Romankritik: Seehamer Tagebuch, von Isabella Nadolny (1960) – 4 Sterne

Das Tagebuch geht über ein Jahr – circa 1960 – und Nadolny trägt viele Belanglosigkeiten ein, speziell bei ihrem Segeltörn auf dem Mittelmeer und nach der Zeitungslektüre. Isabella Nadolny  (1917 – 2004) ist sprachlich gut und gediegen, wie schon im autobiografischen Vorgänger Ein Baum wächst übers Dach.

Doch diesmal nörgelt Nadolny sauertöpfisch über Zeitgenossen, deren Lebensstil sie nicht goutiert, reagiert pikiert auf Vulgarität, moniert wiederholt den Touristenauflauf in ihrem Chiemseeblick-Domizil, verallgemeinert beleidgt. Namen nennt Nadolny dabei nie, außer – warum? – bei der halbchinesischen Autorin Han Suyin, deren Selbstbesessenheit die Suyin-Übersetzerin Nadolny offenbar grämt (ich kenne einige Bände von Suyins wortreicher Autobiografie und wundere mich nicht).

Viel interessanter als Nadolnys Reaktionen auf Tagesbanalitäten sind kleine Vignetten, die aus den Alltagsnotizen herausragen, etwa die Aufreihung aller Familienautos und ihre wechselnde Haltung zu diesen Gefährten, Besuche im Theater und im Schönheitssalon. Solche Piècen erscheinen jedoch selten.

Der deutlich bessere (und nicht tagebuchartige) Vorläufer Ein Haus wächst übers Dach gefiel auch durch den ausführlich, dabei unaufdringlich geschilderten Familienzusammenhalt. Einige der Figuren aus diesem Vorgänger erscheinen im Seehamer Tagebuch teils unerklärt gar nicht oder nur sehr sporadisch.

Nadolny mokiert sich auch über neumodische Sätze wie „Sie war so deprimiert über den Tod ihres Mannes“ (Eintrag vom 3. März). Im Nachfolgeband Providence und zurück verarbeitet sie dann den Tod des eigenen Partners (Providence erinnert in Wehleidigkeit und Selbstgerechtigkeit an das Seehamer Tagebuch, ist aber etwas weniger  aufdringlich).

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