Romankritik: Tadellöser & Wolff, von Walter Kempowski (1971) – 8 Sterne – mit Video

Walter Kempowski schreibt ein sehr sinnliches, eigenwilliges und altmodisches Deutsch, das jedoch stets kraftvoll und in der direkten Rede teils verspielt und/oder falsch tönt: „Entpörend… konfortabel… Immerhinque… vom Stamme Nimm… allerhandlei… Verstahne vous?… zu und zu schön“

Manche Sprüche erklingen wieder und wieder, wie altvertraute Möbelstücke.

All die sprachliche Finesse bringt meine btb-Ausgabe 3. Auflage 1996 über lange Strecken ohne jeden Tippfehler, dann passiert’s aber doch: „mach Hause“ (sic) heißt’s auf S. 391, dort m.E. kein Sprachtic des Sprechers.

Walter Kempowski (1929 – 2007) archiviert neben sprachlichen Antiquitäten auch Sitten und Objekte der 1930er, 1940er Jahre, darunter Butterrosen, ans Jacket geklammerte Hüte und Lehrer mit Kasernenhofton. Und er zeigt eine Familie, die mitten im Krieg eine wunderliche Normalität zelebriert – nicht hitlertreu, eher angenervt vom Nazischmarrn, aber nicht wirklich im Widerstand, an Alltagsritualen verbissen festhaltend. Der rebellische Teen kommt nicht an die Front, sondern in eine noch erträgliche „Pflichtgefolgschaft“. In einer zerbombten Stadt, 1942, heißt es lauschig:

Nach Tisch saß man immer noch ein Weilchen beisammen. Die Sonne schien ins Wohnzimmer, und der Kanarienvogel sang. „Kinder, wie isses schön…“

Und die Nachbarn „ließen immer die Wohnungstür offenstehn, damit der Mief ins Treppenhaus abzieht.“

1944 mutiert der junge Ich-Erzähler zum kratzbürstigen Pubertier, und während um ihn herum das Land zerfällt, Bomben ihm das Dach über dem Kopf wegreißen, pflegt er modische Tics und persönlichen Kleinkrieg mit Aufsichtspersonen.

Zwar gibt es keine dramatische Handlung. Das Drama entwickelt sich aus dem allmählichen, höhepunktfreien Zerfall von Land und Familie. Der Autor collagiert Sprach- und Erinnerungsbausteine virtuos zu einem komplexen, kleinteiligen Mosaik: erst mit einigem Abstand erkennt man die großen Linien. Doch Kempowski erzählt von einer ganz normalen Familiengeschichte in außergewöhnlicher Zeit in packend-passender, dabei leicht konsumierbarer Sprache. Die Sprache als solche „sagt“ hier viel mehr als in den meisten anderen Büchern. Sowas gibt’s heute gar nicht mehr.

Und auch das erfahren wir aus Rostock, Meckpomm:

S. 370: Der Kerl war ja auch in der Partei. Und wie kann man bloß „Merkel“ heißen.

S. 424: Frau Merkel, eigentlich eine dumme Pute.

Die Merkels kehren im Anschlussband Uns geht’s ja noch gold kurz wieder. Die Geschichte wurde 1975 fürs ZDF verfilmt – in Sepia. Die dreiteilige TV-Fortsetzung Ein Kapitel für sich folgte 1979 auf Basis weiterer Kempowski-Romane, darunter Uns geht’s ja noch gold.

Vergleich mit dem Nachfolgeband Uns geht’s ja noch gold

Der Collage-Mosaik-Stil in Uns geht’s ja noch gold ist weniger sprunghaft als in Tadelloeser & Wolff, der Stil wirkt etwas moderater. So bleibt Kempowski in Uns geht’s ja noch gold teils über mehrere Abschnitte hin bei einem Thema, das wäre in Tadelloeser & Wolf undenkbar. Nur in Uns geht’s ja noch gold gibt es ausgeprägtere Rückblenden, während Tadelloeser & Wolff viel strikter das Hier und Jetzt beschreibt, also die Jahre 1938 – 1945. Tadelloeser & Wolff fügt sich insgesamt zu einem runderen Erzählbogen als Uns geht’s ja noch gold.

„Gold“ interessiert sich deutlicher für untergeschossige menschliche Ausscheidungen und liefert in meiner älteren dtv-Ausgabe mehr Grammatikfehler.

Man könnte meinen, dass Tadelloeser & Wolff mit seinem Blick auf die Kriegszeit mehr Leid und Stress schildert, tatsächlich ging mir jedoch Uns geht’s ja noch gold mehr ans Gemüt – wegen der Plünderungen und Vergewaltigungen, teils in der erzählten Jetztzeit, teils in Rückblicken. Und Kempokenner ahnen, dass in „Gold“ weitere Leidprüfungen bevorstehen.

Freie Assoziationen:

  • Die Buddenbrooks, wegen der Handelsfamilie an der Ostsee und der sinnlichen Sprache mit purzelnden Vokalen (aus ähnlichem Milieu stammt auch Tonio Kröger, und Kempowski hat eine Anna Kröger im Personal) (im Anschlussband Uns geht’s ja noch gold werden die Buddenbrooks und Thomas Mann ausdrücklich angesprochen)
  • Weitere Kempowski-Bücher wie Uns geht’s ja noch gold (die Fortsetzung von Tadellöser und Wolff, der titelgebende Satz erklingt mehrfach bereits in Tadelloeser & Wolff) und Heile Welt wegen des unverwechselbaren Kempo-Ideolekts (der in Tadelloeser & Wolff dank Ich-Erzähler eher überzeugt als beim teil-auktiorialen Erzähler der Heilen Welt)
  • Günter Grass‘ Katz und Maus: Er beschreibt auch Jugendliche im Krieg im deutschen Nordosten, die teils mehr mit Privatkram als mit dem Großenganzen hadern; Ton und Inhalt unterscheiden sich jedoch deutlich

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