe mit dem großen Gatsby, Fitzgeralds anderem Meisterwerk.

Allerdings zeigt Fitzgerald seine Hauptfigur Stahr etwas zu souverän und überlegen: die Gespräche mit unzufriedenen Autoren, liebeskranken Schauspielern, augenkranken Kameraleuten und grimmigen Investoren sind intelligent, unterhaltsam und angedeutet menschlich, ein Regisseur wird so zügig wie elegant gefeuert – doch die Bewunderung des Autors gilt stets einzig und allein Stahr. Erst ganz am Ende des Fragments offenbart Stahr Schwächen. Der unklare Wechsel zwischen Ich-Erzählerin Cecilia und allwissendem Erzähler stört etwas.

Der Unvollendete:

Romanautor Fitzgerald starb 1940 in Los Angeles, bevor er zwei Drittel des geplanten Inhalts niedergeschrieben hatte. So konnte Fitzgerald sein Manuskript nicht mehr glattpolieren – und Nachbearbeiten war für ihn wesentlicher Teil des Schreibens, ebenso wie weiteres Verfeinern in Rücksprache mit dem Lektorat. Darum fragt man sich bei gefühlten kleineren Unstimmigkeiten, ob dies wohl so stehengeblieben wäre.

Den unvollständigen Text gibt es vor allem in diesen Fassungen:

  • 1941, The Last Tycoon, romanartig fertiggestellte Version von Edmund Wilson
  • 1993, The Love of the Last Tycoon, originalgetreuere Zusammenstellung mit weniger Überleitungen und vielen Anmerkungen, Manuskript- und Konzept-Reproduktionen von Matthew J. Bruccoli; diese Version hatte ich als englisches Taschenbuch

Unklare Perspektive:

Ich-Erzählerin ist Cecilia, die 18- oder 20jährige Tochter eines anderen Hollywood-Studiobesitzers und unsterblich in den etwa 35jährigen Stahr verliebt. Es ist immer problematisch, wenn ein Mann eine Frau sprechen lässt und hier reproduziert ein 44jähriger, kranker Alkoholiker in Geldnöten die Stimme einer 23jährigen reichen Tochter (die auf ihre Zeit als 18- oder 20jährige zurückblickt). Cecilias Ton ist angenehm lässig und selbstbewusst – aber vielleicht nicht ganz realistisch.

Zudem erscheinen Szenen, die Cecilia nicht miterlebt hat, die sie aber sehr präzise erzählt. Weil die Geschichte gleichwohl so überzeugend fließt, habe ich diese Unstimmigkeit zwar bald vergessen; sie gehört jedoch nicht zu den Stärken des Romans.

Vergleich mit weiteren Fitzgerald-Büchern:

Tycoon wirkt so geschlossen wie Gatsby, also deutlich homogener als Diesseits vom Paradies, Die Schönen und Verdammten und Zärtlich ist die Nacht

  • erstmals zeigt Fitzgerald einen Mann in der Hauptrolle, der nicht allmählich zugrunde geht
  • ebenfalls in Hollywood spielen Fitzgeralds Pat Hobby-Kurzgeschichten, sie haben aber einen völlig anderen, fast satirischen Ton
  • Fitzgeralds lesenswerte Hollywood-Kurzgeschichten Crazy Sunday und Last Kiss basieren ebenfalls auf Thalberg und seiner Frau, haben aber keine direkte Verbindung zum Tycoon-Roman oder zu Pat Hobby


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